„Nein, so haben wir nicht gewettet, du kriegst mich schon lange nicht“, das mag das juik bedeuten, das sie dem Männchen zuruft, das die Gattin endlich gefunden hat und spielend nach ihr stößt. Nun beginnt das ewig neue Spiel der Liebe, das spröde Fliehen, die verstohlene Annäherung des Weibchens, das stürmische Werben des Männchens. Hat er das Spiel satt und blockt ausruhend auf einem Aste, dann neckt sie ihn und stößt ihn von seinem Sitze, um dann vor dem Nacheilenden zu entfliehen und die Spröde zu spielen.
Nur wenige Wochen wird es noch dauern, dann sitzt Frau Kauz auf ihrem ersten, weißen Ei, nach ein paar Tagen sind es drei oder vier, die dann drei Wochen bebrütet werden müssen. Sind die Jungen ausgeschlüpft, dann hat aber das beschauliche Stillsitzen ein Ende. Dann heißt es arbeiten, denn die kleinen Schnäbel sind schwer vollzukriegen. Nur langsam wachsen die kleinen, weißen Dunenballen heran, langsam fangen Federn an zu sprießen und Wochen vergehen, ehe der erste zaghafte Versuch gemacht wird, die Nisthöhle zu verlassen. Das größte und gefräßigste wagt sich zuerst an den Eingang der Höhle. Aber Tage vergehen, ehe es sich bis zum nächsten Ast getraut. Dort sitzt es und bettelt mit leisen, hohen Pfeiftönen die Alten um Futter an.
Und die benutzten die Gelegenheit, auch ihre andern Jungen zum Ausfliegen zu bringen: sie füttern nur das ausgeflogene Kind vor den Augen der hungernden andern. Und siehe da, das Mittel wirkt. Am Nachmittag fliegt eines nach dem andern hinüber zum Aste, und dicht gedrängt sitzen bald die vier kleinen Wollknäuel auf dem Eichast und gieren nach Futter. Zwar dauert es nun nicht mehr lange, bis sie ziemlich gewandt fliegen können, aber selbständig werden sie erst viel später.
Sie müssen ja erst noch so vielerlei lernen. Sie müssen ihre Ohren üben, bis sie das Rascheln des Windes vom Knabbern der Maus unterscheiden können, ihre Schwingen müssen kräftig werden und ihre Fänge stark, daß sie leise schweben und kräftig zufassen können, um schließlich einen bissigen Hamster oder eine wehrhafte Ratte zu überwältigen.
Aber sie stellen sich nicht ungeschickt an, und im Laufe des Sommers lernen sie achten auf das Wischern der Mäuse, sie vernehmen das leise Atmen der Ammer im Fichtenhorst, sie trauen sich, Jungkaninchen zu schlagen, und scheuen sich auch nicht, eine junge Fasane im Walde, eine kleine Rebhenne im Felde zu greifen, kurz, es sind echte Waldkäuze geworden.
Ohreulen
Leben wir wirklich noch im Februar? Die Sonne lockt und lacht, daß die Knospen die Deckschuppen abwerfen, daß Stachelbeerbusch und Flieder zartgrüne Spitzen zeigen. Buchfink und Goldammer, Kohlmeise und Amsel jubilieren und begrüßen die erwachende Natur, die Lerche trillert, der Grünspecht lacht, es will Frühling werden. Jetzt wird auch den Menschen die Enge der Straßen und Gassen der Großstadt zu drückend, in Scharen ziehen sie hinaus, um die staub- und rußgequälten Lungen in der schmeichelnd warmen Luft zu baden.
Eine Schar Knaben wandert durchs Feld. Bunte Mützen decken die Köpfe, die von Sorge um Prüfungsarbeit und Versetzung heute nichts wissen wollen. Dem Walde streben die Jungen zu, um irgendeine bluttriefende Indianergeschichte in die Tat umzusetzen. Unter einer großen Eiche machen sie Halt zu ernstem Kriegsrat. Dabei fallen dem einen sonderbare, daumenstarke Ballen zu seinen Füßen auf. Aus grauem Filze scheinen sie gemacht zu sein und weißlich schimmern kleine Knochen daraus hervor. Trocken und appetitlich sieht das Zeug aus, da muß man doch einmal nachsehen, was das eigentlich ist.
Fest und dicht zusammengefilzte Haare bilden die Grundmasse, in die Knochen eines kleinen Tieres eingebettet sind. Sorgsam zerbröckelt der kleine Forscher seinen Fund, während die andern mit den sonderbarsten Vermutungen über das rätselhafte Ding nicht sparen. Jetzt kommt ein Schädel zum Vorschein, dem nur die Schädelkapsel eingedrückt ist, sonst ist er wohlerhalten. Der Größe nach ist es ein Mäuseschädel, die Schneidezähne stimmen auch dazu. Da die Knochen alle weiß und sauber sind, scheuen sich die andern Knaben auch nicht, die Ballen zu zerkrümeln. Bald hat jeder mindestens einen Mäuseschädel herausgefunden, auch ein Vogelschädel findet sich in den Haarpfröpfen, dazu ein paar große, schwarze Flügeldecken eines Käfers. Viel Kopfzerbrechen macht den Jungen ein kleiner Schädel, der mit kleinen, spitzen Zähnchen ausgestattet ist, und der vollkommen unversehrt und heil sich aus der Filzmasse ausschälen läßt. Soviel wissen die Knaben aus ihren Unterrichtsstunden, daß das kein Nagetierschädel ist, denn er hat gar keine Nagezähne, was mag das nur sein? Vielleicht ein Maulwurfsschädel, aber der sollte doch größer sein? Doch halt, die Spitzmäuse haben solch ein Raubtiergebiß, das ist ein Spitzmausschädel.
Die Frage ist zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst, noch bleibt aber die andere offen: wo stammen denn die Ballen her? Daß sie die Überreste vom Mahle eines Raubtiers sind, ist allen klar. Aber Kotballen sind es nicht, dazu sind sie zu sauber und geruchlos. Wiederum ist aber das Fleisch von den Knochen schon völlig abgelöst, also müssen sie schon einmal verschlungen gewesen sein.