Doch mit einem Schlage sind die Falten von seiner Stirn verschwunden, und freundlich, ja beinahe zärtlich blickt er hinaus zu dem Vogel, der soeben auf dem Birnbaumast vor dem Fenster sich niedergelassen hat. Zwei helle, gelbe Augen blicken zutraulich aus dem runden Köpfchen, komisch nickt und knixt der kleine Nachtvogel, winkt mit den Augenlidern und knappt mit dem Schnabel, richtet den Gesichtsschleier auf, daß sein Kopf kugelrund ist, legt dann wieder alle Federn knapp an und sieht dünn und schlank aus, kurz, er macht hundert Grimassen. Dann ruft der Kauz gedämpft und melodisch Ghuk und macht aufs neue ein Komikergesicht. Da macht der Beobachter eine unvorsichtige Bewegung, im Nu ist das Käuzchen lang und dünn; wie ein dürrer Aststumpf sieht es aus; dann macht es zwei tiefe Bücklinge und ist verschwunden. Nach dem Obstgarten ist es hinübergestrichen und läßt von dort sein Ghuk erschallen. Jetzt läßt sich sein Weibchen zu einem Duett verleiten, es antwortet auf den sanften Ruf des Gatten mit höherem Kuwiff, Kuwiff, wohl zehnmal hintereinander den gleichen Ton ausstoßend.
Doch dieser Laut übt auf den Mann im Studierzimmer die entgegengesetzte Wirkung aus als das Ghuk des Männchens. Er erinnert ihn immer aufs neue an den unüberwindlichen Aberglauben der Bauern, die das arme, gutmütige Käuzchen als Leichenvogel verschreien und seinen Ruf mit: „Komm mit, komm mit nach dem Kirchhof“ übersetzen. Erst im vorigen Jahre, als die Frau vom Ortsschulzen so krank war, haben die Bauern drei der unschuldigen Mäusejäger getötet, um den gefürchteten Ruf nicht hören zu müssen. Natürlich hatte dann das einzige überlebende Weibchen auf der Suche nach dem gemordeten Gatten Nacht für Nacht vor den erleuchteten Fenstern geschrien, so daß sinnlose Todesfurcht den Zustand der Kranken bedenklich verschlimmerte und schließlich ihren Tod verursachte. Da hatte man wieder deutlich gesehen, was der Ruf des „Kommitchen“ zu bedeuten hat, und daß alles nichts hilft, wenn einmal sein Todesruf vor den Fenstern erschallt ist.
Es ist nur ein Glück, daß das Käuzchen nicht auf die hohen Apfelbäume im Dorfe angewiesen ist, wenn es Anstalten zur Brut treffen will, sonst würde es wohl noch weit häufiger der Nachstellungswut abergläubischer Leute zum Opfer fallen. Wird aber die kleine, zutrauliche Eule im Dorfe gestört, dann versucht sie in einer Weide am Bache ihre Brut aufzuziehen; geht das nicht, nun, dann ist vielleicht eine Kaninchenhöhle in der steilen Sandwand geeignet dazu. Am liebsten ist ihr aber doch der alte morsche Obstbaum im Schulgarten. Dicht an den Stamm gedrückt verbringt hier das Männchen den Tag, während die Gattin brütend auf den vier reinweißen Eiern sitzt.
