In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser, und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über menschliches Elend geschrieben wurde.

Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte, ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen. So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen Gesichtern in den Winkeln standen.

Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.


[3] der Hedschra.

An die Großmutter

Kospoli, den 12. November 1916.
An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.

Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges, für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt, Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen: Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in so weite Tiefen hinab mußtest!

Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen: „Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu Lande und zu Wasser ...“ hier aber wird es plötzlich still um mich, und umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: „Daß ich niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu richten. So wahr mir Gott helfe!“

Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.