Freudig und neidlos hat der Förster dem kleinen Diebe zugesehen, das seltene Schauspiel, einen Räuber so nahe und so ungestört beobachten zu können, hat ihn gar nicht daran denken lassen, daß seine Frettchen nun mit einem Sperling weniger sich begnügen müssen. Für ihn hätte es des gesetzlichen Schutzes nicht bedurft, die Turmfalken waren seine Lieblinge von je, und drei Pärchen durften unter seiner Aufsicht in diesem Sommer ihre zahlreichen Jungen auffüttern.

Mit dem Stoßen des Turmfalken scheint überhaupt das Erscheinen von Raubvögeln begonnen zu haben. Über der Fasanerie kreist ein Räuber. Fast ohne Flügelschlag zieht er seine Kreise, schwebt hin und her an dem Wäldchen und blockt schließlich auf der Spitze einer Eiche. „Na ja, sitze nur, bis es finster ist, Lump, feiger!“ schimpft der Förster, aber er tut dem Vogel unrecht. „Hiäh, hiäh“ pfeift er und dann kommt er. Bald kräftig mit den Flügeln schlagend, bald schwimmend in der Luft nähert sich der Räuber, dann — schwenkt er ab und kehrt nach dem Walde zurück. Aber auf dem Wege dahin überlegt er sich’s wieder anders und kommt wieder näher. So geht es hin und her, hinauf und herunter, gerade als sollte der Jäger zum Narren gehalten werden. Dann fängt der Mäusebussard an zu kreisen, schraubt sich hoch und höher und fliegt schließlich aufs freie Feld, um Mäuse zu fangen.

Zwar ist der Bussard vom Gesetz als nützlicher Vogel geschont, aber der Förster hat einen Groll auf seine Sippe, weil einer ihm mal einen eben geschossenen Fasan vor der Nase weggenommen hatte. Das war in dem mäusearmen Jahre 18.. gewesen, und der arme Mausfänger hatte gewiß nur in der höchsten Not nach dem bunten Vogel gegriffen, denn Hunger tut weh. Er brachte damals sein Leben in Sicherheit. Ehe der Förster sich von seiner Verblüffung erholt hatte, war er längst außer Schußweite gewesen. Nun aber muß jeder Bussard sterben, der dem Grünrock nahe genug kommt; denn es könnte doch vielleicht der Fasanendieb sein. Auch der, der sich jetzt nicht an den Uhu herantraut, hat gewiß schon einmal Feuer bekommen, sonst würde er wohl die gehaßte Eule nicht ungeneckt lassen.

Aufmerksam guckt der Förster bald hier, bald da hinaus, um ja keinen nahenden Raubvogel zu verpassen. Wenn auch gewöhnlich Jockel, der Uhu, durch sonderbare Bücklinge und Grimassen das Nahen eines Räubers angezeigt, manchmal sitzt er auch stockstill, wenn einer seiner Quälgeister vorüberfliegt. Jetzt blickt er scharf nach einem Punkte des Horizonts, wackelt eigenartig mit dem Kopfe und zieht die Flügelbuge hoch. Kein Zweifel, seine scharfen Augen haben einen Feind entdeckt. Nun sieht ihn der Jäger auch. Er hat erst an einer falschen Stelle gesucht, sonst hätten seine weitsichtigen Augen den schwarzen Punkt am Himmel nicht übersehen. Langsam wird der Vogel größer, und bald ist er nahe genug, so daß der Förster mit dem Glase den Vogel ansprechen kann. Die Flügel sind spitz, also ist es ein Falke. Der Stoß (Schwanz) ist kurz. Der Vogel fliegt sehr rasch und fast in gerader Linie, er scheint auch bedeutend größer zu sein als ein Turmfalke. Des Jägers Herz klopft rascher und das Gefühl, das er als Knabe hatte, als er heimlich seinen ersten Sperling schoß, beschleicht ihn, denn nun ist kein Zweifel mehr, der Wanderfalke, das Hochwild des Hüttenjägers, zieht heran.

