Doch eines Abends fühlt sie, heute kann sie nicht mehr fort. Und in der Tat. Am andern Morgen trifft Borstig beim Heimkommen von seinem Nachtbummel auf eine zahlreiche Familie. „Na, glücklich vorüber, Frau Nachbarin, meinen Glückwunsch“, sagt er, „wieviel sind’s denn?“ „Sieben Stück“, wird mit schwacher Stimme geantwortet. „Etwas reichlich ist der Segen, das letztemal hatte ich bloß drei“! „Dafür sind auch in diesem Jahre die Mäuse nicht schlecht geraten, und Sie haben doch erzählt, Sie könnten sogar Kaninchen und Fasanen fangen, da werden Sie die kleinen Dinger schon groß kriegen,“ tröstet der Igel. Dann guckt er sich die junge Gesellschaft genauer an. Zwar hat er nur lobende Worte für die „prächtigen Kerle,“ im Innern aber schilt er sie häßlich und prophezeit ihnen kein hohes Alter. Um seine eignen Kinder hat er sich auch nie sonderlich gekümmert; erst wenn sie ein paar Monate alt waren, traf er sie gewöhnlich zufällig mit ihrer Mutter, und dann waren sie schon hübsch groß und echte kleine Igel. Kein Wunder, daß ihm die lichtgefärbten, blinden Dinger nicht gefallen. Volle vierzehn Tage soll es dauern, bis sie sehen lernen, na da, und dabei murren und schmatzen sie fortwährend beim Saugen, da will er sich nur gleich aus dem Staube machen und in die Feldscheune übersiedeln.
Volle drei Wochen läßt er verstreichen, ehe er wieder einen Besuch bei Duftigs macht, und da ist er allerdings überrascht. Das sollen dieselben Wechselbälge sein, die ihn jetzt mit ihren schwarz-blauen Augen verwundert angucken und die schon fauchen, wenn er näher kommt. Auch seine Freundin hat sich recht verändert, allerdings nicht zum guten. Der Balg ist schäbig geworden und die eingefallenen Flanken zeigen, daß es keine leichte Arbeit ist, für sich und noch sieben andre hungrige Mäuler zu sorgen.
Lange Zeit hat Borstig keine Gelegenheit, die Familie Duftig zu besuchen, erst im September trifft er Frau Iltis wieder. Natürlich ist die Freude auf beiden Seiten groß. Sie sieht wieder wohler aus, konstatiert er, der ist aber fett geworden, denkt sie. Dann sprechen sie von den Kindern. Vier davon sind fortgezogen und haben sich selbständig gemacht, drei haben sich bis jetzt zur Mutter gehalten. Den ganzen Winter über wollen sie im Dornstrauch verbringen, wenigstens wenn sie nicht gerade auf Jagdzügen in abgelegenen Gegenden unterwegs sind.
„Vater, wir haben heute abgefährtet. An der Remise haben wir viel Iltisfährten gefunden. Kantors Paul war auch dabei. Ach Vater, da mußt Du sie schießen, heute nachmittag, ach bitte, Vater!“ „Nein, Kinder“, sagt der Förster, „heute zum Weihnachtsfeiertag schieße ich nicht. Aber nehmt doch die Hunde mit, Treff und Seppel, den Dackel. Kantors Paul mag den Fox mitbringen. Aber seht euch vor, daß die Hunde sich nicht beißen. Die Stänker werden wohl in Kaninchenbauen stecken!“ „Nein Vater, die stecken unter dem Reisig, ach bitte, komm doch selber mit, da folgen die Hunde besser, bitte Vater!“ „Na meinetwegen denn!“
Am Nachmittag setzt sich der Jagdzug, der Förster und Karl, sein Junge und Kantors Paul und die drei Hunde in Bewegung. Der Schnee ist weggetaut und von Fährten nichts mehr zu sehen. Eine leise Anspielung des Försters, die Jungen hätten vielleicht Kaninchenfährten für Iltisfährten angesehen, wird mit wahrer Entrüstung zurückgewiesen. So dumm wären sie doch nicht, und Kaninchenspur und die vom Marder wären doch ganz verschieden. Schließlich nähert man sich der Remise. Seppel ist natürlich der erste, der riecht schon lange in jedes Kaninchenloch und zieht die süße Witterung ein. Aber er muß zurück und ebenso der Rowdy, der Fox, Treff weiß das von allein. Bald ist man am Reisighaufen. Einen Augenblick stehen Dackel und Terrier, als müßten sie sich erst besinnen, was der Geruch zu bedeuten hat, dann fahren sie beide mit gesträubten Rückenborsten in den Haufen hinein. Seppel kennt den Raubzeuggeruch, aber Rowdy, der nur Ratten und Hamster würgen durfte, braucht einige Zeit, bis er begreift, daß er lustig losraufen kann, ohne Schläge zu bekommen. Jetzt geben die kleinen Hunde Laut, Seppel tief und grollend, der Fox giftig und hell, aber zum Angriff gehen sie nicht vor, wenn auch der Laut immer wütender wird. „Aha“, sagt der Förster, „die Stänker haben den Hunden etwas vorgestunken. Hui faß, Seppel, kiß, kiß, Rowdy!“ Wütendes Kläffen antwortet, und nun ertönt das gurgelnde Knurren des Terriers, er hat gefaßt. Auch Seppel will nicht mehr zurückstehen, er packt einen zweiten und zaust sich mit ihm herum. Das Kreischen und Fauchen der gepackten Räuber, das Knurren der Hunde, ein Mordsspektakel. Den möchte sich ein dritter Iltis zunutze machen. Leise drückt er sich unter dem Haufen hinweg und versucht, nach dem freien Felde zu entkommen. Beinahe wäre es ihm geglückt, aber ehe er noch in den Schollen des Sturzackers verschwunden ist, hat ihn Karl erblickt. Der reißt den verdutzten Treff am Halsbande herum und stürmt dem flüchtenden Stinkmarder nach. Da hat auch Treff die Situation erfaßt. Einige Sekunden nur dauert es, da ist der Flüchtling eingeholt. Ein Griff über die Schulterblätter, und Mama Duftig fliegt dem Hunde um die Behänge, daß ihre Knochen knacken und die Räuberseele entweicht. Mittlerweile ist auch der geräuschvolle Kampf im Dorngestrüpp beendet, die Sieger zerren ihre Beute hervor und lecken sich ihre geringfügigen Beiß- und Kratzwunden.
Dann zieht ein Siegeszug nach dem Dorfe zurück. Die Knaben sind stolz auf ihre Spurkenntnis; denn ohne die wäre die Jagd nicht unternommen worden, der Förster aber freut sich, daß seine Unterweisungen von den Jungen gemerkt und in der Praxis angewendet worden sind. Die Helden des Tages sind aber natürlich die Hunde, die gestreichelt und geliebkost werden wie lange nicht.
Verlag Haupt & Hammon · Leipzig
Die Glücksbude
Eine Erzählung von
Ernst Preczang