Jak mit Instrumentenkisten.

Wären wir klug gewesen, so würden wir, glaube ich, jetzt umgekehrt sein, da wir gegen das Schicksal nicht ankämpfen konnten; aber dieser Gedanke kam mir nicht ein einziges Mal in den Kopf. Ich hatte mir von allem Anfang an vorgenommen, daß ich um jeden Preis vordringen wollte, und deshalb maß ich dem letzten schweren Schlage, der uns durch das Entlaufen der beiden Träger getroffen hatte, nur wenig Wichtigkeit bei. Wir brachen das Lager ab, was unter den neuen Umständen eine in der Tat schwierige Aufgabe war. Erschöpft und entmutigt mußten wir weit hinauslaufen, um unsere widerspenstigen Jake einzufangen, die auf der Suche nach Gras weitergelaufen waren. Als wir sie gefunden und nach dem Lager zurückgetrieben hatten, kam die mühevolle Arbeit, ihnen die Packsättel auf den Rücken zu binden und die schweren, mit Zink ausgeschlagenen Kisten mit den wissenschaftlichen Instrumenten und photographischen Platten an den Sätteln zu befestigen. Dies Geschäft war nur ein Teil der täglichen Arbeit. Das Ausarbeiten meines Tagebuchs, das Eintragen meiner Beobachtungen, das Zeichnen und Aufnehmen von Photographien, das Einlegen der Platten in die Kamera, gelegentlich auch das Entwickeln derselben, dann Vermessungsarbeiten, Reinigen von Flinten usw. kam hinzu; danach wird man begreifen, daß ich alle Hände voll zu tun hatte. Die Anstrengung, die schweren Kisten auf die Packsättel hinaufzubringen, ging wegen unseres erschöpften Zustandes und der unsere Geduld auf die Folter spannenden Unruhe der Jake beinahe über unsere Kräfte, so daß wir mehrmals Versuche machen mußten, ehe es uns wirklich gelang, die Lasten festzubinden. Da unsere beiden Träger mit allen unsern besten Stricken und Lederriemen durchgegangen waren, hatten wir sehr große Mühe, das Gepäck an den Sätteln zu befestigen. Unser einziges noch übriges Stück Tau war nicht lang genug, um damit den Schlußknoten an dem Sattelgurt unter dem Bauche des Jaks zu machen, und weder mein Träger noch Man Sing hatten hinreichende Kraft, ihn anzuziehen und zusammenzubringen. So ließ ich sie den Jak bei den Hörnern fassen, um ihn ruhig zu halten, während ich, so stark ich konnte, anzog. Dieses Kraftstück gelang mir, und ich war eben im Begriff aufzustehen, als ein furchtbarer Stoß von dem Horne des Jaks mich auf den Kopf einen Zoll hinter dem rechten Ohre traf und mich Hals über Kopf ins Rollen brachte. Ich war einige Augenblicke betäubt und trage die Spur davon bis zum heutigen Tage. Aber obgleich der Hinterkopf noch viele Tage geschwollen blieb und schmerzte, fühlte ich keine ernstlichen Folgen.

Wir gingen am rechten Ufer des Flusses in östlicher Richtung vorwärts, zwischen rötlichen Hügeln und entfernten, hohen, schneebedeckten Bergen, die wir von Zeit zu Zeit, wenn der Regen aufhörte und der Himmel klar wurde, erblickten. Auf das momentane Hochgehen der Wolken folgte immer ein neuer Platzregen, der das Marschieren sehr unangenehm und beschwerlich machte, da wir in den Schlamm einsanken.

Gegen Abend entdeckten wir plötzlich ungefähr hundertfünfzig Soldaten, die uns in vollem Galopp das Flußtal entlang nachsetzten. Wir gingen eilig weiter, und als wir ihnen hinter einem Hügel aus den Augen gekommen waren, wichen wir von unserer Richtung ab und stiegen schnell zur Höhe des Hügelzuges empor und auf der andern Seite hinab, wo meine beiden Leute mit den Jaken sich versteckt hielten. Platt auf dem Bauche liegend, blieb ich mit meinem Fernglase auf dem Gipfel des Hügels und beobachtete die Bewegungen unserer Verfolger. Sie ritten munter drauflos, und als sie näherkamen, schallte das Geklingel ihrer Pferdeglocken in dieser öden, traurigen Umgebung ganz fröhlich an mein Ohr. Sie schienen ihre Aufgabe sehr leichtfertig und bequem auszuführen, denn da sie wahrscheinlich dachten, daß wir unsern Weg am Flusse entlang fortgesetzt hätten, ritten sie an der Stelle vorbei, wo wir den Pfad verlassen hatten, und bemerkten wohl infolge der Dunkelheit unsere den Abhang des Hügels hinaufführenden Fußspuren nicht.

Es begann wieder heftig zu regnen. Wir lagerten uns in 5200 Meter Höhe, in voller Bereitschaft, jeden Augenblick fliehen zu können; die Nacht wurde infolgedessen nicht allzu behaglich verbracht. Für den Fall, daß sie einen Überfall versuchen sollten, hielt ich die ganze Nacht hindurch, die Büchse in der Hand, Wache und war froh, als der Tag dämmerte. Der Regen hörte auf, aber nun waren wir in einen weißen Nebel eingehüllt, der uns frieren machte. Ich bat Tschanden Sing, aufmerksam auszuschauen, und versuchte eine Weile zu schlafen.

»Hazur, hazur! jaldi apka banduk! Herr, Herr, schnell, deine Büchse!« flüsterte mein Träger, indem er mich aufrüttelte. »Hörst du den Ton von Glocken?«

Das zuerst unbestimmte Geklingel war jetzt ganz deutlich hörbar. Unsere Verfolger kamen näher, augenscheinlich in einem großen Trupp. Es war keine Zeit zu verlieren.

Tschanden Sing und ich traten mit unsern Büchsen, Man Sing mit seinem Gurkha-Kukri auf den Gipfel des Hügels vor, um unsere Besucher zu empfangen. Ein langer Zug von grauen, gespenstischen Gestalten, die ihre Pferde führten, tauchte aus dem Nebel auf. Die Vorhut hielt von Zeit zu Zeit an, um den Boden zu untersuchen; sie hatten offenbar unsere vom Regen teilweise verwaschenen Fußstapfen entdeckt und verfolgten sie. Endlich erspähten sie uns auf der Spitze des Hügels, und nun hielten sie an. Es entstand eine Bewegung unter ihnen, und sie hielten eine erregte Beratung; einige von ihnen nahmen die Luntenflinten von der Schulter, andere zogen ihre Schwerter. Wir saßen auf unserm Horst und beobachteten sie mit großem Interesse.

Nach einigem Zögern deuteten vier Offiziere uns durch Zeichen an, daß sie näherzukommen wünschten.