Daß sie einer gemischten Ehe entstammen, sieht man auf den ersten Blick. Keins ist eine echte Nebelkrähe, keins trägt aber auch ein Rabenkrähenkleid. Das eine gleicht zwar fast völlig der Mutter, aber auf dem grauen Kleide sind wie Tintenspritzer schwarze Federn verteilt. Das andere wieder gleicht dem Vater ziemlich, aber die schwarzen Federn sind grau gesäumt, und der Bauch sieht völlig grau aus. Hübsche, starke Kerle sind sie allesamt, und das ist kein Wunder, sie haben gar nahrhafte Bissen bekommen.

In der Fasanerie gleich beim Dorfe ist alle Tage großer Lärm. Wacholderdrosseln schackern, Amseln warnen, Zaunkönige zetern. Kommt man dann näher, dann sieht man in eiligem Fluge eine Krähe verschwinden, einige leere Eierschalen verraten, was sie hier getrieben hat. Mag der Förster auch eilen mit seinem Schießprügel, er kommt gewiß zu spät. Er weiß nicht, wie es kommt, aber immer sieht er gerade den Störenfried noch wegfliegen, wenn er auch noch so leise und gedeckt sich herangepürscht hat. Er weiß ja nicht, daß in der hohen Fichte, die den Plan beherrscht, ganz oben im Gipfel der andere Krähengatte sitzt und aufpaßt. Dessen Abstreichen ist stets das Zeichen zur eiligen Flucht für den andern.

Und doch ereilte an einem Tage die ganze Familie der Tod durch das rächende Blei. Des Försters Sohn kam in die Ferien und hatte, durch den nötigen Überschuß an freier Zeit unterstützt, binnen zwei Tagen das ganze Geheimnis erforscht. An die hundert Schritte von der Fichte entfernt setzte er sich auf die Lauer, während der Förster unter dem Baum mit den Jungkrähen ein Versteck bezog. Die Geduld der Jäger wurde auf keine allzu harte Probe gestellt. Das Pärchen kam, er flog auf die Fichte, sie auf die Suche nach Eiern. Wie ein Peitschenknall tönte die Fernrohrbüchse des Förstersohnes, und wie ein nasser Sack fiel der Schwarze zu Boden. Nach wenigen Minuten dröhnte vom Feldgehölz der Schrotschuß, der die Graue und zwei Junge tötete, einige weitere Schüsse kündeten das Ende der überlebenden Jungen.

Unser Eisvogel

Naßkalt und unfreundlich ist der Wintertag. Kein Vogel im Dorfe ist zu sehen, der eine lustige Miene machte. Die Sperlinge sitzen in der Hecke und schütteln von Zeit zu Zeit einmal die Nebeltropfen aus dem Gefieder. Ein paar Meisen fliegen vom Hühnerhofe zum Birnbaum und wieder zurück. Sie stibitzen den Hühnern Haferkörner und zermeißeln sie auf dem Baume, aber muntere Töne und Lockrufe hört man heute nicht von ihnen. Und draußen im Freien ist es gerade so. Faul sitzen die Krähen auf den tropfenden Bäumen oder suchen die unverdauten Körnchen aus dem Mist auf den Feldern. Die Fichten schütteln von Zeit zu Zeit ihre Äste und lassen einen nassen Schauer zu Boden fallen und die Birke schwenkt ihre dünnen Zweige wie ein Mann seine frierenden Arme. Stumm und emsig nach Kerfen suchend, durchstöbert der kleine Zaunkönig die Baumstümpfe und sperrigen Wurzeln am Bachufer. Heute trägt er sein Schwänzchen nicht so kokett steil aufgerichtet, nicht einmal zum Schnarren und Warnen hat er heute Lust.

Da tönt ein hoher, heller Pfiff, kurz und laut, dann noch einer und in schnurgeradem Fluge fliegt ein Vogel über dem Bache dahin. Genau mitten über dem Wasserspiegel hält er sich und setzt sich dann auf den Weidenzweig, der über den Bach ragt. Korallenrote, kleine Füßchen umklammern den schwankenden Sitz, tief rostbraun ist die Brust, smaragden glänzt der Rücken des Eisvogels. Einen schöneren Schmuck kann sich der Weidenbaum nicht wünschen als den in tropische Farben gehüllten Vogel. Und der scheint zu wissen, wie hübsch er ist. Als wollte er den blaugrünen Scheitel mit den moosgrünen Mondflecken auf jeder Feder recht bewundern lassen, dreht er den Kopf bald nach rechts, bald nach links. Den rostbraunen Zügel durchs Auge, den weißen Ohrfleck, kurz seine ganze Pracht läßt er betrachten. Jetzt blickt er hinunter ins Wasser. Will er im klaren Spiegel seine Schönheit bewundern? Nun fliegt er ab vom Zweige und hält sich rüttelnd wenige Spannen über dem Bache. Doch mit einem Schlage ist er verschwunden, und nur das aufspritzende Wasser zeigt, wo er steckt. Ehe wir noch im klaren sind, was das zu bedeuten hat, erscheint er schon wieder flügelschlagend auf der Wasserfläche, schüttelt sich und fliegt wieder hinauf auf seinen Weidenzweig. In seinem langen, spitzen Dolchschnabel glitzert silbern ein schwänzelndes Fischchen. Zweimal schlägt der glückliche Fischer seine Beute gegen den Sitz, daß es schallt und klatscht und die zuckenden Schwanzschläge aufhören, dann hebt er den Kopf ruckweise nach oben. Noch einmal und dann zum drittenmal führt er die Bewegung aus, dann hat er erreicht, was er will. Mit dem Kopf nach innen hat er das Fischchen im Schnabel und schlingt es mühsam hinunter. Dann streicht er ab, einem andern Lieblingsplatze zu.

