Am nächsten Abend verunglückte eine Feldmaus im Maulwurfsloch. Der Igel hat sie abgeschnitten von ihrem Schlupfloch und saust hinter ihr her. In ihrer Angst fährt sie hinein in die schützende Höhle des Maulwurfs. Aber o weh! Gerettet ist sie nicht deswegen. Ganz fein klingt ihr erschrecktes Piepen aus der Tiefe, sie ist dem rechtmäßigen Bewohner geradeswegs vor die Nase gelaufen. Da hilft keine Flucht. Eine Maus ist flink, aber in seinen Röhren ist der Maulwurf noch rascher, wie ein Bolzen saust er durch seine wohlgeglätteten Gänge, und gar bald ist auch die behendeste Maus eingeholt und von den nadelspitzen Zähnen verwundet und getötet. Unsre Petersilie ist gerächt.

Eine Salatpflanzung in unserm Garten macht von Tag zu Tag einen erbärmlicheren Eindruck. Einige Pflänzchen fallen um, andre kränkeln und werden welk. Was ist da nur los? Zieht man eine Pflanze heraus, dann fehlen die Wurzeln, gewöhnlich kann man auch noch einen bleistiftstarken Gang erkennen, der in die Erde führt. Durch den muß der Wurzelfeind gekommen und gegangen sein. Am nächsten Tage sieht es wüst aus auf unserm Salatbeet. Alles ist zerwühlt, die Pflanzen sind halb aus dem Boden geworfen, Erdhügel sind aufgetürmt. Freund Maulwurf, du ungestümer Gast, das ist dein Werk. Eilig wird alles wieder geebnet, die Pflanzen festgedrückt, die Hügel mit dem Rechen breitgezogen, damit Mutter nichts sieht und nicht den Maulwurf wegfangen läßt. Aber sonderbar, die Pflanzen gedeihen jetzt ganz anders, keine wird welk, keine fällt um. Das hat der Wühler im Samtpelz getan. Die Engerlinge, die die Wurzeln vom Salat fraßen, die haben ihn hergelockt, überall hat er sie aufgespürt, und nicht einer ist mehr zu finden. Nun ist natürlich der Maulwurf glänzend gerechtfertigt.

Einige Wochen sind vergangen. Der Garten ist erfüllt von dem würzigen Duft reifender Monatserdbeeren. Die Sonne ist eben untergegangen, im Dorfe ist es schon still geworden. Da raschelt es unter dem Buchsbaum, und unser Maulwurf wird sichtbar. Schnüffelnd trippelt er zwischen den Erdbeerpflanzen umher, wendet sich rechts und links und hat immer etwas zu schmatzen und zu kauen. Haben’s ihm die Erdbeeren angetan? Scheinbar nicht, denn eben ist er an einer glühend roten Frucht vorbeigewandert; aber die andre dort scheint er verzehren zu wollen. Er hebt sie mit dem rosigen Rüssel und frißt und kaut an einer Schnecke. Der Erdboden scheint ihm jetzt zu hart zu sein zum Wühlen und Suchen. Tagelang hat es nicht geregnet, die Regenwürmer haben sich zusammengerollt und eingekapselt, deshalb sucht Freund Maulwurf über der Erde.

Nun wart einmal, darf ich dich vielleicht zu einem kleinen Abendessen einladen? Dort auf dem Gange steht die große Kiste mit weicher Erde, in der die Gurkenpflanzen gezogen sind, dort will ich dir was auftafeln. Zwei leise Schritte, ein schneller Satz, ein kräftiger Griff, da habe ich dich. Aber nicht so strampeln, Kleiner, ich kann dich ja kaum halten! Unmöglich ist es, deine Vorderbeine zusammenzudrücken, man muß nachlassen. Dann nehme ich dich lieber beim Fell. Das willst du auch wieder nicht leiden? Gar beißen willst du, so unangenehm ist dir mein Griff? Na, dann rein mit dir in die Kiste. Im Nu ist er verschwunden, förmlich untergetaucht in der lockeren Erde. Eine junge Amsel ist ertrunken in unsrer Regentonne, die hole ich herbei, schneide kleine Stückchen Fleisch ab und lege sie oben auf die Erde in der Kiste. Nun heißt es mäuschenstill sein, damit der Maulwurf sich sicher fühlt. Nur wenige Minuten dauert es, dann hebt sich die lockere Erde in der Kiste, gerade neben einem Stückchen Fleisch. Da erscheint auch der emsig windende Rüssel, aber gleich ist er wieder weg und das Fleisch auch. Ein Bissen nach dem andern wird so in die Tiefe gezogen, bald ist nichts mehr von dem Vogel übrig.

