Aber nun ist wieder Ruhe. Nirgends eine Krähe oder ein Raubvogel zu sehen. Gedankenlos raucht der Förster seine Pfeife und blickt dem Rauche nach. Dann tritt er wieder einmal von einem Beine auf das andre und macht einige trippelnde Schritte am Orte, um warme Füße zu bekommen. Dann guckt und starrt er wieder in die Ferne. Plötzlich fährt er vom Schußloch zurück und greift nach seinem Gewehr. Aber er kann sich bücken und drehen und durch alle Luken spähen, einen Raubvogel sieht er nirgends. Wieder tritt er ans Schußloch, und wieder hat er die Empfindung, als wäre oben grade noch sichtbar ein Vogel vorübergezogen. Und nun merkt er auch, daß es eine Mücke ist, die ihren Winterschlaf in der Hütte des ungewohnten Lichtes wegen unterbrochen hat und am Schußloche auf und niedertanzt und hin und her. Wie oft hat sich der Förster schon täuschen lassen, auch früher schon, als seine Augen auch für die Nähe gut waren. Aber klug geworden ist er nicht, immer wieder fällt er auf den gleichen Scherz hinein, mag nun eine Fliege an seinen Augen vorüberfliegen, oder eine Spinne sich an einem Faden schaukeln.
Jetzt merkt der Förster auch, daß er Hunger hat, mit Pfeifenrauch läßt sich sein Magen nicht besänftigen. Da packt er denn seine Sachen zusammen. Er steckt die Krähen bis auf eine in den Rucksack, um sie an der Fasanenfütterung als abschreckendes Beispiel aufzuhängen, holt den Uhu herein und pflockt ihn in der Hütte an, nimmt sein Gewehr und geht.
Am Nachmittage will er noch einmal sein Heil versuchen, Krähen hat er zwar genug, und die stoßen auch nachmittags schlecht, aber Raubvögel will er schießen, vielleicht kommt der Wanderfalke wieder.
„Ach was, lumpige Krähen, einen Wanderfalken will ich schießen, Frau! Ich bin ja warm angezogen, und Jockel friert auch nicht. Rasch noch eine Tasse Kaffee!“
Wieder wandert der Förster an der Fasanerie entlang über die Wiese nach der Hütte. Der Himmel hat sich umzogen, und der Südwest weht kalt und feucht, lange wird es nicht mehr dauern, dann setzt es Schnee. Der Hüttenjäger ist noch nicht ganz bis zur Krähenhütte gekommen, da tanzen schon einige weiße Flocken zur Erde nieder, wirbeln wieder hoch und senken sich, bis sie schließlich als nasse Tropfen am Grase hängen. So ein Schneegestöber stört nicht sehr bei der Hüttenjagd. Auch der alte Grünrock läßt sich durch die fallenden Schneesterne nicht beirren, er holt den Uhu aus der Hütte und setzt ihn auf die Jule (Sitzholz für den Uhu vor der Krähenhütte). Dann macht er sich zum warmen Empfang der gefiederten Räuber fertig.
Zwei Uhr schlägt es vom Dorfe her. Es ist nichts zu sehen als fallende Flocken, nichts zu hören als das leise Tropfen von Tauwasser, das vom Hüttendache ins Stroh hinabfällt. Dann wieder tönt das Knallen einer Peitsche von der Landstraße herüber, der Pfiff des Dampfwagens unterbricht einmal die Stille, das ist alles.
Aber eintönig ist das Warten für den Förster nicht, Langweile kennt er überhaupt nicht. Jetzt kann er ja ganz ungestört die wundervollsten Jagden in seiner Phantasie mitmachen, Jagden, auf denen er keinen Fehlschuß tut, wo seine Hunde den Neid aller Mitjäger erwecken und wo der dicke Bäckermeister Schulze durch ganze Serien von Fehlschüssen die Spottlust der Jäger herausfordert. — Oder er geht pürschen im Geiste. Am Bachufer schreitet er hin und schaut bald da, bald dort hinaus aus den Büschen auf die Wiese und den Klee nach dem roten Rehbock. Da sieht er ihn stehen mit den hohen dicken Stangen, er sieht ihre weißen Enden blitzen und den Dampf vor dem feuchten Geäse des Bockes. Dann malt er sich die Wirkung seines abgezirkelten Blattschusses aus, wie der Bock aufspringt in einer jähen Flucht und dann verendend zusammenbricht.
