In Anbetracht der nomadischen Gewohnheiten der Tibeter und des rauhen Lebens, das sie führen, bleiben sie von sehr schlimmen Unfällen verhältnismäßig viel verschont. Gelegentlich gibt es Arm- oder Beinbrüche, die sie, wenn der Bruch kein komplizierter ist, nach Möglichkeit gröblich wieder einrichten, indem sie die Knochen in ihre richtige Lage zurückbringen und das Glied fest mit Lappen, Zeugstücken und Stricken bandagieren. Wenn Holz zu haben ist, werden Schienen benutzt. Ein Pulver, das aus einem Pilze gemacht wird, der im Himalaja auf Eichen wächst, wird von den nahe der Grenze wohnenden Tibetern eingeführt und benutzt. Eine dicke Schicht desselben wird, naß gerieben, auf das gebrochene Glied gelegt und darüber der Verband angebracht. Bei einer gesunden Person braucht ein einfacher Beinbruch, der gut eingerichtet worden ist, 20–30 Tage zur Heilung, wonach der Patient wieder anfangen kann herumzugehen; ein gebrochener Arm braucht nicht länger als 15–20 Tage in einer Binde getragen zu werden. Wenn diese Heilungen etwas schneller vor sich gehen als bei unsern zivilisiertern Methoden des Einrichtens der Knochen, so ist dieses nur dem gesunden Klima und dem Umstand zu verdanken, daß die Eingeborenen den größten Teil ihrer Zeit im Freien und in der Sonne zubringen, was ohne Zweifel die beste Kur für jedes derartige Leiden ist. Aber natürlich sind die Knochen nur selten richtig zusammengefügt und gewöhnlich bleiben sie mißgestaltet. Verrenkungen werden mit befriedigendern Resultaten dadurch geheilt, daß man die Knochen in ihre richtige Lage streckt.

Bei Wunden wird das Bluten durch Auflegen eines nassen Lappens gestillt, der fest über die Wunde gebunden wird. In den meisten Fällen, die ich sah, zeigten die Wunden, die nicht verbunden waren, eine sehr langsame Heilung, da die großen Temperaturveränderungen zwischen Tag und Nacht sie oft wieder aufbrechen machen. Sie machten anfangs gute Fortschritte zur Heilung, aber die Neubildung und das Zusammenwachsen der Haut ging sehr langsam vor sich.

Brandwunden werden durch Überstreichen mit Butter behandelt, und ein erweichender Umschlag von Rhabarber wird sowohl angewendet, um Geschwülste von Quetschungen zum Zurückgehen zu bringen als auch um Furunkeln, an denen die Tibeter viel leiden, zur schnellen Eiterung zu führen.

Gegen Fieber und Rheumatismus wird Akonit gegeben, und um Schmerzen in den Muskeln der Glieder zu lindern, wird eine rohe Art von Massage angewendet. Diese wird gewöhnlich von den Frauen ausgeführt, die, soweit ich es beurteilen konnte, die Massage ohne jede praktische Vorkenntnis vornehmen und sich mit heftigem Reiben, Kneifen und Stoßen begnügen, bis Zeichen von Erleichterung auf dem Gesicht des Leidenden erscheinen. Ob diese Zeichen jedoch der wirklichen Linderung von Schmerzen zuzuschreiben sind oder der Hoffnung, daß die Masseuse ihre Behandlung beendigen würde, konnte ich nicht feststellen. Tibetische Finger sind für eine solche Arbeit nicht sehr geeignet, da sie plump und, mit denen anderer asiatischer Volksstämme verglichen, steif und hart sind.

Das Schröpfen wird mit Erfolg angewendet. Man macht drei oder vier kleine Einschnitte dicht beieinander und setzt dann einen kegelförmigen Schröpfkopf über sie, der ungefähr 20 Zentimeter lang ist und an seiner Spitze ein kleines Loch hat. Der Operateur saugt durch diese kleine Öffnung, bis der Schröpfkopf voll Blut ist, worauf man ihn abnimmt und die Operation von neuem begonnen wird. Bei vergifteten Wunden geschieht das Aussaugen, indem man die Lippen auf die Wunde selbst bringt.

Blutentziehung wird als Mittel gegen Quetschungen und Geschwülste und gegen innere Schmerzen angewendet, auch gegen akute Anfälle von Rheumatismus und Gliederschmerzen. Wenn sie nicht genügt, nimmt man seine Zuflucht zur Brennkur, und wenn auch diese versagen sollte, dann kommen die Zündkegel an die Reihe und werden angezündet, nachdem der Sitz des Schmerzes mit ihnen umgrenzt worden ist. Wenn selbst dieses Mittel sich als unwirksam erweist, wird die Krankheit für unheilbar erklärt.

Natürliche Abnormitäten und Mißbildungen sind in Tibet häufig genug. So kamen in jedem Lager, das ich betrat, einige zu meiner Kenntnis. Mißbildungen des Rückgrats waren gewöhnlich, und während meines Aufenthalts in Tibet sah ich viele bucklige Leute. Es gibt auch häufige Fälle von Krümmung der Beine, und Klumpfüße sind nicht selten. Von Mißbildungen des Schädels waren die ungleiche Form der beiden Seiten oder der abnorme Abstand der Augenhöhlen die gewöhnlichsten Fälle, die mir vor Augen kamen.

Durch das beständige Tragen schwerer Ohrringe, die sogar nicht selten das Ohrläppchen zerreißen, sind die Ohren von Männern der höhern Klassen künstlich bedeutend verlängert.

Die häufigste und seltsamste Erscheinung war die außerordentliche Anschwellung des Leibes bei Kindern. Die Kinder haben so ungeheuere Bäuche, daß sie manchmal kaum fähig sind zu stehen; in dem Maße, als sie älter werden, scheint die Anschwellung allmählich nachzulassen, und der Körper nimmt seine normale Gestalt an.

Taubheit kommt häufig vor, aber stumme Leute habe ich nie angetroffen, obgleich ich hin und wieder auf Fälle von Stottern und auf andere Mängel der Artikulation stieß. Öfters wurden die Sprachstörungen jedoch durch Geisteskrankheit veranlaßt, die in Tibet besonders unter den jungen Männern sehr häufig ist.