Aber oft ist Herr Steinkauz genötigt, seinen Platz zu wechseln. Da schlüpft eine Kohlmeise durch die Obstbäume auf der Suche nach Nahrung. Bald hängt sie kopfunter an dünnen Zweigen, bald klammert sie sich an die Rinde, um Räupchen und Käfer aus den Ritzen zu ziehen. Ganz vertieft ist sie in ihre Beschäftigung. Jetzt hüpft sie auf dem Apfelbaum von Ast zu Ast und klammert sich am Stamme fest, um plötzlich wenige Spannen von sich die gehaßte Eule sitzen zu sehen. Erschreckt fliegt sie zum nächsten Zweige. Zidä, Zidädädä, zetert sie und schnarrt tärrrärrrr so laut und wütend, daß gleich eine Blaumeise dazukommt und unter Zerr zerr zerr mitschimpfend hilft. Nun wird auch die Bachstelze aufmerksam und stößt unter lautem Zilli-Zilli auf das Käuzchen. Schon ist auch der Hausrotschwanz dabei und geht schnabelklappernd dem Nachtvogel zu Leibe, einige Feldsperlinge glauben, auch mittun zu müssen, so daß das Gewirr der zankenden Kleinvogelstimmen schließlich dem Käuzchen zu toll wird. Quer durch die zeternde Vogelschar fliegt es und eilt schleunigst dem nahen Friedhofe zu mit seinen Lebensbäumen, um dort ein Versteck zu suchen.
Ganz eigenartig und gar nicht wie andere Eulen fliegt der Steinkauz. Im hüpfenden Bogenflug erinnert er sehr stark an einen Specht oder eine Haubenlerche; niemals würde ein Unkundiger vermuten, eine Eule vor sich zu haben. Die zankenden Kleinvögel sind dem Käuzchen ein Stück nachgeflogen, aber bald bleiben sie zurück, so daß es ihm leicht wird, ungestört ein verschwiegenes Plätzchen auf einer dicken Linde zu finden. Wird es dort wieder aufgestört von den Staren, die in den Höhlungen nisten, dann fliegt es wieder hinunter auf seinen Lieblingsfleck auf dem Apfelbaum, um dort bis zum Abend zu träumen. Die Dämmerung begrüßt es dann mit seinem Ghuk, während das Weibchen in der Nisthöhle mit Kuwiff antwortet.
Doch eines Abends ertönen ganz andre, zankende Stimmen im Obstgarten. Ein dicker, schwarzer Kater hat ein leises Rascheln im Apfelbaum vernommen und eiligst klimmt er am Stamme in die Höhe, um zu sehen, was es gibt. Tastend steckt er seine Pfote in die Höhle, um vielleicht einen Jungvogel herauszuhäkeln. Doch mit einem Male fährt er aufkreischend zurück. Vier Krallen, schärfer und spitzer noch als seine, haben ihm ins Fleisch gegriffen. Im Nu ist auch das Kauzmännchen da und stößt mit lautem käfkäfkäf auf den Störenfried, der sich eiligst aus dem Staube macht. Lange dauert es, ehe sich die Käuzchen wieder beruhigt haben und wieder ihr gemütliches Ghuk ertönen lassen.
Auch die andere Eule des Dorfes, die Schleiereule, die im Balkenwerke des Kirchturmes ihr Quartier aufgeschlagen hat, darf sich nicht in der Nähe von Käuzchens Nistplatz sehen lassen, sie wird sofort unter laut zankendem Kläffen angegriffen und vertrieben. Dabei tut sie gewiß den Kleinen nichts zuleide, aber sie hat nun einmal im Obstgarten nichts zu suchen und wird also vertrieben. Gewöhnlich wartet sie aber gar nicht erst den Angriff des kleinen, mutigen Artgenossen ab, sondern macht sich schleunigst aus dem Staube, sobald die Käuzchen ihr zu nahe kommen. Dann läßt sie ihre halb fauchende, halb kreischende Stimme hören und fliegt zum nächsten Scheunengiebel. Von dorther tönt von Zeit zu Zeit ihr Chchvaaihch, wie gedämpfter Katzenschrei anzuhören. Bald lauter, bald leiser, bald länger, bald kürzer wird der Ruf ausgestoßen, aber immer nur der gleiche unmelodische Schrei.
