Frau Selicke: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg’ Dich schlafen! ... Du bist todtmüde! ...
(Walter und Albert gehn in die Kammer.)
Toni (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch ’n bischen ruh’n, Mutterchen!
Frau Selicke (nervös; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni? ... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ... Er sah mich grade an, wie: na, was willst ’n Du? ... Wer bist ’n Du? ... Als ob ich ’n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt’ ich froh sein, wollt’ ich froh sein, wenn ich an Deiner Stelle wäre, mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein’n ordentlich an! ... Wie schön weiss ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben, blonden Härchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen über.) Die lieben, blonden Härchen! ...
Toni (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein, Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! — Er ist ganz verändert! ...
Frau Selicke: Nein! Nein! Der wird nie anders! In dem Blick ..., wie er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn Du ’s doch wärst! ... Ach, und ich wollt ’m ja so gerne Platz machen! Weiss Gott im hohen Himmel! ... Ach — so — gerne!
Toni (traurig): Nein! Das hat er sicher nicht gedacht!
Frau Selicke: So gerne wollt’ ich ’m den Gefallen thun! ... So recht aus Herzensgrunde wünscht’ ich das! ... Aber ’s is, als ob der liebe Gott grade mich ausersehn hätte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.)
Toni: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir müssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann — wird alles gut werden!
Frau Selicke: Ach, ich bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ... Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich mit ’m gewesen! .... Ach Gott, schon um ’n lieben Frieden willen! .... Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach ’n bischen Ruh und Frieden ... nur ein bischen Ruh und Frieden ...