Nun wird denen aber die Sache unheimlich, sie fliegen zur Sperbergrasmücke, die am andern Ende des Dornbuschs ihr Nest hat. Und siehe da, die klagt über das gleiche Übel: alle Kinder tot bis auf eins, das gar nicht satt werden will und immer weiter wächst. Der Kleine im Sperbergrasmückennest sieht ihrem eigenen Kinde zum Verwechseln ähnlich, aber von Familienähnlichkeit ist keine Spur zu entdecken. Immer weiter wächst das Junge, es ruft mit seinem Piepen unausgesetzt nach Nahrung. Schließlich fliegt es hinaus aus dem Neste und klammert sich auf einem Zweige fest. Verwundert begucken die Würger ihr Kind. Es sieht so dunkel aus mit grauen Binden auf dem Rücken, der Bauch ist weißgrau mit dunklen Binden. Und dann die Füße, zwei Zehen nach vorn, zwei nach hinten gedreht. Das ist nicht von mir, zetert der Würgervater; ich bin seine Mutter nicht, zankt die Würgerfrau. Aber wir haben es aufgezogen, da wollen wir es nur auch vollends auffüttern.
Und der Dank? Im nächsten Jahre legt vielleicht der kleine Kuckuck sein Ei in ihr Nest und verdirbt ihnen ihre Brut, weil sie ihn so selbstlos ausgebrütet und aufgepäppelt haben.
Zwergreiher
Mai war es. Der Flieder blühte und duftete im Garten, und der Goldregen prahlte mit seinen herrlichen Giftblüten. Die Kastanien, die den Weg am Teiche überschatten, hatten sich mit Blütenkerzen geschmückt, die Wiesen waren bunt von gelben und roten Blüten. Zwischen dem alten, gelben Schilfe schossen die saftig grünen Hellebarden des jungen Rohrs empor, und die Schwertlilie wickelte ihre gelben Blüten auseinander.
Im dichten Walde der Rohrhalme herrschte reges Vogelleben. Der große Rohrsänger lärmte und schrie sein Karre kiet von früh bis spät, und die kleineren Verwandten sangen dazwischen. Mit leisem Piepen umschwammen junge Stockenten die Mutter, fingen Mücken vom Wasserspiegel und paßten auf jedes Würmchen auf, das die Alte durch Wassertreten vom schlammigen Boden aufwirbelte. Auf dem Wasserspiegel jagten sich die zänkischen Blässen, der Rothalstaucher brüllte sein Liebeslied, von der seichten Bucht im Rohre klang das Trillern des Zwergtauchers, das hohe Kurr des Teichhühnchens.
Am Abend wird das vielstimmige Konzert etwas leiser. Da tönt ein sonderbarer Laut über das Wasser. Ist es die Stimme eines Kettenhunds, die vom fernen Dorfe herüberklingt, man könnte es fast meinen. Und doch ist der Sänger nicht so weit entfernt. Dort, wo das vorjährige Schilf ganz dicht steht, dort rauschen und zittern die Halme, ein Tier scheint sich zwischen ihnen zu bewegen. Jetzt ertönt der sonderbare Laut wieder, aber in der Nähe klingt es doch ganz anders als Hundegebell. Rur, rur, tönt es, ganz ähnlich, wie es die Haustauben hören lassen, wenn sie im Schlage gestört werden, nur lauter. Die Halme bewegen sich wieder. Und nun erscheint der sonderbare Sänger über dem Rohre. Aber leicht ist er nicht zu sehen. Genau so fahl wie das verwitterte alte Schilf ist das Kleid der kleinen Rohrdommel, nur der Scheitel ist schwarz und der größte Teil der Flügel. Aufmerksam spähen die gelben Augen in die Runde, schnell wird der Kopf mit dem gelben Dolchschnabel nach allen Seiten gedreht.
