Und so kommt die kleine, erfrorene Haselmaus sogar zu einem ordentlichen Begräbnis. Denn Goldschnabel läßt es sich nicht nehmen, Laub und Erde auf sie zu häufen, und wenn er im Frühjahr wieder bei Stimme ist, singt er sein schönstes Lied über ihrer letzten Ruhestätte.

Frau Duftig und ihre Kinder

Mitten zwischen den großen Feldschlägen des Ritterguts Z. liegt in einer kleinen Talsenkung ein Hölzchen. Fichten sind dort angepflanzt und Dorngestrüpp, und wenn das Wetter rauh und windig ist, suchen Rebhühner, Hasen und Rehe dort einen Unterschlupf. Der Boden ist sandig und nicht zu feucht, und deshalb sind auch gar viele Kaninchenbaue in der Remise. Ein Mensch kommt selten hierher, desto öfter aber der Fuchs; denn der hat hier oft schon erfolgreiche Jagd gemacht. Und ist nichts zu fangen, dann liegt doch das veraaste Reh im Graben, auf dem er sich mit wohligem Knurren wälzt, um sich mit einem mehr eigenartigen als lieblichen Dufte zu versehen.

Vor ein paar Jahren ließ der Förster die Dornbüsche wegschlagen, da sie zu hoch und sperrig gewachsen waren und nicht dicht genug, um Deckung zu geben. Zwar bot er dann den Dornhaufen jedermann zum Geschenk an, aber niemand wollte ihn haben, und da blieb er liegen. „Schließlich brütet einmal ein Fasan oder eine Rebhenne darunter“, dachte der Grünrock, sonst hätte er den sperrigen und stachligen Haufen an Ort und Stelle verfeuert. Wenn er gewußt hätte, wem er dadurch Unterschlupf bieten würde, dann hätte er die Dornen sicher nicht liegen lassen.

Im April mag es gewesen sein, da humpelte und hüpfte ein Tier von Kaninchengröße in dem Graben hin, der zur Remise führt. Von Zeit zu Zeit erklimmt es die Grabenböschung, um einmal die Gegend nach allen Richtungen hin zu durchspähen, dann setzt es seinen Weg fort. Aber rasch kommt es nicht vom Fleck, wahrscheinlich erwartet es in den nächsten Tagen Junge, der Leib ist stark angeschwollen. Bald setzt es sich wieder hin, läßt die dunkeln, blaugrünlich schimmernden Augen die Runde machen, streicht sich mit der dunkeln Pfote über die feuchte, von weißem Fell umgebene Nase, spitzt die Ohren und humpelt weiter. Was für ein sonderbares Tier mag es nur sein, das dort im Graben hinhüpft? Sein dichter Pelz hat oben gelblichbraune Unterwolle und die dichten Grannenhaare ragen wie schwarze Striche darüber hinaus, unten sieht das Kerlchen dunkelbraun aus, beinahe schwarz. Dunkel ist auch der buschige Schwanz, und ebenso die Kehle. Ein Marder kann es also nicht sein, die haben weiße oder gelbe Vorhemdchen, aber die Bewegung ist wieder ganz marderartig, nur unbeholfener.

Ein trächtiges Iltisweibchen ist es, das ein Wochenbett sucht. Bald kommt es in der Remise an. Natürlich untersucht es erst einmal oberflächlich das Hölzchen, um zu wissen, was eigentlich ihre Nachbarn für Leute sind. „Aha, ein Kaninchenbau, und auch befahren, na, da geht es ja an, bei denen müssen nächstens auch Kinder kommen, wenn noch keine da sind.“ Weiter schnuppert Frau Iltis. Frisches „Geläufe“ von Rebhuhn und Fasan findet sie und Fährten von Reh und Hase. Nach Kleinvögeln riecht es hier auch und Mäuselöcher, die warm nach Fleisch duften, sind vorhanden. „In ein ganz armes Land bist du sicher nicht gekommen, hier dürfte es nicht zu schwer sein, eine zahlreiche Kinderschar groß zu ziehen, Konkurrenz ist noch nicht vorhanden, und wenn welche kommt, dann bin ich auch noch da“, denkt Frau Iltis. Dann sucht sie sich ein Versteck.

Zwar sind Kaninchenhöhlen zur Genüge vorhanden, aber mit denen hat Frau Iltis einmal schlechte Erfahrungen gemacht. In einem weitverzweigten Bau hatte sie sich niedergelassen, da tönte eines Tages ein sonderbarer Laut durch die Röhren ihrer Wohnung. Und ehe sie noch recht wußte was los war, kam ein weißes Tier, dessen Augen rot leuchteten und das beinahe roch wie ein Genosse der eigenen Sippe. Am Hals des sonderbaren Wesens hing ein gelbes Ding, das ganz hell immerwährend bimmelte. Da war Frau Iltis geflohen und wollte mit einem Satz zur nächsten Röhre hinaus; da sah sie noch zur rechten Zeit, daß das nicht ging. Ein Netz war darüber gedeckt, das roch nach Mensch und nach Kaninchen. Also rasch zurück, im wilden Anprall am weißen Tier vorbei und durch eine lange Röhre, die in einen Brombeerbusch mündete! Da hörte Frau Iltis gerade, wie ein Jäger zu seinem Gehilfen sprach: „Der Bau scheint unbefahren zu sein, dort ist das Frettchen. Nehmen Sie es auf, daß er nicht in eine andre Röhre fährt und vielleicht ausreißt!“ Und wieder hatte das Glöckchen geklingelt. Da hatte sich die Mama Iltis schleunigst aus dem Staube gemacht und war glücklich entkommen. Seit der Zeit mochte sie am Tage nicht mehr in Kaninchenhöhlen bleiben, geschweige denn darin ihr Lager aufschlagen, der Schreck lag ihr immer noch in den Gliedern, sobald sie daran dachte.

