Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen, ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen, daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.

Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute! Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon alle der „Straße mit den tausend Zielen“ angehören. Daß ich ein Buch Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen, die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.

Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens, hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem wir berufen sind. „Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...“ wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen. Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren, haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören?

Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend, eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank, saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon, und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft, mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich immer wieder beglückt.

Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer schärfen und mit mir über die „Apfelsinen-Seele“ plaudern. Unter einem halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten, und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft ich am Tage an Sie denke.

An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten

Bagdad, den 18. Januar 16.
Diesseits des Flusses.

Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst eingenommene Festung bin.

Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht, weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den Menschen besiegt.

Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter Palmen. Palmen — dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen. Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die Sonne schien durch die offene Tür.