Nichts Verdächtiges ist zu entdecken. Drum wandert der Zwergreiher weiter. Die langen, grünen Zehen an den runden, grünen Beinen umfassen drei oder vier Rohrhalme zu gleicher Zeit, am liebsten da, wo sie sich schon zusammenneigen, so daß sie fast gar nicht rauschen und zittern, wenn die Rohrdommel an ihnen klettert. Dazu kommt noch, daß der kleine Reiher sehr leicht ist. Er erscheint zwar ziemlich groß, aber das macht das lockere Gefieder, in Wirklichkeit ist er nicht schwerer als das zierliche Turteltäubchen. Kein Wunder, daß sich das Schilf nur leise bewegt, wenn der Zwergreiher seinen schmalen Körper hindurchschiebt.
Vom nahen Fichtenhorst löst sich ein Schatten, schaukelt hierhin und dorthin und naht sich dann dem Teiche. Eine Waldohreule ist es, die an den Teichdämmen nach Fahrmäusen suchen will. Tief schwebt sie über den nassen Wiesen und schwingt sich dann übers Schilf, um den Teich zu überfliegen. Was wird die Rohrdommel zu ihr sagen? Vergebens suchen wir jetzt nach ihr. Leise bewegen die Schilfhalme ihre dunkeln Wedel hin und her im Abendwinde. Dort, wo die drei Halme geknickt sind, saß sie, ehe unsre Aufmerksamkeit durch die Eule abgelenkt wurde. Und was ist das für ein dunkler Fleck, der sich dort findet und langsamer im Winde schaukelt als die Rohrwedel? Ein gutes Glas zeichnet die verschwommenen Umrisse schärfer. Es ist wirklich der Zwergreiher. Er hockt auf den Fersen und hat den Kopf mit dem Schnabel steil auf dem eingezogenen Halse nach oben gereckt. Wahrlich, eine bessere Schutzstellung gibt es für den rohrfarbigen Vogel nicht, er verschwindet völlig in seiner Umgebung, und da er still sitzt wie aus Stein gemeißelt, ist er beinahe unsichtbar.
Eine Viertelstunde mag verflossen sein, die Eule ist längst außer Sicht und alles still und ruhig rings. Da endlich wagt der kleine Angsthase auf seiner Rohrwarte, sich zu bewegen. Langsam rückt er den Kopf höher, reckt den Hals gerade und schaut sich lange nach allen Seiten um. Alles erscheint sicher. Da streckt die Rohrdommel die Beine, greift sich noch vorsichtiger als vorher an den Halmen weiter und zieht sich ins dichte Röhricht zurück. Dort, wo sie sich sicher fühlt, läßt sie auch wieder ihre Stimme erschallen: rur, rur, rur.
Nacht ist es, und unsere Freundin ist hungrig geworden. Sie steigt im Rohre in die Höhe und fliegt auf. Gewandt weiß sie die Flügel zu gebrauchen, wie eine Dohle sieht sie beinahe aus, da sie den Hals ganz eingezogen trägt im Fluge und die Kehle auf der Gurgel ruhen läßt. Sie fliegt über das Rohr dahin, schwenkt um die alten Weiden und strebt der seichten Bucht zu, wo die Fischer bisweilen den Kahn an einem dicken Pfahle anbinden, wenn sie Reusen gelegt haben. Dort, in dem seichten Wasser tummeln sich Scharen kleiner Fischchen, die Bucht ist schön versteckt zwischen den hohen Schilfbeständen, dort jagt die Rohrdommel am liebsten. Sie fällt zunächst in das Rohr ein und sichert lange nach allen Seiten. Dann fliegt sie zur Schlammbank. Hochauf schürzt sie ihr Federkleid und watet langsam und bedächtig ins Wasser. Jetzt sieht der kleine Reiher beinahe wie ein Teichhühnchen aus, er trägt den Körper wagrecht, ja, er wippt sogar mit dem kleinen Schwänzchen nach Teichhuhnart.