Doch dauernd ist natürlich die Ruhe beim Bienenvölkchen nicht. Da löst sich ein faustgroßer Ballen vom Schwarme, entwirrt sich im Fallen, und die emsigen Honigsucher fliegen hinauf zur Bienentraube, die sich schon wieder abgerundet hat, und setzen sich darauf nieder. Der Abend kommt, und über den Wiesen braut der Nebel, die Bienen summen, fallen nieder und steigen auf; die kühle Nacht senkt sich auf die Erde, und das Käuzchen schreit in den Weiden an der Mühle, der Bienenschwarm summt immer noch. Der Morgenhimmel rötet sich, und die Sonne guckt mit rotverschlafenem Auge aus dem Wolkenbette, die Bienen brummen noch immer rastlos am Lindenast.
Höher und höher steigt das Tageslicht, seine warmen Strahlen trinken durstig die glitzernden Tauperlen von Blatt und Gras. Nun werden die Bienen noch lebhafter. Eine nach der andern löst sich von der Traube los und summt tanzend auf und nieder, schwärmt hin und her und fliegt dann weiter herum im Garten und Dorfe. Bald hier am Hausgiebel, bald dort am hohlen Apfelbaume sieht man sie suchend umherirren, hineinfliegen in Baumlöcher und dann wieder weiter eilen. Die größte Zahl ist aber an der Linde geblieben und untersucht die zahlreichen Höhlungen ihres Stammes.
Zu zweien, dreien fliegen sie ein und aus, bis schließlich die große Höhle am Stamme, die halb unter Efeuranken versteckt liegt, von vielen umflogen wird. Hin und her geht es zwischen dem Schwarm und dem Loch im Stamme, bis schließlich alles nur ein Hin- und Herfluten ist. Und dann zieht Bienlein auf Bienlein unter lautem Summen hinein in den hohlen Stamm; wie wenn rieselnde Erbsen aus dem Sack ins Maß rollen, so ist’s anzusehen. Apis und ihr Volk haben eine Wohnung gefunden, sie bleiben in der Linde.
Schimpfend sehen die Sperlinge, wie die schöne, große Höhle von den kleinen Summern bezogen wird, aber eine dunkle Ahnung sagt ihnen, daß hier Zanken und Beißen nichts hilft, und Star und Rotschwanz, die vom Schelten der erbosten Gassenvögel angelockt werden, wissen auch nur den einen Rat, sich mit den Kleinen nicht zu verfeinden. So wird es denn weiter getragen von Schnabel zu Schnabel, was für Gäste jetzt in der Linde wohnen, und auch die Menschen sehen es und sprechen einige Tage darüber; dann ist die Sache nichts Neues mehr.
Doch beim halbvergessenen Bienenvolke wird gearbeitet mit Bienenemsigkeit, und gar mannigfach ist die Arbeit, die zu tun ist. Da sitzt eine Schar aus dem Volke der Apis dicht geknäult. Sie sind gut genährt, und man könnte glauben, sie täten nichts, als ein Mittagschläfchen halten. Doch haben sie eine wichtige Beschäftigung, sie — schwitzen. Eine wärmt sich an der andern, so daß zwischen den Ringen ihres verschnürten Körpers Wachs hervorquillt. Spurwenig ist es natürlich, was eine Biene täglich an Wachs hervorbringen kann, und doch sieht man an den Waben, die aus dem Wachse gebaut werden, daß die Gesamtmasse gar nicht so gering ist.
Und wenn die einen schwitzen, dann kommen andre, putzen ihnen das Wachs ab, kauen es mit kräftigen Kiefern und kleben den winzigen Ballen an das Bauwerk, das andre begonnen haben, noch andre fertig machen werden. Keine fragt, was nun zu tun ist, jede weiß es von selbst. Mit den geknickten Fühlern messen und tasten sie, kneten und kleben mit den Kiefern, und bald reiht sich eine sechseckige Zelle an die andre. Und in der ganzen Wabe ist ein Kämmerchen so groß wie das andre, alle sind gleich hoch und breit, alle haben die gleiche Tiefe.
