Noch vor Tagesanbruch zieht er denn auch wirklich hinaus mit Jockel, dem Uhu. Langsam schreitet er vorwärts, um nicht warm zu werden in der dicken Kleidung, wie sie für den langen Ansitz nötig ist. „Trüb und neblig, dabei Südwestwind; sollte mich wundern, wenn ich heute keine Geschäfte machen würde“, murmelt er. Die braungetigerte Dine umkreist in weiten Sätzen ihren Herrn und freut sich, daß sie auch einmal mit ins Revier genommen wird. Wenn sie wüßte, daß sie heute Stillsitzen lernen soll, wenn’s knallt, und dann die unangenehm riechenden Krähen artig herbeibringen muß, würde doch vielleicht ihr jugendlicher Übermut bedeutend gedämpft werden. Jetzt macht der Herr schon Halt und schließt die Türe zur Erdhütte auf. Dann nimmt er den Jockel aus seinem Korbe und bindet die Leine, die an den dicken Fängen (Beinen) des Uhu befestigt ist, an eine Sitzstange, die etwa zwanzig Schritt von der Hütte für die große Eule errichtet ist. So, nun ist alles fertig, der Förster geht in die Hütte und ruft auch den Hund herein, der auf einer Schütte Stroh kuschen muß. Dann öffnet er das Schußloch, durch das man stehend das Sitzholz des Uhus gerade noch sehen kann, und das hoch genug ist, um einen Schuß steil nach oben zu gestatten. Auch die kleine Klappe, die seitlich angebracht ist und auf eine Birke hinausgeht, wird geöffnet, falls sie etwa klemmen oder nur unter lautem Kreischen sich bewegen lassen sollte. Dann lädt der Förster sein Gewehr und stopft sich eine Pfeife.
Bis jetzt hat der Uhu verdutzt am Boden gesessen, jetzt blickt er eine Weile sein Sitzholz starr an und fliegt schließlich hinauf. Dann schüttelt er sein Gefieder, plustert sich stark auf, schüttelt sich noch einmal, knappt mit dem Schnabel, reißt die feurigen Augen auf und gibt sich schließlich mit seiner Umgebung zufrieden. Nach einer Weile sperrt er seinen Schnabel weit auf, drückt die Augen krampfhaft zu, dreht und wendet den Kopf, als wenn ihm was im Halse stecken geblieben wäre, würgt und würgt, bis schließlich sein Gewöll (ein Ballen unverdaulicher Nahrungsüberreste, Haare von Kaninchen und Federn einer Krähe) ausgeworfen wird. Dann ist er sichtlich erleichtert und blinzelt in die eben aufgehende Sonne.
Auch der Förster steht am kleinen Guckloch in der Hüttentür und betrachtet das Erscheinen des Tagesgestirns. Ein schmaler, rotgoldener Streifen begrenzt die Wolkenwand, die den Horizont verhüllt. Langsam wird er breiter, färbt sich purpurn und bedeckt den östlichen Himmel. Der Wolkensaum beginnt kräftiger zu glühen und zu strahlen, und pechschwarz mit goldigen Rändern erscheinen die Umrisse der Eichen und Erlen gegen den Morgenhimmel. Jetzt blitzt es hell am Wolkenrande auf, langsam erscheint die feurige Scheibe. Im Nu sind alle Farben verändert, ein goldiger Schimmer liegt über dem Purpur der Wolken, und in reinem Blau erstrahlt der Himmel. Höher und höher rückt der rote Feuerball, blässer werden die Farben am Himmel, lebhafter die der Bäume und Saaten. Jetzt steht die Sonne frei und leuchtend über dem Horizont, und geblendet schließt der Förster seine Augen und wendet sich ab. Er sieht nach dem Uhu hinaus, aber seine Augen sind überreizt, ein blauer Sonnenball tanzt über dem Auf (Uhu). Eine Weile muß der Förster mit geschlossenen Augen sitzen, um die lästige Sehstörung zu überwinden.
