Ein kleiner Gründling schwimmt langsam durchs Wasser und schnappt nach den dicken, roten Wasserflöhen, die taktmäßig auf und nieder hüpfen. Ganz vertieft ist er in seine Beschäftigung und ahnt nicht, wie nahe sein Todfeind steht. Arglos macht er eine Wendung und kommt der Rohrdommel noch näher. Da zuckt wie ein Blitz der gelbe Schnabel vor, das Fischchen ist erfaßt und rutscht durch den weiten Schlund des Zwergreihers. Frohlockend wippt und zuckt der glückliche Jäger mit dem Schwänzchen, schüttelt die Wasserperlen aus dem weichen Halsgefieder und watet weiter.
Die dicke Larve des Taufroschs, die mit ihrem Hornschnabel den Algenüberzug vom Rohrstengel abgenagt hat, schwänzelt sich zur Wasseroberfläche, um Luft zu schnappen. Doch wie sie auftaucht, ist sie auch schon vom spitzen Schnabel erfaßt und ohne Umstände verschlungen. Einer Libellenlarve, die das Atemrohr aus dem Wasser hebt, geht es gerade so. Dann kommt eine kleine Schleie daran und dann noch eine. Nun der Zwergreiher Schleien gefressen hat, mag er für heute nichts anderes. Die schmecken ihm besonders gut und dann lassen sie sich auch so leicht verschlingen, sie haben gar nichts Kratziges an sich wie der Barsch mit seiner stachligen Rückenflosse und den sperrigen Kiemendeckeln oder gar der kleine, dürre Stichling mit seinen feststehenden Rückenspießen. Eine Weile watet der kleine Reiher noch im Wasser umher, guckt eine Kaulquappe verächtlich an und läßt sie schwimmen und macht es mit einem Gelbrand geradeso. Schleien will er haben. Aber es kommen keine mehr. Deshalb rührt die Rohrdommel die Flügel und sucht einen andern Fischplatz.
Quer über den Teich fliegt sie, dem Rittergute zu. Dort, wo die Hausenten sich am Tage umhertreiben, wimmelt es von Wasserflöhen, und deshalb ziehen die Jungfische gern hierher. Dort fischt und jagt der Zwergreiher bis gegen Morgen, bis der Himmel sich rötet und im Dorfe die Hähne krähen. Dann eilt er wieder seinem Versteck im Rohr zu. Der Förster aber wundert sich über die sonderbaren Spuren, die er im seichten Wasser neben Abdrücken von Entenbeinen findet. Er weiß ja gar nichts von dem heimlichen Gast im Rohr, da er dessen Stimme nicht kennt und ihn am Tage nicht zu sehen kriegt.
Der August ist gekommen. Die Felder stehen kahl, die Ernte ist beinahe beendet. „Die schönste Zeit des Jahres ist vorüber, die Hirsche fegen!“ sagt der Förster, als er auf seinem Reviergange einige übel zugerichtete Fichtenbäumchen findet. Der Teich scheint völlig ausgestorben zu sein. Selten nur treibt sich eine Blässe oder ein junger Taucher am Schilfrande herum. Aber das scheint nur so. Die Enten sind noch in der Mauser, die meisten können überhaupt nicht fliegen, da ihnen die Schwungfedern alle auf einmal ausgefallen sind. Doch schon streichen am Abend die jungen ausgefiederten umher. Die Zeit der Entenjagd ist gekommen, man darf nicht mehr zögern, wenn nicht alle fortstreichen sollen. Die Vorbereitungen sind schon in den letzten Wochen getroffen. Allenthalben unterbrechen breite Schneisen den Rohrwald.
Und eines Morgens nahen sich die Grünröcke, ein Dutzend Jäger, jeder mit einem oder zwei Hunden, wandern rauchend und plaudernd dem Teiche zu. Still verfügt sich dann jeder auf den Platz an der Schneise, der ihm angewiesen wird, der Förster aber steigt mit seinem Hunde und einem bevorzugten Schützen in den Kahn, um an den Schilfrändern hinzufahren und die Enten aufzustöbern. Ein Hornsignal ertönt, langsam schiebt der Förster den Kahn am Saume des Rohrbestandes hin, während der Hund plätschernd und prustend im Schilfe stöbert. Die Enten suchen der Störung auszuweichen, sie fliegen auf oder, wenn sie das nicht können, schwimmen sie vom Kahne fort oder suchen sich durch Tauchen und Verstecken zu retten. An der Schneise fällt ein Schuß, einige Enten stieben auf und werden vom Hagel getroffen oder — öfter noch gefehlt; die Jagd ist im Gange. Der Schütze im Kahn macht die reichste Beute. Manche Ente steht nahe genug auf, daß sie, von den Schroten ereilt, ins Schilf stürzt, und der Hund sie apportieren kann. Aber nur die steintot heruntergeplumpsten findet er, die geflügelten tauchen sofort, schwimmen unter Wasser weg und stecken dann nur den Schnabel zum Atemholen über den Spiegel. „Die beißen sich am Grunde fest,“ sagen die meisten Jäger, während es den Vögeln gar nicht einfällt, auf diese Weise Selbstmord zu verüben. Im Gegenteil retten sie sich durch ihr Versteckenspiel, denn der angeschossene Flügel heilt wieder und wird auch oft wieder zum Fliegen tauglich.
