Toni (löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben in’s Zimmer. — Toni will auf die Flurthür zugehen und den Kindern verbieten, die draussen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.)
Frau Selicke: Die sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme): Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, vor sich hinbrütet, achtet nicht auf sie.) Vater! ... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen über.)
Selicke (rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck): Du! ... Mein Linchen! ... (Schluchzt unterdrückt.)
Frau Selicke (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater, komm! ... Komm hier fort! ...
Selicke: Du! ... Mein Linchen! ... Warum Du? (Starrt vor sich hin.)
Frau Selicke (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir wollen uns von jetzt ab — rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater?
Selicke (richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem todten, ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen, wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über das Bett und küsst die Leiche. Weich, zärtlich): Leb wohl! ... Leb wohl, mein gutes Linchen! ... Du hast’s gut! ... Du hast’s gut! ... (Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sopha noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das Fenster gewandt, laut schneuzt.)
(Kleine Pause.)
Frau Selicke (wieder in Thränen ausbrechend): Warum hat uns — der liebe Gott das — Kind genommen?! ... und ich ... und ich — muss mich — weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich ’m das eben sagte: er hat mich — kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft in ihr Taschentuch, in das sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat. Laut, sehnsüchtig): Ach, hol’ mich bald nach, mein Linchen! Hol’ mich bald nach! ...
Toni (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ... Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...