Näher und näher kommt der Herbst. Die Fasanen halten sich nicht mehr am Forsthause auf. Sie streichen umher, über den Teich, um im Schilfe Schnecken und Käfer zu suchen, hinaus auf die Felder, um ausgefallene Weizenkörner zu naschen. Der Oktober naht, die Jagdzeit der Fasanen. Aber hier im Heimatsrevier wird so früh mit dem Abschuß nicht begonnen. Schade um die kleinen, scheckigen Dinger, es ist ja noch gar nichts daran, mögen bis zum November bleiben, sagt der Jagdherr und läßt täglich Futter streuen, damit die bunten Gesellen nicht nach Nachbarrevieren auswandern auf der Nahrungssuche.
Endlich ist der große Tag gekommen, der letzte für manchen bunten Hahn, der Tag der Fasanenjagd. Schon vom frühen Morgen an sind die Fasanen durch Wachen gehindert worden, in die Felder zu bummeln, sie halten sich alle in der „Fasanerie“ mit ihren Brennesseldickichten, den Schilf- und Rohrbeständen auf. Gegen zehn Uhr begeben sich die wenigen Schützen auf ihre Stände an den Schneisen. Die Treiber sind schon angestellt und auf das Hornsignal des Jagdherrn setzen sie sich in Bewegung. Langsam treiben sie auf die Schützen zu, schlagen auf jeden Busch mit dem Stock, und treten jeden Grasbüschel nieder. Lärm darf nicht gemacht werden. Sonderbar, wo sich sonst Fasanen in Hülle und Fülle umhertrieben, da ist heute noch keiner zu sehen. Sie laufen vor den Treibern, ohne aufzufliegen. Der junge Treiber wird schon ungeduldig. Da endlich steht mit lautem Pips und Flügelschlag eine Henne auf und streicht über die Treiber zurück. Und jetzt geht gackernd der erste Hahn hoch. Rasch und rascher fliegt er vorwärts. Jetzt ist er im Zuge und streicht ohne Flügelschlag und doch gar rasch über die Schützen. Bumm, fällt der erste Schuß, aber nur eine Feder im langen Stoß (Schwanz) des Hahns ist geknickt. Bumm, der war besser. Wie ein nasser Sack fällt der fette Vogel zu Boden und schlägt auf, daß die bunten Federn stieben. Ein Hahn nach dem andern fliegt hoch, passiert die Schützenkette und fällt zu Boden. Schon sind die Treiber ziemlich nahe an die Schützen heran, da fliegen auf einmal zwanzig, ja dreißig Fasanen auf. Jetzt fordert es ein scharfes Auge, rasch Hahn und Henne zu unterscheiden. „Langsam treiben, laden lassen, langsam, langsam,“ mahnt der Förster die Treiber. Jetzt stiebt es förmlich von Fasanen. Gackernd fliegen die Hähne hoch. Der wird schon im Auffliegen von den Schroten ereilt, der wieder gerade über den Schützen, ein andrer ist schon ziemlich zwischen den Stämmen des nächsten Bestandes verschwunden, da wirft ihn der nachgesandte Schuß zu Boden. Wahrlich, man versteht, daß früher Fasanenjagd zur Hohen Jagd gerechnet wurde! Ein bunteres Bild ist nicht zu denken. Allenthalben rasseln und prasseln die Vögel auf, wie Salven knallen die Schüsse. Dazwischen huschen Kaninchen über die Schneise und schlagen Rad oder laufen weiter auf den Schuß. Der sicherste Schütze steht am Graben und schießt wie jedes Jahr so auch diesmal den Fuchs, der Fasanenbraten über alles schätzt. Geängstigt stieben Rehe in rasender Flucht über die Schneise. Endlich ist der Trieb zu Ende. Von allen Seiten schleppen die Treiber das Wild herbei. Kupfer- und Ringfasanhähne, wohl an die sechzig, keiner reinrassig, jeder mit etwas Blut vom andern, einige Hennen, die ein „Frauenmörder“ versehentlich erlegt, ein paar Kaninchen und Hasen und ein Fuchs, das ist die Strecke vom ersten Triebe.
Wie Bronze, Gold und Smaragd, so flimmert es über den Vögeln, die friedlich auf dem grünen Rasen ruhen neben dem Fuchs, ihrem Todfeind im roten Rocke. Dazu der Wald im herbstlichen Gewande und die Jäger in ihren oft humorvollen Trachten, die Treiber in ihren ältesten Kleidern — denn beim Durchkriechen der Fichtendickichte und Brombeergestrüppe ist gutes Zeug nichts nütze —, wie Räuber beinahe anzuschauen, ein herrliches, buntes, unvergeßliches Bild.
Neuntöter
Das Nixloch ist ein kleiner Steinbruch, in dem ein Wassertümpel steht. Schon jahrzehntelang hat man dort keinen Stein mehr geholt, denn viel taugen die alten Tonschiefer nicht, höchstens zum Beschottern der Straßen lassen sie sich verwenden. Nun haben sich Pappeln und Weiden darin angesiedelt, einige Birken auch, und der Holunder, den die Amsel hier säte, sprießt und wuchert. Auf den sandigen Lehm, den die Kaninchen durchwühlt haben mit einem Labyrinth von Gängen, hat sich Schwarzdorn eingenistet und bildet einen kleinen Urwald für sich.
