»Du bist ein großer König!« schrie einer, so laut er konnte, »und wir wollen dir diese Geschenke zu Füßen legen«, dabei wies er auf einige kleine Säcke, die die andern trugen. »Gelbo! Tschakzal! Tschakzal! Wir grüßen dich, König!«
Mir war nach der elenden Nacht, die wir verbracht hatten, durchaus nicht königlich zumute, aber ich wollte, wenn es irgend möglich war, die Eingeborenen mit gebührender Achtung und Höflichkeit behandeln.
So sagte ich, daß die vier Mann näherkommen dürften, daß aber der Hauptteil der Gesellschaft sich nach einer etwa 200 Meter entfernten Stelle zurückziehen solle. Dies taten sie unverzüglich, was mich nach der kriegerischen Haltung, die sie zuerst eingenommen, einigermaßen überraschte. In der demütigsten Weise legten sie ihre Luntenflinten nieder und steckten die Schwerter, wie sich’s gebührte, in die Scheiden. Die vier Offiziere kamen eilig näher und warfen, als sie dicht vor uns waren, ihre Säcke auf die Erde, die sie öffneten, um uns den Inhalt zu zeigen. Da war Tsamba, Mehl, Tschura, eine Art Käse, Gurani, süßer Teig, Butter und getrocknete Früchte.
Die Offiziere waren mit ihren demütigen Begrüßungen äußerst freigebig. Ihre Mützen hatten sie abgenommen und auf den Boden geworfen und die Zungen hielten sie weit aus dem Munde gestreckt, bis ich ihnen Erlaubnis gab, sie hineinzuziehen. Sie gaben vor, Untergebene des Tarjum von Toktschim zu sein, der sie abgesandt habe, sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, und der wünsche, daß ich ihn als meinen besten Freund betrachten solle. Der Tarjum, sagten sie, der die Beschwerden wohl kenne, die wir bei der Reise durch ein so unwirtliches Land zu bestehen haben würden, wünsche, daß ich die Gaben annehmen möchte, die sie jetzt vor mir niederlegten. Damit überreichten sie mir eine Kata, die »Schärpe der Liebe und Freundschaft«, ein langes Stück dünner seidenartiger Gaze, dessen Enden zu einer Franse geschnitten waren.
Diese Katas begleiten in Tibet jedes Geschenk, und kein Besucher würde je ohne eine solche ausgehen, die er seinem Wirte sofort als Geschenk anbietet. Die hohen Lamas verkaufen sie an die Frommen; und denjenigen, die beim Besuche eines Lamaklosters und -tempels eine befriedigende Opfergabe zurücklassen, werden eine oder mehrere dieser Schärpen zum Geschenke gegeben. Wenn man einem Freunde eine mündliche Botschaft schickt, wird eine Kata mitgesandt, und unter Beamten und Lamas werden sogar kleine Stücke dieser Seidengaze in Briefe eingeschlossen. Als eine Verletzung der guten Sitte und einer Beleidigung gleichkommend wird es angesehen, wenn man einem Besucher keine Kata gibt oder übersendet.
Ich beeilte mich, meinen Dank für des Tarjums Freundlichkeit auszusprechen, und überreichte den Abgesandten eine Summe in Silbermünzen, die das Dreifache des Wertes der geschenkten Gegenstände betrug. Die Männer schienen sehr munter und freundlich; wir plauderten eine ganze Weile. Zu meinem großen Ärger konnte aber der arme Man Sing, den der Anblick von so viel Eßware verwirrt machte, den Qualen des Hungers nicht länger widerstehen und begann, ohne sich viel um die Verletzung der Etikette und die möglichen Folgen zu kümmern, sich den Mund mit Händen voll Mehl, Käse und Butter vollzustopfen. Das brachte die Tibeter auf den Verdacht, daß wir Hunger litten, und mit ihrer gewöhnlichen Schlauheit beschlossen sie, daraus Vorteil zu ziehen.
»Der Tarjum«, sagte der Älteste der Abgesandten, »wünscht, daß du zurückkommen und sein Gast sein mögest; er wird dich und deine Leute speisen, und dann werdet ihr wieder in euer Land zurückgehen.«
»Danke,« erwiderte ich, »wir brauchen des Tarjums Speisen nicht und wünschen auch gar nicht zurückzugehen. Ich bin ihm für seine Güte sehr verbunden, aber wir wollen unsere Reise fortsetzen.«
»Dann,« sagte ein junger, kräftig gebauter Tibeter ärgerlich, »wenn du deine Reise fortsetzest, werden wir unsere Geschenke zurücknehmen.«
»Und eure Kata dazu«, fuhr ich fort, indem ich ihm zuerst den großen Butterballen gegen die Brust fliegen ließ und dann die kleinen Säcke mit Mehl, Tsamba, Käse, Früchten usw. nachsandte, die einige Augenblicke vorher so zierlich hingelegt worden waren.