Was wird der Gefangene nun tun, wird er hervorkommen aus der Erde und über den niedrigen Rand der Kiste klettern! Es knackt verdächtig. Da hat Herkules schon einen Ausweg gefunden. Zwei Bretter schließen nicht ganz dicht, der Maulwurf kann die Grabschaufel einstemmen und drückt und preßt, bis das morsche Holz nachgibt. Dann ist er seinem Gefängnis entronnen, er bohrt und wühlt sofort auf dem Beet mit dem Rüssel, kratzt mit den Vorderpfoten und gräbt und arbeitet, bis er unter dem Erdboden verschwunden ist. Leb wohl und freu dich deines Lebens, schwarzer Kobold; möge der Schutzengel der Maulwürfe dich bewahren vor Galgen und Zange, vor den Krallen des Bussards und des Iltis Raubtierzähnen!

Königin Apis

Juli war es, und ein besonders heißer Tag dazu. Die Sonne sengte und strahlte, sie kochte den Honig aus den letzten Blüten der Linde im Garten, so daß der süße Duft mit dem leisen Lufthauch davonzog. Ein paar Fliegen saßen plattgedrückt im Weinlaube und ließen sich die Hitze gut sein, unter der Fetthenne am Boden dehnte eine grüne Zauneidechse den Leib im Sonnenschein, träge flog ein Kohlweißling durch den Garten und setzte sein Eihäufchen an ein Kohlrabiblatt. Sonst war von Lebewesen fast nichts zu entdecken. Nur ab und zu klang die plärrende Stimme junger Stare aus den Höhlungen der Linde, verträumt drang der Laut durch die heiße Stille.

Ein leises, fernes Summen klingt in der zitternden Luft, ganz fein vertönt’s, wie wenn die Kirchenglocke summt, die ein fallendes Sandkorn anschlug. Was ist es? Täuscht nur der hämmernde Pulsschlag das ferne Summen ins Ohr? Doch nein, es wird stärker und lauter. Ist es der Wind, den die weiße Wetterwolke am Westhimmel ausschickt, der so drohende Töne erzeugt? Doch es regt sich kein Blatt am Baume, kein Windhauch stört die winzigen Mücken, die als flimmernde Punkte einen verschlungenen Reigen tanzen. Näher und drohender braust es, wie wenn fern hinter dem Berge prasselnde Schloßenschauer herniederstürzten, und doch ist der Himmel blau und die weiße Wetterwolke fern.

Und nun zieht unter Summen und Brummen eine Wolke über den Garten, jetzt langsam, jetzt rasch, jetzt hoch und dann niedrig, eben war sie rund, nun ist sie lang und schmal. Apis, die Bienenkönigin, und ihr Volk brummt über den Garten. Sie fliegt in weitem Bogen um die Linde herum, ihre Getreuen tun’s ihr nach, sie stürzt sich zehn Meter hinab, und ohne Kommando folgen ihre Vasallen, sie schwärmt im Zickzackfluge, und hinter ihr wogt der Schwarm, wie von Geisterhand geleitet. Am Hausgiebel zieht die Königin langsam hinauf bis zum First und dann wieder hinab bis zum Dachrand, und mit ihr steigen die Bienen und senken sich.

Apis sucht einen Ruheplatz, doch das Haus dünkt ihr unpassend, drum geht es hinüber zur Linde. Ein glatter Ast kommt aus dem dicken Lindenstamme dort, wo er sich zum ersten Male teilt. Fast wagrecht ragt der Ast in die Luft, nur seine Zweige hängen etwas nach unten. Hier gefällt es Frau Apis, die Sonne brennt nicht zu heiß hierher, aber der Schatten ist auch nicht zu dicht. Die Königin setzt sich auf den erwählten Platz, sofort haben sich neben ihr eine Schar Getreue niedergelassen, neue kommen dazu und krallen sich mit ihren sechs Beinchen an die glatte Rinde, die nächsten setzen sich auf die Rücken ihrer Schwestern, um wieder andern als Ruhesitz zu dienen. Größer und größer wird die Traube aus Bienenleibern, immer weniger Insekten schwärmen noch umher, bis schließlich fast alle Platz gefunden haben.