Kein Weg führt bis ans Nixloch heran, von der Landstraße sieht man nur die Bäume und Sträucher über das Getreide weggucken, ung und ong tönt der Unkenruf am Abend herüber; eine verzauberte Welt meint man hinter dem Halmenwalde versteckt. Und wahrlich, wie ein Zaubergarten mutet auch der alte Steinbruch an. Wie Silberglocken tönt das Fallen der Wassertropfen, die vom übermoosten Steine ins Wasser hinuntertränen. Dazu das Trillern der Wechselkröte, das Plärren des Laubfrosches, der Märchenlaut der rotbauchigen Unke, das Wispern von Schilf und Rohr, das Klappern der Espenblätter, eine träumerische Stimmung herrscht im Nixloch. Kein Wunder ist es, daß hier gern die Fasane unter Brombeerranken ihr Gelege bergen, daß das kleine, grünbestrumpfte Teichhuhn mit dem roten Strumpfband hier die Kinderschar groß zieht, daß der starke Rehbock, der immer über der Grenze steht, sein Mittagsschläfchen gern hier abhält. Kein Wunder auch, daß der Neuntöter nun schon seit vielen Jahren hier seinen Erbsitz hat.
Im Mai kommt er an aus dem Süden, wenn die meisten Vögel schon Junge füttern. Dann setzt er sich auf die Kirschbäume an der Landstraße, dreht langsam mit dem langen Schwanz, daß man die weißen Federhälften und ihre schwarzen Enden deutlich sehen kann. Im Bogenfluge geht es weiter, wenn man ihm nahe kommt; dann zankt er gedämpft mit ga, ga. Immer sitzt er auf den äußeren Zweigen des Baums, ganz oben auf der Spitze oder an der Seite, denn freie Umschau will er haben.
Da schwebt er nieder zum Boden, dicht über dem Grase rüttelt er ein kleines Weilchen, dann fällt er mit hochgehobenen Flügeln nieder, packt den erspähten Laufkäfer und fliegt mit ihm zum nächsten Baume. Dort sitzt er in der Sonne. Wie sein aschgrauer Scheitel leuchtet, wie schmuck der schwarze Bartstreifen aussieht! Kastanienbraun schimmert der Rücken, weißlich mit rosigem Anflug Brust und Bauch. Jetzt nimmt der kleine Räuber seine Beute zwischen die Zehen und beißt und reißt mit dem schwarzen, zahnbewehrten Schnabel und schluckt die genießbaren Teile seiner Beute hinunter. Den Rest läßt er fallen. Ein Maikäfer brummt vorüber, dem ist er gleich auf den Socken. Schnapp hat er ihn und verzehrt ihn dann auf dem gleichen Flecke wie den ersten Fang. Wieder schwebt er zum Boden. Diesmal hat er eine Grille gefangen, danach wieder eine Heuschreckenlarve. Aber nun ist er satt. Er putzt sich zunächst ein wenig, knabbert in den Flügelfedern, ordnet in den Bürzeldecken und zieht die Schwanzfedern einzeln durch den Schnabel.
Aber dabei hat er seine Augen überall, sein Ohr ist jederzeit bereit, etwas Auffälliges zu melden. Jetzt fährt der Kopf herum. Lauschend sitzt der Würger. Dann fliegt er ein Stückchen an der Straße entlang und stößt dann heftig nach unten. Es scheint etwas Großes zu sein, was er gefangen hat. Er fliegt auf und läßt sich mitten auf die Straße nieder. Vor ihm zappelt ein graues Ding, das mit kräftigen Schnabelhieben bearbeitet wird. Eine Feldmaus hat er gehascht, die beinahe so groß ist wie er. Sie piept und zappelt und will fort, aber Hieb auf Hieb saust nieder auf ihren Kopf, daß sie bald ruhig wird, noch einige Male mit den Hinterbeinen zuckt und dann still liegt.
Nun, Würger, du Strauchdieb, was willst du denn mit so großer Beute machen? Der Dorndreher zerrt sie hin und her, kneipt hier ins Fell und da, hebt die Maus prüfend in die Höhe, und dann schlägt er mit doppelter Kraft seine Flügel und fliegt auf zum Kirschbaum. Frohlockend schlägt er mit dem Schwanz, er ist sicher zufrieden mit seiner Leistung. Dann geht’s zum nächsten Baum und nach einer Ruhepause wieder weiter. Nun fliegt er gar mit seiner Beute ganz hinauf auf die Spitze des Kirschbaums. Dann kommt eine lange, lange Pause. Der Räuber will die dreißig Schritt bis zum Nixloch fliegen, er sammelt Kräfte. Und nun geht’s munter los. Zwanzig Schritt wagrecht sind zurückgelegt, jetzt geht es schräg abwärts, aber bis zum Busche langts noch. Sieh, da sitzt Freund Neuntöter auf dem Schlehbusch und hat die Maus noch im Schnabel!