Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen, und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett. Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt, die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange Wochen mit mir durch die Wüste trug. „So viel Liebe! So viel Liebe!“ dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja, einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen Herzen verschlossen hielte.
Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten, während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen. Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett das „Fieberschiff“ getauft und über Meere und Länder die abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun.
Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen? Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. „Dies ist mein Neujahrs-Punsch,“ sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens, und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.
Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.
Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel entgeht.
Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.
Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend. Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet.
An die Großmutter
Bagdad, den 20. Januar 16.
Im Hause zu den elf Fenstern.
Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht. So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen. Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt, daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.