Die größern durch Wasser getriebenen Gebettrommeln werden neben oder über einem Strome erbaut, und die gewaltigen Zylinder, auf denen das ganze tibetische Gebetbuch eingegraben ist, werden durch fließendes Wasser gedreht. Die durch Windkraft getriebenen sind den bei den Schokas angewendeten, die ich schon beschrieben habe, ähnlich, unterscheiden sich aber von diesen darin, daß die Tibeter oft Gebete auf die Zeugstreifen drucken. Die kleinern, die mit der Hand gedreht werden, gibt es in zwei verschiedenen Arten; sie sind entweder aus Silber oder aus Kupfer gemacht. Die für den Gebrauch im Hause bestimmten sind Zylinder von ungefähr 15 Zentimeter Höhe. Innerhalb derselben dreht sich auf Zapfen nach dem Prinzip eines Kreisels die Gebetrolle, die der Gläubige vermittelst eines über die Maschine hinausragenden Knopfes in Bewegung gesetzt hat. Durch eine viereckige Öffnung in dem Zylinder kann man die Gebete sich innen drehen sehen. Bei den in Tibet zum täglichen Gebrauch am meisten verbreiteten Gebeträdern hat der Zylinder zwei bewegliche Klappen, zwischen die die Gebetrolle fest hineinpaßt. Eine Handhabe mit einem Eisenstabe wird durch die Mitte des Zylinders und der Rolle gesteckt und vermittelst eines Knopfes in ihrer Lage erhalten. Ein Ring, der den Zylinder umgibt, befestigt sie an eine kurze Kette mit Gewicht; diese dient dazu, wenn sie durch einen Ruck mit der Hand angezogen wird, eine drehende Bewegung hervorzubringen, die nach Vorschrift von links nach rechts gehen muß und für unbestimmte Zeit im Gange gehalten wird, wobei die Worte »Om mani padme hum« oder einfach »Mani, mani« wiederholt werden, bis die Drehung wieder aufhört.

Bei den ältern Rädern waren die Gebete geschrieben und wurden in einem kleinen, schwarzen Beutel aufbewahrt. An dem Gewichte und der Kette, die dem Rade die drehende Bewegung geben, sind oft Amulette sowie Ringe von Malachit, Nephrit, Knochen oder Silber befestigt.

Diese Gebetmaschinen findet man in jeder tibetischen Familie, und fast jeder Lama besitzt eine. Sie bewahren sie sehr eifersüchtig, und es ist sehr schwer, solche zu bekommen. Ich war glücklich, während meiner Reise nicht weniger als zwölf kaufen zu können, von denen zwei sehr alt waren.

Außer dem Rosenkranz, den die Lamas in derselben Weise wie die Katholiken beständig gebrauchen, haben sie noch ein messingnes Gerät, das Gebetzepter (Dordsche oder Wadschra), das sie zwischen den Handflächen drehen, während sie ihre Gebete sprechen; dieses wird ausschließlich von Lamas gebraucht und gehört zu ihrer Ausrüstung. Es ist 6 oder 7 Zentimeter lang und abgerundet, so daß man es leicht in beiden hohlen Händen halten kann.

Es gibt in Tibet wie in andern buddhistischen Ländern außer den Lamasereien auch Nonnenklöster. Auch die meist gar nicht anziehenden, nicht sehr angesehenen Nonnen scheren sich die Köpfe und betreiben Zauberei. In einigen dieser Nonnenklöster wird strenge Klausur aufrechterhalten, aber in den meisten von ihnen ist den Lamas freier Zutritt gestattet, mit dem gewöhnlichen Resultate, daß die Nonnen die Konkubinen der Lamas werden. Hiervon ganz abgesehen sind die Frauen in den Klöstern ebenso unmoralisch wie ihre Brüder in den Lamasereien, und im besten Falle sind auch sie nur ein niedriger Typus der Menschheit. Den Lamas ist zu gewissen Zeiten des Jahres eine ungewöhnlich große Freiheit hinsichtlich der Frauen erlaubt.

Die Priester betreiben auch die Kunst, Musikinstrumente und Eßgeräte aus Menschenknochen zu machen. Der Schädel wird zur Herstellung von Bechern, Tsambaschalen und einfachen oder Doppeltrommeln verwendet, und die Schulter-, Ober- und Unterschenkelknochen werden in Trompeten und Pfeifen verwandelt. Die Lamas sollen, wie man erzählt, gern Menschenblut genießen, das sie aus Bechern trinken, die aus Menschenschädeln gemacht sind.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Tibetische Heilkunst.

Die Lamas waren jetzt sehr mitteilsam. Ich ließ mich mit dem bißchen Hindostanisch, das ich konnte, sowie mit Hilfe der tibetischen Brocken, die ich aufgelesen hatte, in eine Unterhaltung über Krankheiten und ihre Heilmittel ein, da ich die Annahme, daß ich ein Doktor sei, aufrechterhalten mußte und außerdem sicher war, daß die Tibeter über diesen Gegenstand seltsame Begriffe haben würden. In dieser Annahme wurde ich nicht getäuscht. Die folgenden Einzelheiten über die Methoden, welche die Lamas bei der Heilung der im Lande vorkommenden Krankheiten befolgen, werden von Interesse sein.

Die Lamas erklärten mir, daß alle Krankheiten aus dem Fieber entständen, und weiter, daß das Fieber selbst nur ein böser Geist sei, der verschiedene Formen annehme, wenn er in den Körper eindringe und alle Arten von Beschwerden verursache. Neben dem Fieberdämon aber gebe es noch andere Dämonen, die so gütig seien, uns Reichtümer und Glück zu bringen. Wenn jemand nach einer gefährlichen Krankheit eine Höhle, einen Wasserfall oder eine von einem Flusse durchströmte Schlucht besuche, wo diese Dämonen sich aufhalten, so könne er einen Rückfall bekommen und sterben oder er könne augenblicklich geheilt werden und für immer glücklich leben. Wie man erwarten könne, kehre im letztern Falle der Empfänger so unschätzbarer Vorzüge gewöhnlich noch einmal zurück, um den gütigen Geistern, die sein Leben lebenswert gemacht hätten, einen zweiten Besuch abzustatten; »aber wenn er zum zweiten Male hingeht, wird er zur Strafe für seine Gier erblinden oder gelähmt werden«.

»Die bösen Geister«, fuhr ein fetter, alter Lama mit gekrümmten Fingern fort, die er zusammenkniff und schüttelte, während er sprach, »haben die Gestalt von menschlichen Wesen oder Ziegen, Hunden, Schafen oder Pferden, und manchmal nehmen sie die Form von wilden Tieren, wie Bären und Schneeleoparden, an.«