Bald hier, bald da klammern sich die Eisvögel an die Lehmwand, finden hier den Boden zu hart und steinig, dort wieder scheint er ihnen zu bröckelig. Endlich einigen sie sich auf eine Stelle, wo ein größerer Stein sich losgelöst und eine kleine Vertiefung zurückgelassen hat. Hier machen sie sich an die Arbeit. Mit den langen Schnäbeln hacken und bohren sie, kratzen mit den Füßen das losgearbeitete Material weg und bringen schließlich eine spanntiefe Höhle zustande. Damit geben sie sich für heute zufrieden.
Fröhlich tönen ihre Pfiffe, neckend jagen sie sich am Teiche und streichen dann wieder über die grünenden Saaten ihrem Bache zu. Am andern Morgen gehen sie wieder an ihre Erdarbeit. — Ist es nur das Männchen oder nur die Gattin, die an der Höhlung arbeitet, oder teilen sie sich in die Mühe, wer weiß es, tragen sie doch beide ein fast ganz gleich buntes Kleid und sind daher von weitem nicht zu unterscheiden. Doch, ob er oder sie oder auch beide arbeiten, fleißig nimmt der kleine Minierer das schwere Werk auf sich. Ja, wenn die Röhre noch kurz ist, mag es gehen. Aber ist sie einmal einen halben Meter tief, dann gehen die Strapazen erst richtig los. Jedes kleine Klümpchen muß mit dem Schnabel hinausgetragen werden vor die Höhle. Kein Wunder, wenn gar bald die kleinen roten Beinchen ermüden und gebieterisch nach einer Ruhepause verlangen. Sie sind ja das Marschieren gar nicht gewöhnt. Immer sitzt ja der Eisvogel und bedient sich zur kleinsten Platzänderung seiner Flügel. Sogar beim Rudern unter Wasser, beim Fangen der kleinen Fischchen dienen in erster Linie die Flügel der Fortbewegung, wenn auch die Beinchen mithelfen.
Kaum eine halbe Stunde vermögen sie daher beim Bau der Nesthöhle Dienst zu tun, dann sitzt der kleine Erdarbeiter auf einem neuerworbenen Lieblingsplatze, einem Baumstumpf am Steinbruchteich und ordnet sein zerzaustes und mit Lehmstaub verunziertes Prachtkleid. Dann eilt er rasch zum Bache, um etwas für den hungrigen Magen zu sorgen und nach längerer Erholungspause nimmt er dann seine Arbeit wieder auf. Volle vierzehn Tage dauert es der vielen Unterbrechungen wegen, bis eine meterlange Röhre vollendet ist. Noch ein oder zwei Tagewerke sind erforderlich, um am Ende eine backofenförmige Erweiterung herzustellen, den Nestraum.
Nach einigen Tagen liegt das erste Ei darin, blendendweiß ist seine dünne, durchscheinende Schale, es ist auch ziemlich groß für einen nicht einmal stargroßen Vogel. Nach etwas mehr als einer Woche ist das Gelege mit sieben Stück vollzählig und nun muß das Weibchen fünfzehn Tage lang stillsitzen und brüten. Der Gatte mag von der langweiligen Beschäftigung nichts wissen, aber er sorgt dafür, daß die Frau wenigstens nicht zu hungern braucht. Emsig trägt er ihr Fischchen zu und legt sie ihr vor. Dabei wird ihm aber täglich immer mehr klar, daß sie sich eine reichlich schwere Aufgabe zugemutet haben, dadurch, daß sie im Steinbruche brüten.
Im Tümpel ist auch nicht ein einziges Fischchen zu erspähen, höchstens einige Libellenlarven kriechen langsam über den lehmigen Grund dahin. Da heißt es jeden einzelnen Bissen kilometerweit herbeiholen. Frau Eisvogel hat sogar Sorge, sie könnte während des langen Stillsitzens das Fischen verlernen, bis zum Bache wagt sie nicht zu fliegen, damit die Eier nicht verkühlen, und hier im Steinbruchtümpel sucht sie vergeblich nach Wild. Nur gut, daß Er für Nahrung sorgt, sonst stände es schlimm um sie.
Langsam kommt der Tag näher, an dem die Jungen ausfallen sollen. Erst lagen sie auf dem bloßen Lehmboden, denn vom Eintragen von Nistmaterial halten Eisvogels nichts, jetzt aber sind sie auf eine ansehnliche Lage dünner Fischgräten gebettet. Wo kommen die her? Nun sie stammen aus den Gewöllen (Ballen unverdaulicher Speisereste), die die Eisvogelgattin beim Brüten ausgespien hat. Kein Wunder, daß ein traniger Fischgeruch der Höhle entströmt. Im übrigen aber ist Familie Eisvogel reinlich in ihrer Wohnung, der Kot wird stets draußen abgesetzt und auch die Kinder werden reinlich erzogen, ihre Stoffwechselprodukte werden von den Alten aus der Höhle geschafft. Aber wenn sie auch sauber sind, hübsch sehen junge Eisvögel vor dem Ausfliegen doch nicht aus. Ganz nackt sind sie zunächst und der große dicke Kopf baumelt auf einem dünnen, schwächlichen Halse hin und her. Der Leib ist kugelig und dick aufgetrieben, die Därme schimmern durch, kurz, recht unästhetische Gebilde sind die kleinen Dinger. Doch die Eltern sind zufrieden mit ihnen und füttern sie reichlich, mit Libellen zunächst und dann mit Fischbrut, so daß sie rasch heranwachsen. Aber hübscher werden sie zunächst nicht. In langen Reihen beginnen sich stachelartige Gebilde auf ihnen zu entwickeln, die starr nach allen Seiten abstehen vom Körper. Es sind die Federn, die lange in der Federscheide stecken bleiben, so daß man nicht sieht, was eigentlich daraus werden soll.
Kriechen die Jungvögel aber einmal heraus aus ihrem engen Gefängnis, dann sieht man nicht mehr, was für eine Entwicklung sie hinter sich haben. Dann sind sie echte kleine Eisvögel, nur der Schnabel ist kürzer als bei den Alten und die Federn sehen dunkler und kräftiger gefärbt aus als die an der Sonne verschossenen Kleider der Alten. Noch mehrere Wochen vergehen, bis sie das Handwerk ihrer Ahnen ausüben können. Zum Herbste aber werden sie selbständig.
Möge ein gütiges Geschick sie vor der Mordspritze habsüchtiger Menschen bewahren, die ihnen die winzigen Fischchen nicht gönnen und die sich nicht denken können, daß jemandem der Anblick eines Eisvogels mehr Freude macht als die paar armseligen Barsche, die sie verzehrt haben.
Waldkauz
Am Franzosengrab, hundert Schritte waldeinwärts, steht eine alte, knorrige Eiche. Zackig ragen ihre alten, abgestorbenen Wipfeläste gen Himmel, und knarrend bewegt der Wind ein Stück abgestorbene Baumrinde. Dort ist es nicht recht geheuer. Allabendlich, wenn alles stumm und still in der Runde, da beginnt hier ein nächtlicher Spuk.