„Je schöner der Vogel, desto häßlicher die Stimme“, sagt das Volk und denkt dabei an Pfau und Nachtigall. Wenn man aus dem Eulengeschlecht Beispiele für den Volksausspruch sucht und als besten Sänger den Waldkauz oder auch den Steinkauz ansieht und mit dem musikalischen Stümper, dem Schleierkauz vergleicht, dann findet man das Wort wieder bestätigt. Unscheinbar erscheint der kleine graue Steinkauz mit seinen weißen Tropfflecken, nicht viel schöner der graue Waldkauz, schöner schon die rotbraune Varietät des großen Kauzes, sie alle können sich aber mit einer Schleiereule nicht messen. Der seidig glänzende Gesichtsschleier mit seiner sonderbaren Herzform und dem dunklen Saum, und mitten drin die beiden schwarzen funkelnden Augen, schon das würde genügen, den Schleierkauz zur schönsten Eule zu machen. Es bedürfte gar nicht der aschigen Oberseite mit den weißen Sprenkeln, der isabellfarbigen Unterseite mit den dunkeln Makeln. Zart und fein ist die Seide, mit der ein Mensch seine Geliebte schmückt, um ihre Schönheit zu heben, aber grob und derb ist das feinste Gespinst von Menschenhand gegen das Federkleid, das die Natur ihrem Stiefkind, der Schleiereule, verlieh. Wollte sie es damit wieder gut machen, daß sie dem armen Vogel das gräßlichste Geschick nicht ersparte, nämlich dem Aberglauben des Volkes verfallen zu sein?
Gehe nur hinaus aufs Dorf und mustere die Bauernhöfe und sieh, wie Dummheit und Aberglauben ihre Blüten treiben! Die treueste Verbündete im Kampfe gegen die gehaßten Mäuse und Ratten, die Schleiereule, die fängt oder schießt der Bauer und nagelt sie als Wahrzeichen seines Bildungsgrades an die Scheunentür, „weil sie das Feuer vertreibt“. Man hat wohl bei Bränden gesehen, wie Mutterliebe den Vogel immer und immer wieder antrieb, durch Qualm und Rauch einen Zugang zu suchen zu den kleinen Dunenjungen, die auf dem Balkenwerke der Scheune kläglich kreischten in ihrer Todesangst. So entstand zunächst die Sage, der nächtliche Vogel sei feuerfest, bis man ihn schließlich als Vertreiber des Feuers ansah und durch Kreuzigen der Eule an der Scheunentür das Feuer verbannen zu können glaubte. Zwar wird heute kaum jemand noch ernstlich dieses Ammenmärchen für wahr halten, aber der „alte, gute Brauch“ der Väter erbt sich fort, und schließlich hört man einen zur Rede gestellten Alten sagen: „Äh, hilft’s nicht, na, dann schad’s auch nicht.“ — Die „Aufgeklärten“ aber werfen dem Schleierkauz vor, er habe ihre Tauben gefressen, Taubeneier ausgetrunken und ähnliches. Dabei beachten aber die Tauben die Eule gar nicht und umgekehrt. Oft findet man beide friedlich nebeneinander brüten und die Jungen großziehen, ohne daß auch nur den unbeholfenen Dunenjungen der Tauben das geringste Leid geschähe; setzt man einer gefangenen Eule Eier vor, dann stirbt sie eher am Hungertode, als daß sie ein Ei, ganz oder angeknickt, anrührte.
Und wenn wirklich eine Schleiereule ihren Hunger mit Tauben zu stillen sich angewöhnt hat, dann kann doch abends der Taubenschlag geschlossen werden! Aber wegen einer gemutmaßten Übertretung einer einzelnen wird die ganze Sippe mit dem Tode bestraft. Die Folge ist schon jetzt recht fühlbar geworden. Die Schleiereulen werden seltener und seltener, man muß in manchen Gegenden unseres Vaterlandes, z. B. bei Leipzig, lange vergeblich suchen, ehe man ein Dorf findet, in dem der schönsten deutschen Eule noch eine Freistatt gewährt wird. Sollen wirklich die Tage gezählt sein, da sie noch in unsrer Heimat zu finden ist? Ein gut Stück Poesie ginge mit ihr zu Grabe.