Drei Uhr schlägt es vom Dorfe herüber. Das Schneewetter hat nachgelassen, die Bäume der Landstraße werden durch die spärlicher fallenden Flocken hindurch sichtbar. Wie ein riesiges, weißgeflecktes Fell liegt die Erde da, der Himmel spannt sich grau und grießelig darüber aus. Jockel schüttelt sich die Flocken aus den Federn und tritt ein wenig auf dem Sitzholze hin und her, um dann wieder das eine Auge halb zu schließen und zu duseln und träumen, wie sein Herr.
Die Stimmen von Kleinvögeln ertönen aus der Luft, und der Förster sieht nach der Birke hinaus. Ein Flug Feldsperlinge läßt sich eben nieder. Hell und silbern klingt ihr Schilpen, und terrerrerr zetern sie dazwischen. Prachtvoll rotbraun glänzt ihr Scheitel, und schmuck sehen die weißen, schwarz gesäumten Backenflecken aus, weiß strahlt auch der Halsring. Eilig sucht der Förster eine Patrone mit feinen Schroten. Die Frettchen haben ihre Semmelmilch und Tag für Tag nichts als Semmelmilch satt, denen kann einmal etwas zartes Vogelfleisch nichts schaden. Wie ein Spreuhaufen stieben die kleinen Kerle auseinander beim Knall des Schusses, wie fallende Blätter stürzen viele aus der dichtgedrängten Schar zu Boden. Scharf guckt der Förster nach dem Fuß der Birke, immer und immer wieder nimmt er jeden der gefallenen Spatzen in Augenschein. Endlich hat er sich überzeugt, daß keiner mehr lebt, daß kein angeschossener sich aus dem Staube machen kann, um elend und qualvoll umzukommen. Dann lacht der Förster auf. Einen Wanderfalken wollte er schießen, und nun ist er befriedigt, wenn er sechs oder sieben armselige Spatzen mit einem Schusse erlegt.
Wieder guckt er zum Schußloch hinaus. Halb vier muß es schon sein, und nicht ein einziger Raubvogel hat sich sehen lassen. Zwar kann jeder Tag ein Jagdtag sein, ein Fangtag ist er deshalb noch lange nicht, sagt eine alte Jägerweisheit. „Ich glaube, das meiste habe ich,“ knurrt der Alte. Da huscht ihm ein Schatten über die Augen. Mücke oder Raubvogel? Er weiß es nicht und guckt zunächst nach der Mücke. Doch nein, diesmal war’s wirklich ein Räuber, mit elegantem Schwunge stößt er auf den gehaßten Uhu. Doch der Jäger läßt sein Gewehr in Ruhe. Schon an der Art des Angriffs und am gellenden Kampfrufe „ki ki ki“ hat er den Turmfalken erkannt. Er hat seine Freude an dem munteren Falken. Ein Männchen ist es, denn Blaugrau ziert Kopf und Schwanz und Bürzel. Mit angelegten Flügeln saust es in jähem Schwunge über die Eule hinweg, wendet kurz und im Nu stößt es wieder. Dann schwenkt es ab, rüttelt, als wenn es ganz genau zielen wollte und neckt den Feind aufs neue. Vielemale erneuert es seinen Angriff, aber schließlich verliert es doch seinen Reiz für den Falken, der Uhu kennt den Spaß von früher und tut nicht, als wenn ihm das Necken lästig wäre. Fälkchen schwenkt deshalb ab und setzt sich auf die Birke, um von oben aus die Welt zu besehen. Zunächst gilt seine Aufmerksamkeit noch dem Uhu, dann aber beginnt es, in den Federn zu nesteln und sich zu putzen. Auf einmal hört es mit seiner Tätigkeit auf, dreht das runde Köpfchen nach unten und guckt mit den dunkelbraunen Augen nach den Sperlingen. Dann schwenkt es um die Baumzweige herum und greift mit seinen weit ausgestreckten gelben Fängen einen der kleinen Spatzen, dann braucht es wieder die braunen Flügel und eilt davon mit seiner Beute, um sie in Ruhe zu verzehren.