Weiter wandern die Knaben, und es scheint, als sollten sie nie zur Lösung ihrer Frage kommen. Aber vergessen haben sie das Problem nicht, und jeder späht auf dem Waldboden nach neuen Filzballen, um doch vielleicht das Geheimnis lösen zu können. Unter einer Kiefer mit dichter Krone finden sich schließlich die rätselhaften Pfröpfe wieder, einige davon sind sogar noch feucht und schleimig, so daß keiner der Jungen sie anfassen will. Der Boden um den Baum herum zeigt ferner noch etwas Eigenartiges. Große Klexe einer kalkig-weißen Flüssigkeit sind umhergespritzt, haben auch den Stamm gefärbt, und auch einige Äste der Kiefer zeigen den weißen Überzug. Und oben, dicht an den Stamm gedrückt, hockt der Urheber dieser Unsauberkeit.
Mit knapp angelegtem Gefieder sitzt die Ohreule auf ihrem Schlafbaum und starrt mit ihren roten Feueraugen hinunter auf die Knaben, die ihre Ruhe stören. Lang und dünn wie ein Aststumpf sieht der Vogel aus, langgezogen ist der Gesichtsschleier, die Federohren stehen nach oben, und dicht nebeneinander verlaufen die Reihen dunkler Spritzflecke auf der lichten Unterseite. Leise gehen die Knaben um den Baum herum, um auch den Rücken des Vogels zu betrachten. Doch siehe da, den gelbbraunen Hinterkopf bekommen sie nicht zu sehen. Als wäre er so angewachsen, zeigt der Kopf mit den Augen nach hinten, wenn die Knaben um den Baum herumgewandert sind. So oft auch die Jungen ihren Standpunkt ändern, immer glotzen sie die Eulenaugen an.
Da kommen sie auf einen pfiffigen Einfall. Sie wollen allesamt um den Baum herumwandern, immer in gleicher Richtung, dann dreht die Eule den Kopf immer nach ihnen und muß sich doch schließlich das Genick verdrehen und ihnen dann zur Beute fallen. Gesagt, getan. Die Prozession beginnt, und immer dreht die Eule den Kopf mit, aber ihr macht das keinen Schaden. Wenn die Knaben hinter dem Stamme verschwunden sind, dann wird mit einem Ruck der Kopf wieder zurückgedreht und starrt dann auf die Schlaumeier hinunter, wie zuvor. Bald sehen die Knaben ein, daß sie durch ihre Marschierübungen nichts erreichen. Um aber wenigstens ihren Ärger zu bezeugen, daß sie so für Narren gehalten worden sind, nehmen sie Kiefernzapfen und werfen nach der Eule, um sie zu verscheuchen. Bald haben sie auch ihre Absicht erreicht. Doch die Jungen sind förmlich erschrocken, daß die Eule so groß ist. Im Sitzen sah sie so klein aus, und jetzt, mit den ausgebreiteten Flügeln, auf deren fast weißer Unterseite ein schwarzer Fleck sich abhebt, kann sie beinahe mit einem Bussard sich messen.
Gewandt schwingt sich die gestörte Freundin der Nacht durch die hell beschienenen Baumzweige, um ziemlich weit entfernt in einer dichten Fichte sich einzuschwingen. Dort sitzt sie und träumt, bis die Sonne schlafen gegangen ist und der Abendstern am Himmel steht. Dann reckt und dehnt sie sich, knackt mit dem Schnabel, blinzelt mit den Augen und ruft. Sonderbar taktmäßig ertönt das tiefe Hu, im Atemtempo eines schlafenden Menschen. Aber lange vergnügt sich die Eule nicht mit ihren Gesangsübungen. Sie ist hungrig und fliegt hinaus auf die Felder, um die Raine nach Mäusen abzusuchen. Kommt ihr dabei ein schlafender Feldsperling im Gestrüpp, eine Goldammer oder Feldlerche zu Gesicht, dann wird der Vogel gleichfalls verspeist. Auch Mistkäfer und Heuschrecken werden verzehrt, wenn sie über den Weg krabbeln oder im Grase musizieren; doch an Insektenkost ist jetzt im Februar noch nicht zu denken.
Wohl aber würde es nichts schaden, wenn sich das Eulenmännchen einmal nach seiner Gattin umschaute, die auch in dieser Gegend sich jagend umhertreibt. Bald kommt der März und spätestens Anfangs April ist das erste Ei gelegt .... Doch auf Feld und Wiese ist von der Gattin nichts zu sehen, vielleicht sucht sie in der Fichtenpflanzung nach Nahrung. Lange braucht der kleine Uhu nicht umherzustreifen, bald sieht er die Gattin über der Waldblöße schaukeln. Eilig strebt er auf sie zu, um ihr für ein Viertelstündchen den Hof zu machen. So zierlich als es ihm möglich ist, umschwebt er das Weibchen, ruhig und taktmäßig die Flügel rührend, um sie mit lautem Klatschen unter dem Leibe zusammenzuschlagen. Aber die Angeschwärmte zeigt durch ihre Teilnahmslosigkeit, daß sie die Werbung für verfrüht hält, und auch er bekommt sein Spiel bald satt. Er schwebt einmal hinüber nach der Kiefer, in der der alte Krähenhorst steht, den sie schon jahrelang zur Aufzucht ihrer Kinder benutzten, seufzt einigemal sein Hu und fliegt dann wieder auf die Jagd.