Ruhig und gleichmäßig schiebt der Förster den Kahn vorwärts, und der Hund plantscht im Wasser, da fliegt ein Vogel hoch. Erst glaubt der Schütze im Kahn, es wäre eine junge Ente, aber der Flug ist ganz anders. Ehe er sich soweit besonnen hat, daß er eigentlich hätte schießen sollen, ist der Vogel weit weg. Nun erkennt der Jäger auch, daß es ein gelbbrauner Vogel mit schwarzen Flügeln und einem großen, hellen Fleck auf den Schwingen war. Aber weder er noch der Förster können sagen, was es war. Allzu weit flog der Vogel nicht, etwa hundert Schritte entfernt ist er wieder eingefallen. Nun, dann wird er einfach wieder hochgejagt. Der Hund sucht, der Förster schiebt den Kahn ins Schilf, so schwer auch das zähe Rohr das Eindringen macht. Ein altes, halbverfaultes Nest eines Bläßhuhns finden sie, aber den gesuchten Vogel können sie nicht aufstöbern. „Er muß raus“, sagt der Ehrengast im Kahn. „Aber er will nicht“, denkt die Rohrdommel, die kaum zwei Meter neben ihm in Schreckstellung an den Schilfstengeln sitzt.
Immer weiter schiebt der Förster seinen Kahn ins dichte Schilf. Da findet er auf umgeknickten Schilfstengeln einen Haufen von Schilfblättern und andern dürren Pflanzenteilen aufgetürmt mit einer Mulde oben drauf. Ein altes Nest ist es, das sehen die beiden im Kahn, aber daß es von der gesuchten Rohrdommel erbaut wurde und daß die Verschwundene hier ihre vier Kinder groß zog, das wissen sie nicht. Ärgerlich müssen die beiden schließlich abstehen von ihrem Suchen nach dem Vogel, sie trösten sich, daß er doch vielleicht wieder abgeflogen sein könnte. Weiter geht die Jagd, und gar manche Patrone verschießt der Schütze im Kahn. Aber er schießt jetzt merklich schlechter, er zögert stets, wenn Enten hochgehen, und sieht sich erst um, ob nicht der Unbekannte mit aufgehen könnte. Aber die Jagd geht vorbei, ohne daß der gesuchte Vogel wieder erschienen wäre. Schließlich macht man Strecke. Eine Anzahl Stockenten, einige Tafelenten, auch eine Löffelente sind erlegt. Der letzte Schütze kommt heran, aber keine Ente hat er. Mit einem gewissen Stolz bringt er dann hinter dem Rücken einen schilfbraunen Vogel hervor mit dunkleren Flecken, mit grüngelben, langen Beinen, einem langen Hals und einem gelbgrünen Reiherschnabel. Eine junge Rohrdommel ist über eine Schneise geflogen und hat sich auf der andern Seite gleich am Rande niedergelassen, so daß sie der Schütze bequem herunterholen konnte.
Die drei Geschwister und die beiden Eltern sind diesmal mit heiler Haut davongekommen. Im nächsten Jahre werden sie wieder hier brüten oder in den Schilfbeständen der Ziegeleilachen oder im Rohr eines kleinen Tümpels hinter dem Dorfe. Wenn nur viel Deckung da ist, dann sind ja die Zwergreiher nicht wählerisch in der Wahl ihres Brutplatzes. Wer ihre Stimme kennt, wird sie in unserm Vaterlande wohl nirgends vergeblich suchen, er wird sie an warmen Juniabenden sicher hören, wer sie sehen will, muß — Glück haben und Geduld.
Käuze im Dorfe
Pfingsten ist es und Mitte Mai, dazu warm und mild wie im Juni. Die springenden Knospen duften durch das offene Fenster, Frühlingshauch zieht hinein zu dem Manne, der vor der Lampe über ein Buch gebeugt sitzt und liest. Aber nicht eine Spur von Frühlingsfreude spiegelt sich auf dem Gesicht des Studierenden, Groll und Erbitterung scheint es vielmehr auszudrücken; gewiß ist er zornig über das Buch vor ihm, das mit seinen Vorurteilen und Unwahrheiten ihm die Laune vergällt.