Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den Städten am Euphrat getroffen habe? „... Wir werden sterben, wir wissen es.“ Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: „Une fois j’étais un prètre, maintenant je suis un mouton, qui va à mourir.“

Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes, zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, als wäre ich der letzte Mensch.

Der Hafir, den 16. Oktober.

Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe entgegen — die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh gealtert ist.

Aleppo, den 19. Oktober.
Bei den deutschen Schwestern.

Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns wieder mit Stambul verbindet.

Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.

In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien, bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren. Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes als jede andere Tat es vermöchte.

Konia, den 28. Oktober.
Im Bade.

Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch den Raum.