Oculi — da kommen sie. Die Vögel mit dem langen Gesicht, die Schnepfen, die den alten Weidmann mit unwiderstehlicher Macht hinausziehen ins Revier, sie kommen aus dem Süden zurück in ihre nordische Heimat. Wenn der rußige Rotschwanz sein gepreßtes Lied vom Hausgiebel ertönen läßt, wenn die erste Singdrossel ihren Davidsruf singt, dann ist die rechte Zeit für den Schnepfenstrich. Allabendlich steht dann der alte Forstmann trotz Rheumatismus auf dem Anstande. Dort, wo die Fichtenschonung an die Blöße stößt, auf der Farnkraut und Brombeergestrüpp unter einigen jungen Birken und Eichen üppig wuchern, stellt er sich an. Treff, der rauhhaarige Jagdhund, ist auch dabei, er hat sich gesetzt und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Leise senkt sich die Dämmerung auf die Erde nieder, leise schnickert ein Rotkehlchen in den Fichten, eine Amsel warnt und schilt, allmählich verstummt auch dieser Vogellaut. Ganz still wird es, das leise Rauschen des Windes in den Fichtenzweigen ist kaum vernehmbar. Wiwiwiwi klingeln in sausendem Fluge ein paar Stockenten vorüber, die vom Teiche nach dem Bache streichen. Wieder ist alles still. Doch halt, was war das? Wie von einem Schlage getroffen, zuckt der Jäger zusammen, jetzt tönt es wieder, näher schon. Ein tiefes, dumpfes Quarren, ein hohes Puizen, und mit eulenartigem Fluge erscheint die Schnepfe über den Fichten. Ein Feuerstrahl, Donner und Rauch. Schon ist der Hund im Brombeergestrüpp, sucht hier und schnüffelt da, aber er findet nichts. Die Entfernung war wohl zu groß, die Schnepfe ist unverletzt entkommen.
Doch was ist das für ein Vogel über dem Hunde? In weichem, schaukelndem Fluge schwebt ein Vogel dort, schwenkt rechts und links und stößt mit kläffenden Rufen auf den verdutzten Hund. Immer kürzer schwenkt der Vogel herum, immer hitziger greift er an, bellender ertönt sein Käff — Käff — Käff. Langsam schreitet der Förster näher. Sollte das ein Weih sein, der soviel Kühnheit zeigt? Ein Raubvogel ist es jedenfalls, also einen Schuß Pulver wert. Rasch wirft der Förster einen Schuß nach dem Räuber, aber ohne Erfolg; denn er stößt ruhig weiter, als ginge ihn der Blitz und Donner nichts an. Zum zweitenmal schießt der Grünrock fehl dank der tiefen Dämmerung und der unstäten Bewegung des Ziels. Ein dritter Schuß endlich wirft den Vogel tot in das Farnkraut, und der Hund beeilt sich, ihn herbeizubringen. Doch wie erstaunt ist der Förster, als er schließlich eine Eule in der Hand hält, eine hellgefärbte Eule von der Größe einer Waldohreule, deren gelbe Augen noch im Tode feindlich funkeln. Ganz klein sind die Federn, die die Ohrbüschel darstellen.
Arme Sumpfohreule! In der weiten flachen Heide oder in der Tundra gar hat deine Wiege gestanden. Zwischen deckenden Gräsern bist du groß geworden im bodenständigen Neste. Kaum hattest du gelernt, die flinke Maus, den Lemming vielleicht, zu jagen, da zwang dich der Winter zum Wandern. Und hier, fern der Heimat, mußtest du den Schroten, die eine unkundige Hand nach dir schoß, erliegen. Hoffentlich geht es deinen Brüdern und Schwestern besser, daß sie glücklich wieder in ihre weite, friedliche Heimat kommen. Zwar vor dem Pfahleisen, dem grausamen Mordwerkzeug gewissenloser Menschen, sind sie ziemlich sicher, nur ungern benutzen sie ja Pfähle zum Ruhen. Aber wenn sie einen Uhu sehen, der noch in der Dämmerung neben der Krähenhütte sitzt, dann kann es leicht der ganzen Schar das Leben kosten, wenn ein schießwütiger Mensch dort auf Raubvögel wartet. Mögen ihre Brüder und Schwestern eine nach der andern unter Blitz und Knall tot zu Boden fallen, die Wut verleitet die Überlebenden immer und immer wieder, auf den großen Nachtvogel zu stoßen. Wer vermag zu sagen, was der Grund zu diesem blinden Hasse ist?
Rothals und Grauwange
Alljährlich, wenn die Taufrösche im Teiche murren, wenn das Schilf mit einem Wald von Spießen den Wasserspiegel umgibt, dann kommen sie aus dem warmen Süden wieder, Herr Rothals und seine Gattin Grauwange. Die Nächte durch sind sie geflogen, und eines Morgens kommen sie angeschnurrt mit vorgestreckten Hälsen, senken sich nieder zur Wasserfläche und fallen ungeschickt in ihr heimisches Element. Die Muskeln unter dem weichen lockeren Brustpelz schmerzen, die Flügel sind lahm, und deshalb fällt es den Rothalstauchern nicht ein, sich diesen Sommer noch einmal in die Lüfte zu wagen. Sie schaukeln sich auf den Wellen, stecken die schwarzen Schnäbel mit den gelben Mundwinkeln in das Rückengefieder und schlafen und träumen von weiten Reisen von Teich zu Teich, von Fluß zu See, bis sie hier auf ihren angestammten Wässern ankamen.