In milden Wintern ist es diesem schönsten unsrer Vögel nicht schwer, sich durchzuschlagen, anders, wenn eine Eisdecke die Gewässer verschließt oder wenn fortwährende Regengüsse das Wasser trüb und undurchsichtig machen.

Da sitzt er wieder, der funkelnde Brillant, auf einem Rohrhalm und starrt hinunter in die Flut. Eine dichte Schneedecke bedeckt die Felder, und über alle Bäche und Teiche hat der Frost feste Brücken geschlagen. Doch dem kleinen Fischer sinkt der Mut nicht. Er weiß die Stellen, wo das strudelnde Wasser sich nicht in Eis verwandeln läßt und wo die Forellenbrut hinkommt zum Luftschnappen. Zwei der winzigen Dinger hat der Eisvogel schon im Kropf, er ist schon ziemlich satt und sieht nur zum Zeitvertreib oder aus Gewohnheit hinunter in das Wasser, das glucksend und gurgelnd unter dem Eise dahinströmt. Da ruckt er zusammen und legt das Gefieder glatt. Den Pfiff eines Artgenossen hat er gehört. Jetzt pfeift es näher, und nun hat er den frechen Eindringling, der die Rechte des Eingesessenen verletzen will, erspäht. Schrill und herausfordernd ertönt sein Pfiff, da kann der rechtmäßige Bewohner seine Kampflust nicht mehr bezähmen. In surrendem Fluge saust er dem fremden Fischer entgegen. Doch so leicht läßt der sich nicht vertreiben, der Hunger macht ihn mutig und läßt ihn den Kampf wagen. Wie zwei Ritter in blitzenden Gewändern fahren die Kämpen aufeinander los. Ganz dicht am Kopfe des Gegners fährt der scharfe Dolchschnabel vorüber, und rasch wenden beide um, und wieder sausen sie sich entgegen. Ein herrliches Schauspiel! Aber mehr als ein Schauspiel, ein Zweikampf mit tödlichen Waffen ist es. Zwei- oder dreimal wiederholt sich der Angriff, bis schließlich einer mit einer schweren Verletzung am Kopfe zu Boden taumelt und dann eilig das Weite sucht. Der andre folgt ihm am Bache entlang ein Stück, dann pfeift er seinen Siegespfiff und setzt sich wieder auf dem schaukelnden Rohrhalme nieder.

Im wunderschönen Monat Mai jagen sich wieder zwei Eisvögel am Bache. In rasendem Fluge geht es über dem Wasser dahin, und die hellen Pfiffe wollen den ganzen Tag nicht aufhören. Doch nicht ernsthafter Kampf und Streit auf Leben und Tod beseelt die Herzen der schillernden Vögel. Hat der Verfolger den andern erreicht, dann zaust er ihm nicht mit wütenden Schnabelstößen die Federn, dann neckt er ihn nur durch einen leichten Flügelstreich und versucht ihn aus seiner Bahn zu drängen. Liebesspiele und Neckereien sind die lustigen Turniere. Vor einigen Wochen allerdings mußte ein Rivale durch eine blutige Kopfschramme und einen Schnabelstoß in die Brust belehrt werden, daß Ehebruch streng bestraft wird. Ob der Gegner seinen Wunden erlegen ist, ob er sich ausgeheilt hat und in einem andern Reviere doch noch eine ledige Eisvogelfrau gefunden hat, wer weiß.

Nun ist es auch höchste Zeit, an den Bau einer Nisthöhle zu denken. Doch bachauf und bachab ist nirgends ein genügend hohes Ufer zu finden, in dem der Bau einer Nisthöhle möglich wäre. Auch der nahe Teich hat sumpfige Ufer und keine Steilränder, da ist das Eisvogelpärchen in großer Verlegenheit und weiß nicht, was tun. Tagelang durchstreift es die Gegend, jeder Bach wird in seiner ganzen Länge abgesucht, doch entweder er ist ungeeignet wie das eigne Gebiet, oder er ist schon besetzt, und man wird nach erbittertem Kampfe vertrieben. Endlich streicht einmal das Männchen über das Feld, um vielleicht in weiterer Entfernung etwas Passendes zu finden. Da findet es, wohl drei Kilometer vom heimischen Bache, einen verlassenen Steinbruch im Felde. Ein kleiner Teich hat sich darin gebildet, an dem schon Schilf und Rohr sich angesiedelt hat, auch Weiden und einige Birken stehen dort. Was aber das schönste ist, die Ufer fallen steil zum Wasser ab und bestehen wenigstens in der oberen Hälfte aus sandigem Lehm. Schleunigst wird das Weibchen herbeigeholt, und auch dieses ist nach eingehender Betrachtung des Geländes der Meinung, daß hier der Platz geeignet ist zur Anlage der Kinderstube.