Da tönt ein tiefes, rauhes „Ga, ga“ in der Luft über der Hütte, zögernd und ängstlich klingt es. Saatkrähen haben ihren Erbfeind erblickt und kreisen hoch in der Luft, als wollten sie Mut fassen zum Angriff auf die Eule. Immer mehr kommen dazu, dreißig mögen es schon sein, noch immer aber trauen sie sich nicht in die Nähe. Da mit einem Schlage fangen sie alle an zu schreien, krah, krah, zornig und angriffslustig, und nun saust eine in wildem Schwunge dicht am Kopfe des Uhu vorüber. Eine zweite und dritte macht es nach, und bald macht die ganze Schar gleichzeitig einen Angriff. Vorsichtig hat der alte Grünrock nach der Birke geguckt, aber Saatkrähen setzen sich selten, das weiß er. Noch einmal winkt er dem Hunde gebieterisch Ruhe zu, dann fliegt seine Doppelflinte an die Backe. Gerade im Schwenken ist der Krähenschwarm, da kracht der Schuß, und bumms, hat auch das zweite Rohr gesprochen. Zwei Krähen hat der erste Schuß zu Boden geworfen, und der andre hat noch einer dritten das Leben gekostet. Geschwind ist wieder geladen, und dann darf der Hund hinaus. Faß apporte, Dine! Gleich packt er die eine, die noch mit den Flügeln schlägt, und bringt sie herein und schon ist er wieder draußen, um eine zweite zu holen.
Stumm und hoch haben die Krähen gekreist, nachdem ihre Genossen gefallen; der Doppelschuß hat sie erschreckt, aber woher er gekommen ist, wissen sie nicht. Nun sehen sie den Hund ihre Freunde fassen, und wütend über den nicht gefürchteten Gehilfen des Menschen stoßen sie unter wildem Geschrei auf die verdutzte Dine. Darauf hatte der Förster gerechnet. Wiederum knallen zwei Schüsse, doch nur eine Krähe ist tödlich getroffen, die andre läßt beide Ständer (Beine) hängen und fliegt und fliegt mit langsamen, matten Flügelschlägen der Fasanerie zu. Dann schwebt sie im Bogen zur Erde nieder, schlägt auf und ist tot. Die Schrote hatten sie weidwund getroffen. Der Förster zieht ein grimmiges Gesicht. Daß die Krähe noch auf freiem Felde gefallen ist, paßt ihm gar nicht, sogar ein Fehlschuß wäre ihm lieber gewesen. Natürlich sammelt sich bald der Krähenschwarm um die gefallene Genossin, und krächzend stoßen die Krähen nach der toten Freundin. Wetternd muß sich schließlich der Förster bequemen, die „Schwarze“ herbeizuholen, sonst würde wahrscheinlich überhaupt keine wieder über den Uhu kommen.
Und richtig, auch das hatte er vorausgesehen. Kaum hat er die Krähe aufgenommen und blickt nach der Hütte zurück, da sitzt ein Vogel auf der Birke. Er hat den Kopf nach vorn gebeugt und glotzt nach dem Uhu. Die kräftigen Flügel lassen den Vogel oben ziemlich breit erscheinen; wie ein Keil sitzt er auf dem dürren Wipfel. Daß ein Wanderfalke auf der Birke sitzt, das wird dem vogelkundigen Graubart bald klar. Es bleibt ihm nichts übrig, als das zu tun, was jeder Jäger in solchen Lagen tut, nämlich, einen kernigen Ausdruck zwischen den Zähnen zu murmeln und sich mit den unabänderlichen Tatsachen abzufinden.
Jahr für Jahr kommt nun der Falke in sein Revier, Jahr für Jahr liegt unter der großen Eiche auf der Wiese ein geschlagener Vogel, bald Rebhuhn, bald Fasan, Jahr für Jahr paßt der Förster auf den prächtigen Räuber, immer ohne Erfolg. Und heute verscherzt sich er alter Esel selber den kinderleichten Schuß, einiger lumpiger Krähen willen, da soll doch gleich ... Lange hat der Förster Zeit zu seinen Selbstgesprächen, wie angewachsen sitzt der Wanderfalke auf der Birke. Jetzt rückt er zusammen, und jetzt schwingt er sich abwärts nach dem Uhu, der zur dicken Kugel aufgeblasen seinen Angreifer erwartet. Dicht über den Kopf der zusammenfahrenden Eule hinweg streicht der Falke, dann eilt er mit hastig zuckenden Flügelschlägen davon, wird kleiner und kleiner, um schließlich als Punkt am Horizont zu verschwinden.