Wird er auf den Uhu stoßen, wird er gut genug kommen, daß der Schuß aus dem engen Loch auf den vorbeisausenden Räuber auch nicht fehlgeht? Die Spannung, die Erwartung und Ungewißheit, dazu der Anblick des nahenden Vogels und des schnabelknappenden Uhus, das alles wirkt mächtig auf die Nerven. Der höchste Genuß des Weidmanns ist dieser Reiz, das Jagdfieber vor dem Schusse. Mag mancher auch noch so oft diese Aufregung verwünscht haben, wenn die Büchse wankte in seiner Hand und das Ziel zu verschwimmen begann, er muß doch zugeben, daß ein Schuß ohne Spannung und Erwartung viel reizloser ist, wie der Schuß auf eine Scheibe beinahe.

Hundert Schritt etwa mag der Wanderfalke noch entfernt sein, noch immer kümmert er sich nicht um den Uhu, geradeswegs auf die Fasanerie steuert er zu. Doch jetzt biegt er ab und saust schnurgerade auf den schnabelknappenden Jockel zu. Dicht über den Kopf der Eule stößt er hinweg und biegt steil nach oben ab. Dann wendet er, um seinen Angriff zu erneuern. Wieder schwingt er sich nach oben und verschwindet schon beinahe am Rande des Schußlochs, da dröhnt der Schuß. — Da liegt er nun, der stolze Räuber der Lüfte, der die Taube einholte im rasenden Fluge und der die streichende Ente fing, noch ehe sie sich ins schützende Schilf werfen konnte. Krampfhaft schließt er die mächtigen Fänge mit den nadelspitzen Krallen, einmal noch schlägt er mit den blaugrauen Schwingen, dann sinkt sein Kopf zurück, der Beherrscher der Lüfte ist verendet.

Stolz und mit freudestrahlenden Augen tritt der glückliche Schütze an seine Beute heran. Tastend fährt seine Hand über den dunkeln Scheitel des prachtvoll ausgefärbten Wanderfalken. Freudig betrachtet er den schwarzen Bartstreifen unter dem dunkelbraunen Auge, das Weiß auf Wangen, Kehle und Hals, die Brust, die auf rostfarbenem Grunde schwarze Querbänder zeigt, die zartgrauen, dunkelgewellten „Hosen“. Prüfend versucht er die Schärfe der Krallen an den gelben Fängen, dann breitet er die Schwingen aus, einen Meter etwa klaftern sie.

Bei einem berühmten Meister will der Förster seine Trophäe präparieren lassen, in möglichst lebendiger und naturgetreuer Stellung. Auf dem vorteilhaftesten Platze in der guten Stube soll sie prangen, für gewöhnlich verhüllt von einem Schutzmantel aus Glaspapier. Nur wenn Ehrengäste kommen, soll der Wanderfalke frei in seiner ganzen Schönheit an der Wand prangen. Dann können fünfzig und mehr Jahre vergehen, ehe Staub und Licht das Präparat unscheinbar gemacht haben.

Kühn stößt unterdessen ein Turmfälkchen auf den Uhu. Zornig ertönt sein Schrei, und heftig sind seine Angriffe. Voll Wohlgefallen betrachtet der Förster das Flugbild, die Gewandtheit und Lebendigkeit des kleinen Räubers. Dabei muß er an den Wanderfalken denken, der noch mutiger, noch gewandter und kühner war. — Und dabei kommt ein ungeahntes Gefühl in seine Brust. Fast ist es ihm leid, daß er das Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht erreicht hat. Gewiß wird er mit Freude auf seinen Wanderfalken blicken jederzeit, aber immer wird er den leisen Vorwurf in sich spüren, daß er doch die ganze Schönheit dieses Vogels beinahe völlig zerstört hat. Denn was bedeutet die armselige Trophäe an der Wand gegen das Schauspiel, das ein Wanderfalke im Leben bietet. Wie kann der Verlust von einigen Rebhühnern oder Tauben überhaupt in Frage kommen, wenn man das herrliche Schauspiel eines jagenden Falken damit erkauft.

Die Freude an der Hüttenjagd ist dem Graubart mit einem Male verleidet. Lange wird es zwar nicht dauern, dann sitzt er doch wieder draußen mit dem Uhu, um Raubvögel zu erlegen, aber er nimmt sich fest vor, seltene Vögel zu schonen. Dann packt er den Uhu in seinen Korb, nimmt sein Gewehr und seine Beute und wandert heimwärts.