Zwischen den bauenden Bienen läuft die Königin umher, als wollte sie sich überzeugen, daß ordentlich gearbeitet wird. Doch das scheint nur so, sie versteht ja von der Arbeit herzlich wenig und läßt ihr Volk tun und treiben, was es will. Doch wenn eine Anzahl neuer Kammern fertig ist, dann legt sie ein Ei in jede Zelle. Das ist ihre einzige Arbeit, aber man darf nicht denken, es wäre eine leichte Aufgabe, mehr als dreitausend kann sie an einem einzigen Tage legen. Dafür wird sie aber auch von ihrem Volke gepflegt und beschützt, gefüttert und gewärmt, jede Biene ist bemüht, ihr den leisesten Wunsch an den Fühlern abzulesen. Und während die einen kleben und bauen, andre die Königin geleiten und bedienen, summt die größte Zahl der Bienen im Freien umher. Geschäftig eilen sie von Blüte zu Blüte, stecken den Rüssel ganz tief hinein zwischen Staubfäden und Griffel und schlecken und trinken das winzige Tröpfchen Nektar, das dort geboten wird. Und dabei stäuben und pudern die Staubfäden die emsigen Insekten über und über mit gelbem Pollen ein, der zwischen dem Pelz hängen bleibt. Ein kleiner Teil wird davon in den nächsten Blüten wieder abgestreift, bleibt an den Blütenblättern hängen, um zugrunde zu gehen, oder an der Narbe des Griffels, um seinen Zweck zu erfüllen und die Eizellen zu befruchten. Doch in jeder neuen Blüte kommt neuer Staub in den Pelz der Biene und macht ihr das Fliegen schwer. Darum setzt sie sich auf ein Blatt und kämmt und bürstet den gelben Puder von Rücken und Bauch und packt ihn in das Haarkörbchen am Hinterbein, bis sie dicke falsche Waden hat wie ein Hochtourist.
Ist dann das Kröpfchen voll von süßem Nektar, sind die gelben Höschen so dick, daß nichts mehr hineingeht in das Körbchen, dann summt das Bienlein in schwerem Fluge zum Stock zurück. Es wandert über die Waben dahin, und wo eine junge Bienenlarve steckt, dort stopft die Arbeiterin etwas von ihren Vorräten in die Zelle, Blütenstaub und etwas Nektar wird der Brut als Nahrung angeboten.
Wenn dann die weißen Madenlarven erwachsen sind und sich verpuppen wollen, dann decken die Bienen einen Wachsdeckel auf ihre Zelle; sie machen das kleine Kämmerlein zu, damit die weiße Mumie ungestört ihrer Auferstehung als fertige Biene entgegenschlummern kann. Wenn dann zwanzig Tage seit der Ablage des Eies verflossen sind, dann regt sichs unter dem Deckel und die junge Arbeiterin schlüpft aus. Noch ist sie in ein weißes, weiches Morgenkleid gehüllt, aber das wird bald hart und färbt sich dunkel, und dann fängt die junge Biene an, sich an den Arbeiten am Stock zu beteiligen, als hätte sie schon monatelang gelernt. Gleich weiß sie überall Bescheid, weiß wie Zellen gebaut, wie Honig gesammelt, der Stock rein gehalten wird. Woher weiß sie das? Sie hat ihre Kenntnisse geerbt von ihrer Mutter, der Königin, obgleich die wieder ganz andre Instinkte besitzt als die Arbeiter, von Arbeiten nichts versteht, nur Eier legt und sich von ihren Töchtern füttern und pflegen läßt. Ein Wunder ist es, wer vermag es zu erklären, nicht nur zu beschreiben?
Der Herbst kommt heran, der Bienenschwarm wird stiller von Tag zu Tag. Nur wenige Brutwaben hängen im Stocke, die meisten sind angefüllt mit goldklarem, süßem Honig, dem Wintervorrat. Kälter werden die Tage. Die Bienen kleben das Flugloch unter der Efeuranke enger, sie kriechen dicht zusammen und wärmen sich, verschlafen gehen sie, um etwas Honig zu naschen, nur leises Knistern, kein Brummen und Summen tönt aus dem Lindenstamme. So träumen und dämmern die Bienen den ganzen Winter hindurch.