Apoplektische und epileptische Zufälle und Krämpfe kommen nicht sehr häufig vor, sind aber, wenn sie auftreten, sehr ernst. Gewöhnlich wird die Feuerkur angewendet, um die Geister zu vertreiben, die in den Körper eingedrungen sind. Aber trotzdem haben diese Zufälle manchmal eine vorübergehende oder dauernde Lähmung zur Folge, mit großer Entstellung des Gesichtsausdrucks, besonders um die Augen und den Mund. Ich hatte Gelegenheit, drei Fälle dieser Art in Tucker, in Tarbar nördlich vom Brahmaputrafluß und in Toktschim zu beobachten.
Fälle heftiger Geisteskrankheit traf ich nie, obgleich ich unter den Männern oft seltsame Eigentümlichkeiten und Zeichen des Wahnsinns, besonders des religiösen, beobachtete.
Das seltsamste Heilmittel sah ich im Orte Kutzia anwenden. Ich hatte ein tibetisches Lager von einigen zwanzig oder dreißig Zelten betreten, als meine Aufmerksamkeit durch eine erregte Menge gefesselt wurde, die sich um einen alten Mann, dem man die Kleider ausgezogen, versammelt hatte. Er war mit Stricken festgebunden, und auf seinem Gesicht spiegelte sich Todesangst wider. Neben dem Leidenden kniete ein großer langhaariger Mann mit rotem Rock und schweren Stiefeln und betete inbrünstig, indem er sein Gebetrad, das er in der rechten Hand hielt, herumdrehte.
Da meine Neugier erregt war, näherte ich mich der Versammlung, worauf drei oder vier Tibeter sich erhoben und mir Zeichen machten, wegzugehen. Ich tat, als ob ich sie nicht verstände, und nach einer hitzigen Erörterung wurde mir gestattet zu bleiben.
Augenscheinlich wurde von einem tibetischen Medizinmann eine Operation vorgenommen, und die Spannung der um den Kranken versammelten Menge war groß. Der Doktor war emsig beschäftigt, Zünder herzustellen, die er sorgfältig in Seidenpapier einwickelte. In der Mitte durchgeschnitten, bildeten sie zwei Kegel, jeder mit einem zusammengedrehten Papierschopfe an der Spitze. Als er sechs oder acht fertig hatte, ließ er seinen Patienten oder vielmehr sein Opfer eine sitzende Stellung annehmen. Ich fragte, was dem Kranken fehle. Nach dem, was sie mir sagten, und nach einer auf eigene Hand angestellten Untersuchung war ich überzeugt, daß der Mann an Hexenschuß litt. Die Kur interessierte mich jedoch mehr als die Krankheit selbst, und als der Doktor sah, wie sehr mich seine Verrichtungen fesselten, forderte er mich auf, mich neben ihn zu setzen.
Zuerst rief der Mann nach Feuer; eine Frau reichte ihm von einem nahen Feuer einen lodernden Brand. Er schwang ihn in der Luft hin und her und sprach dabei Beschwörungsformeln. Danach wurde der Patient einer gründlichen Untersuchung unterworfen, bei der er jedesmal, wenn die langen knochigen Finger des Arztes seine Seiten berührten, ein durchdringendes Geheul ausstieß, worauf der Mann der Wissenschaft seine mit offenem Munde dasitzenden Zuschauer belehrte, daß der Schmerz dort säße. Jetzt setzte der Doktor eine ungeheuer große Brille auf, und nachdem er zuerst die Nabelgegend des Kranken mit der flachen Hand gerieben hatte, maß er mit dem gebogenen Daumen zwei Zoll auf jeder Seite und unterhalb des Nabels ab. Zur Bezeichnung dieser Abstände benutzte er das brennende Holzstück, das er an diesen Stellen auf das Fleisch drückte.
»Murr, murr! Butter, Butter!« war das, was er zunächst verlangte, und so wurde Butter gebracht. Er rieb ein bißchen davon auf jeden Brandfleck. Dann wurde auf jeden derselben ein Kegel gesetzt und so lange gedrückt, bis er mit der Spitze nach oben festsaß. Indem der Medizinmann zuerst die Kugeln eines Rosenkranzes schob, dann die Gebetmaschine drehte und Gebete murmelte, arbeitete er sich in einen Zustand vollkommener Raserei hinein. Er starrte die Sonne am Himmel an, erhob seine Stimme von schwachem Geflüster zu einem donnernden Bariton, und seine ganze Zuhörerschaft schien von dieser Vorstellung so ergriffen, daß sie alle bebten und zitterten und in ihrem Schrecken beteten. Jetzt faßte er das brennende Holz wieder nervös mit einer Hand und brachte, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lungen darauf blies, eine Flamme hervor. Die Aufregung der Menge wuchs aufs höchste; den Kopf zur Erde geneigt, betete jeder inbrünstig. Der Doktor schwenkte das brennende Holz drei- oder viermal in der Luft und führte die Flamme dann an die Papierzipfel der Kegel. Allem Anschein nach hatte man zur Herstellung derselben Salpeter und Schwefel gemischt; sie brannten schnell und machten dabei ein Geräusch wie eine brennende Zündschnur.
Die Aufregung der Zuschauer war aber in diesem Moment nicht mit der Aufregung des Patienten zu vergleichen, der die Wirkung dieses primitiven Heilmittels zu fühlen begann. Das Feuer sprühte ihm auf die nackte Haut. Das Mittel wirkte! Schaum kam dem unglücklichen Manne aus dem Munde, seine Augen traten aus ihren Höhlen. Er klagte und stöhnte jämmerlich und machte verzweifelte Anstrengungen, die Bande zu lösen, die seine Hände auf dem Rücken festhielten. Zwei kräftige Männer sprangen vor und hielten ihn, während der Medizinmann und alle anwesenden Frauen, über die ausgestreckte Gestalt gebeugt, mit aller Macht auf die Reste der drei rauchenden Kegel bliesen, die sich tiefer in das Fleisch des unglücklichen Opfers einbrannten.
Der Schmerz, über den der Mann geklagt hatte, schien rund um die Hüften zu gehen; deshalb begann der sonderbare Arzt, nachdem er die Arme seines Patienten vom Rücken los- und vorn wieder festgebunden hatte, seine Messungen von neuem, diesmal vom Rückgrat ausgehend.
»Tschik, ni, sum! Eins, zwei, drei!« rief er aus, während er die drei Stellen wie vorher bezeichnete, sie mit Butter beschmierte und die Kegel auf ihnen befestigte. Nun folgte eine Wiederholung der vorherigen Aufregung, Gebete, Todesqual und Verrenkungen. Aber der Patient war noch nicht gänzlich geheilt, und folglich wurden trotz meines Protestierens und Bittens noch weitere Kegel auf seinen beiden Seiten angezündet. Der arme Bursche hatte jetzt einen Kreis schwerer Brandwunden rings um den Körper.