Na, der ist fort, denkt der Jäger und geht mißmutig zur Hütte. Immer starrt er nach jenem Punkte, wo der Wanderfalke verschwunden ist, immer regt sich noch die Hoffnung, er könnte vielleicht wiederkommen. Da geht es „krah, krah“, hell und zornig tönt der Schrei einer hassenden Krähe. „Krähen mag ich nun nicht mehr, es muß schon etwas Besseres kommen“, denkt der Förster, und ungehindert stoßen die Krähen auf den Uhu. Schließlich wird es dem Jäger aber doch zu bunt. Es sind Rabenkrähen, der Stimme nach, da ist es schade um jede verpaßte Gelegenheit, einer die Räuberseele auszutreiben. Jetzt setzt sich gar eine auf einen Maulwurfshaufen, so recht günstig in schönster Schußentfernung. „Bumm“ raus ist der Schuß und — fort die Krähe. Der Schuß war so kinderleicht, Zielen erschien überflüssig, und deshalb ging der Schuß in den Acker. Ein Glück, daß der Förster allein in der Hütte ist. So wütend war er gewiß nie. Er ist sprachlos vor Zorn, und sinnend überlegt er genau, ob ihm nicht eine alte Frau über den Weg gelaufen sein könnte oder ob ihm jemand „viel Glück!“ nachgerufen hat. Denn mit rechten Dingen geht doch so ein Mordspech nicht zu. Am liebsten würde er heimgehen, einen tüchtigen Grog trinken und auf dem Sofa von glücklicherer Jagd träumen. Aber der Wanderfalke läßt ihm keine Ruh, der könnte doch vielleicht wiederkommen, und gerade zur rechten Zeit, daß er ihm beim Hereinholen des Uhu zugucken würde. Nein, das soll nicht vorkommen, lieber will er noch eine Stunde vergeblich sitzen.
Und gar so langweilig ist das nicht, wie es immer erscheinen mag, zumal für einen Forstschutzbeamten. Was kann man nicht alles beobachten, wenn man in einem guten Versteck sitzt, von dem niemand weiß, daß es besetzt ist. Da schreitet der Windmüller auf der Landstraße, und sein Dackel ist dabei. Sonst tun die beiden immer so harmlos, als wenn sie nicht wüßten, was ein Hase oder ein Reh ist, heute springt der Dackel von Steinbrücke zu Steinbrücke und prüft mit der Nase, ob es sich lohnt, hindurchzukriechen. Jetzt springt sein Herr in den Graben und steht ein Weilchen ruhig da, dann bückt er sich und hebt etwas auf. Aha, denkt der Förster, ein Kaninchen. — Der Dackel ist mit Passion eingefahren in den Durchschlupf, sein Herr hat auf der andern Seite eiligst den Ausweg mit seinen Beinen versperrt, und dann hat der Hund das Wild erfaßt und zu des Müllers Füßen totgebissen. — Jetzt durchsucht der Müller seine Taschen. „Der sucht ein Sackband“, denkt der Förster, und hat recht. Der Müller bindet das Band an die Hinterläufe des Kaninchens und schnürt sich dann den Nager um den Leib. „Na warte, Krause, ich treffe dich schon einmal, wenn du einen dicken Magen hast, vielleicht ist es dann ein Hase“, knurrt der Förster und stopft sich eine neue Pfeife.
Lange Zeit ist nichts zu sehen, und das Schmauchen der Pfeife und das Pappen der Lippen das einzige Geräusch. Da tönt es wieder „Arr, arr, kräh, kräh“, und ein paar Krähen stoßen wie rasend auf den Uhu. Der Stimme nach könnten es Rabenkrähen sein, die Saatkrähen haben tiefere Laute, aber die graue Weste, die die Vögel tragen, verrät die Nebelkrähen. Die bäumen oft auf, das weiß der Förster, und deshalb spart er zunächst seine Patrone. Nicht lange dauert es, dann läßt die Wut nach, und mit den Flügeln balancierend sitzt eine auf der Birke. Eine zweite, dann dritte macht es nach, und bald schaukeln alle fünf auf den schwanken Zweigen. Sorgsam zielt der Förster, diesmal muß er die böse Schlappe wieder auswetzen, zwei müssen mindestens fallen auf den ersten Schuß, und vielleicht bringt auch der zweite noch einen Treffer. Bumms, kracht der Schuß, wirres Flattern und Stürzen folgt, und ehe es möglich war, noch einmal Dampf zu machen, sind die Überlebenden aus dem Schußfeld entschwunden. Zwei Nebelkrähen liegen tot am Boden, und da läuft wahrhaftig noch eine dritte mit zerschossenem Flügel; die darf Dine holen.