Nun fliegt er zu seinem Lieblingssitz, dem dürren Dornbusch, der alle andern überragt. Wie ein spitzer Nagel, so spießt aus dem Sitzast des Würgers ein Dorn heraus. Der Dorndreher schwenkt seine Beute in die Höhe, läßt sie niederfallen auf die Dornspitze und gibt ihr zuletzt einen kräftigen Ruck, daß sie festgespießt am Dorne sitzt. Dann zupft der Würger und rupft am Mausefelle, bis er hinzukann zum saftigen Fleisch. Einige kleine Stückchen reißt er ab und schluckt sie hinter, das Gehirn und einige kleine Knöchelchen wandern in den Kropf, dann ist der schmucke Kerl gesättigt. Nun sitzt er faul und dick in der Sonne, dreht den Kopf rechts und links und verdaut.

Neuntöter, wo hast du denn deine Frau? Sie ist wohl noch nicht eingetroffen, bummelt noch ein wenig an der Riviera umher oder sonstwo in Italien? Du bist mir ein schöner Kerl, läßt deine Frau allein durch die Welt reisen, wie nun, wenn sie unterwegs andre Bekanntschaften anknüpft und irgendwo anders einen Ehebund eingeht?

Doch sieh, wir haben dein treues Weib umsonst verdächtigt, nach einigen Tagen kommt sie an. Zwar ist ein hübscher, schmucker Würgerjunggeselle bei ihr, aber dem hat sie wohl nur „für unvorhergesehene Fälle“ erlaubt, sie zu begleiten. Nun sie sieht, daß du noch heil und munter bist, daß kein Schlagnetz deiner Freiheit, kein gelber Sperberfang deinem Leben ein Ende gemacht hat, ist sie die treue Gattin wieder und hilft dir den Reisebegleiter aus dem Revier hinausbeißen. Und der arme Kerl, der sich so in seinen schönsten Träumen betrogen sieht, macht nur einen schüchternen Versuch, das zarte Verhältnis, das er auf der Reise knüpfte, fortzuspinnen. Dann hat er die eifersüchtigen Schnabelhiebe des rechten Ehemanns satt, er mag auch das abwehrende Beißen seiner Schönen nicht mehr erdulden und sucht deshalb das Weite, um anderswo vielleicht doch noch Liebesfreuden zu finden.

Nun heißt es aber, eilig ein Nest bauen, durch die Streitereien mit dem Nebenbuhler ist schon Zeit verloren worden. Nun schleppt Frau Würger Halme und Würzelchen in den Dornbusch. Eine Unterlage bieten die quirligen Schlehenäste. Das viele Ab- und Zufliegen strengt an, deshalb versucht Frau Würger eine schüchterne Bitte beim Eheliebsten, er solle doch ein bißchen mit zutragen helfen. Aber da kommt sie schön an. Er sollte sich wohl seinen schönen, bunten Hochzeitsrock verderben, wenn er am Boden umherkröche. Sie hätte doch nun einmal das einfarbige braune Arbeitskleid, und wenn auf die gewellte Brust noch einige Schmutzspritzer kämen, dann täte das doch auch weiter nichts. Und fort fliegt er zur Landstraße, um in dicken Mistkäfern und grünen Grashüpfern zu schwelgen und der Frau die Arbeit zu überlassen. Na, schließlich wird sie doch beendet und eines Morgens liegt das erste grauweiße Ei mit einem Kranz von Flecken am stumpfen Ende im Nest.

Nun ist Herr Würger wieder der liebenswürdigste Gatte von der Welt. Voll Stolz betrachtet er das gelegte Ei, dann steigt er in den Dornen in die Höhe, um seiner Gattin ein Lied vorzusingen. Er erinnert sich an die Gesänge der Lerche und der Grasmücke, des Rohrsängers und der Schwalbe, stiehlt aus allen einige Laute und komponiert ein allerliebstes Potpourri, das er mit leiser, etwas belegter Stimme singt. Er scheint zu fürchten, daß ihm die Zugluft den Sang ganz verderben und ihn heiser machen könnte, deshalb macht er den Schnabel nur wenig auf und singt gedämpft. Seine Gattin hört’s schon und freut sich darüber.

Mit Freude und Gesang vergehen so die nächsten Tage, und immer liegt ein Ei mehr im Neste. Bald sind’s sechs, und nun ist’s genug. Den Dorndreher macht die Freude über das vollendete Gelege weich, und er läßt sich sogar herbei zu dem Versprechen, auch ein wenig mit brüten zu helfen.

Da auf einmal ist die freudige Stimmung verflogen, ein grauer Vogel, der beinahe wie ein Sperber aussieht, nur daß er schwache Füße und einen Drosselschnabel hat, der kommt herbeigeflogen und guckt in das Würgernest hinein. Da packt das Dorndreherpaar die Wut. Sie stürzen sich unter laut zeterndem Gäckgäckgäck auf den Fremdling, zausen ihm die Federn und zwicken ihn, so sehr sie können. Da fliegt er auf und davon, noch ein Stück verfolgt von den Würgern.

Heute abend soll das Brüten beginnen, da macht sich Frau Dorndreher noch einmal auf mit ihrem Mann, und beide unternehmen einen kleinen Jagdflug, die Landstraße entlang. Mancher Käfer wird erbeutet, manche Fliege muß sterben, dann eine kleine Eidechse, und auch die dicke Raupe eines Weidenbohrers, die aus dem Stamme der Pappel herausguckt, wird gefangen, ein Mäuschen auch. Dann kehrt das Würgerpaar wieder zum Neste zurück. Die Eidechse und die Maus haben sie mitgebracht und spießen sie auf die Dornen. Dann sehen sie sich die Kinderwiege an.

Doch was ist denn das? Das Nest sieht so unordentlich aus, einige Halme spießen heraus, der Rand ist niedergedrückt, weiß der Kuckuck, wer hier sein Spiel getrieben hat. Und dort liegt gar ein zerschlagenes Ei am Boden. Aber es scheint auch keins zu fehlen, nur eins sieht etwas kleiner aus als die andern, ist auch mehr grünlich gefärbt.

Lange betrachten die Vögel die Veränderung, jeder wirft dem andern vor, er hätte besser aufpassen sollen, beinahe wäre es zum Streit gekommen. Doch noch zur rechten Zeit gibt die Gattin das Keifen auf und setzt sich aufs Nest zum Brüten. Zehn Tage sitzt das Weibchen fest. Da piept und pickt es unter ihrem Brustgefieder, am elften kriecht ein Junges aus. Ihr kommt die Zeit etwas kurz vor, sie bleibt deshalb noch sitzen, der Gatte muß das ausgeschlüpfte Junge einstweilen füttern. Zwei Tage dauert es noch, dann kommen auch die andern Kleinen zur Welt. Ihr Bruder ist unterdessen schon recht gewachsen, unaufhörlich schreit er nach Futter. Kommen die Alten herbei, dann springt er ungestüm empor und reißt den gelben Rachen auf, und dabei fällt dann eins der Spätgeschlüpften nach dem andern aus dem Neste. Schließlich ist der kleine Nimmersatt allein übrig und schlingt und wächst. Nach einiger Zeit ist er schon größer als die Eltern.