Hier in der Remise braucht sie nach einem andern Versteck nicht lange zu suchen, der Reisighaufen kommt ihr ganz wundervoll passend vor für ein Wochenbett. Einmal umkreist sie ihn und prüft mit der Nase, ob etwas Verdächtiges darin stecken könnte. Da riecht sie, daß schon ein andrer hier heimisch ist, der auch am liebsten ungestört lebt, ein Igel. Der kann ihr und auch ihren Kleinen nichts tun, sie kann ihn aber auch nicht vertreiben, also steht einer nachbarlichen Duldung nichts im Wege. Daher schlüpft sie auf dem Pfade, den der Igel getreten hat, hinein in den Dornhaufen. Der rechtmäßige Eigentümer dieser Wohnung ist zwar nicht sonderlich erbaut über die fremde Dame, die in seine Behausung eindringt, aber als Mann von Bildung stellt er sich gleich vor. „Mein Name ist Borstig, mit wem habe ich die Ehre.“ „Ich bin Frau Iltis und möchte hier in so ehrenwerter Nachbarschaft meine Kinder groß ziehen.“ Schnüffelnd hat der Igel die Luft durch die Nase gezogen und die Stirne in krause Falten gelegt; dann aber erklärt er, nichts dagegen zu haben, denn er würde nächstens auswandern, etwa im Mai, wenn die Nächte warm würden, um den Sommer in den Getreidefeldern zuzubringen. „Bis dahin getreue Nachbarschaft! Doch verzeihen Sie, Ihren Namen habe ich schon wieder vergessen, haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie Frau „Duftig“ nenne, denn ein bißchen einen eigenartigen Geruch strömen Sie schon aus, Rose und Veilchen duften anders.“ „Ja, in einem sonderbaren Geruch steht unsre ganze Sippe“, wird ihm zur Antwort, „deshalb bin ich mit Ihrer Namensgebung einverstanden. Sie halten vielleicht unsern Duft für eine schwache Seite unsrer Persönlichkeit, aber er ist im Gegenteil unsre Stärke. Sie werden sich vielleicht noch davon überzeugen können, wenn ich es auch nicht hoffe!“ Damit war die Freundschaft geschlossen. Dann machte sich Frau Duftig daran, ihre neue Wohnung genau zu besichtigen. Eine alte Fichte mochte an der Stelle gestanden haben, wo der Dornhaufen liegt, die hat dann der Wind umgebrochen. Eine ganze Tafel von Erde hat das Wurzelwerk losgebrochen, und jetzt ist unter der Riesenscholle eine geräumige Höhle, in deren einer Ecke Borstig sich eingerichtet hat. Frau Iltis bezieht den hinteren Teil und nimmt einige zweckmäßige Änderungen vor. Sie räumt die losgebrochene Erde weg und hat bald eine schöne runde Wölbung freigemacht, die das Nest aufnehmen soll. In den nächsten Tagen wird dann die Kinderstube fein ausgepolstert. Weit braucht die Frau Duftig nach Baumaterial nicht zu suchen, der Igel hat zum Bau seines Winternests im vorigen Herbst viel zu reichlich Laub und dürres Gras eingetragen und gibt gern seiner Nachbarin etwas davon ab. Aber auf den Bau eines warmen Nestes beschränkt sich die Vorsorge der Frau Iltis nicht. Die ersten Tage nach dem Werfen läßt sie die Jungen am liebsten keinen Augenblick allein, deshalb muß für genügend Proviant gesorgt werden.

Mit ihren schwerfällig aussehenden humpelnden Sätzen stöbert sie vom Einbruche der Dunkelheit bis gegen Morgen umher. Zur Erlangung größerer Beute ist sie jetzt etwas zu schwerfällig. Deshalb gilt allabendlich ihr erster Ausgang der Feldscheune. Dort wimmelt es förmlich von Mäusen. Die langgeschwänzte braunrote Brandmaus, die so nett aussieht mit ihrem dunklen Streifen auf der Rückenmitte, die Feldmaus mit dem kurzen Schwänzchen, sogar die großäugige Waldmaus ist dort anzutreffen. Da gibt es eine fröhliche Jagd. Sorgsam beobachtet Frau Iltis das Rascheln im Stroh. Ganz langsam und vorsichtig schleicht sie näher. Da schiebt sich ein schnupperndes Näschen aus dem Stroh, die ganze Maus kriecht hervor und knappert und raschelt. Nur einen schwarzen Schatten sieht sie noch in der Luft, noch einen leisen Pieps kann sie ausstoßen, und da ist sie schon zwischen den scharfen Iltiszähnen zerdrückt. Zweien oder dreien geht es ebenso, aber nur eine wird gefressen, die andern werden als Vorrat in die Wochenstube getragen.

Dann geht es im Graben entlang hinunter auf die feuchten Wiesen am Teiche. Mit trippelnden Sätzen hüpft hier Frau Iltis dahin. Sie nimmt sich nicht die Mühe, vorsichtig zu schleichen, denn die Beute, der es gilt, ist zu stumpfsinnig, rechtzeitig zu fliehen. Jetzt hat Mama Duftig erspäht, was sie sucht, sie hüpft zu und zwischen ihren Zähnen quäkt ein Frosch gar erbärmlich. Und er wird zwar raffiniert, aber gar grausam behandelt. Der Stinkmarder zerbeißt ihm das Rückgrad oder die Hinterbeine, so daß er nicht entfliehen kann. Einen ganzen Vorrat von solch armen halb- oder ganz toten Beutetieren trägt Frau Iltis ein.