Die Sättel sind, obgleich sie der Bequemlichkeit ermangeln, dennoch Kunstwerke. Das Gestell ist aus festem importiertem Holz gemacht und in geschmiedetes Eisen gefaßt, das wie bei einem mexikanischen Sattel einen sehr hohen vordern und hintern Teil bildet. Zur Verzierung gewisser Teile des Sattels wird Eidechsenhaut oder farbiges Leder verwendet, und ein Sattelkissen bedeckt die Stelle, auf der der Reiter sitzt. Um die Bequemlichkeit zu erhöhen, wird jedoch immer noch eine Decke über das Kissen gelegt. Die kurzen eisernen Steigbügel zwingen den Reiter, mit gekrümmten Beinen zu sitzen, was, wenn man sich daran gewöhnt hat, eine nicht unbequeme Stellung ist.

Ein ledernes Bruststück, ein Schwanzriemen, Zügel und Gebiß, alles in derselben Weise wie der Sattel verziert, vervollständigen die Aufzäumung des tibetischen Pferdes. Hierzu müssen die hinter dem Sattel befestigten doppelten Säcke, die zur Aufnahme von Tsamba, Butter usw. dienen, gerechnet werden, ebenso der unvermeidliche Pflock nebst langem Strick, mit dem jeder tibetische Reiter versehen sein muß, um das Tier nachts anzubinden.

Die Packsättel für Jake werden nach demselben Prinzip gebaut, sind aber von viel roherer Konstruktion. Das Gepäck wird mit Hilfe von Stricken an den beiden obern Stangen befestigt. Um den Sattel auf dem Jak festzuhalten und Wundscheuern zu vermeiden, legt man dem Tiere, ehe es gesattelt wird, Kissen und Decken auf den Rücken. Rechnet man hierzu das langhaarige Fell des Tieres, so wird man begreifen, daß es durch diese anscheinend grausamen Lasten sehr selten auch nur die kleinste Verletzung erleidet.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die letzten Getreuen.

Die Nacht kam heran, und ich hielt es nicht für sicher, das Lager in der Nähe der Tibeter aufzuschlagen. Unsere Jake vor uns hertreibend und die neulich gekauften Schafe fortziehend, begaben wir uns weiter. Vier Kilometer marschierten wir, dann machten wir halt in einer Bodensenkung, wo wir gegen den sehr stark wehenden Wind geschützt waren. Zu unserer Rechten hatten wir eine kurze Kette von ziemlich hohen Bergen, die sich von Norden nach Süden hinzog und von einer tiefen Schlucht durchschnitten war, aus der ein breiter Strom floß. Diesen in der späten Abendstunde zu überschreiten konnten wir nicht hoffen, aber am Morgen, wenn die Kälte der Nacht das Schmelzen der Schneemassen unterbrochen haben würde, konnte wohl ein Versuch gemacht werden. Während des Tages waren häufig schwere Regenschauer niedergegangen, und in dem Augenblick, als die Sonne unterging, hatten wir einen richtigen Platzregen. Unser kleines Zelt war aufgeschlagen, aber wir mußten es nach ein paar Stunden räumen, da das Becken, in dem wir es aufgestellt, sich in einen Teich verwandelt hatte und das Wasser mit jedem Augenblick höher stieg. Es gab keine Wahl; wir mußten ins Freie hinaus; denn wo das Wasser uns nicht überschwemmte, war der Wind so heftig und der Boden so feucht, daß es nicht möglich war, das Zelt aufrecht zu erhalten, da die Pflöcke nicht halten wollten. Die Stunden der Nacht schienen sehr lang, als wir, fest in unsere Wettermäntel gehüllt, mit erfrorenen Füßen, Händen und Ohren dasaßen, während das Wasser am Halse hinunterlief. Als endlich die Dunkelheit der Dämmerung wich, war von einem Nachlassen des Windes noch nichts zu bemerken. Wir waren am Abend nicht imstande gewesen, ein Feuer anzuzünden, und auch jetzt konnten wir es nicht tun; so waren wir durchfroren, hungrig und elend. Das Thermometer war auf ein Grad Kälte heruntergegangen. Ich hatte ein eigentümliches Gefühl, als ob irgendein anderes Unglück schnell herannahe, und trotzdem ich mich ernstlich bemühte, diese Vorstellung aus meinen Gedanken zu verbannen, erhielt sie sich doch. Gegen Mittag beluden wir, während der Regen noch in Strömen niedergoß, unsere Jake und gingen in die Schlucht zwischen den schneebedeckten Bergen hinein. Mit Mühe überschritten wir den Nebenfluß, dem wir so weit gefolgt waren, und dann zogen wir am rechten Ufer des Hauptstromes in nordöstlicher Richtung entlang.

Wir waren so erschöpft und naß, daß wir haltmachten, als wir an eine riesige Felswand kamen, auf deren Stirnseite ein geduldiger Lamabildhauer in gigantischen Buchstaben die Zeichen »Om mani padme hum« eingegraben hatte. Die Schlucht war hier sehr eng. Wir machten es möglich, eine trockene Stelle unter einem großen Felsblock zu finden, und da hier für alle fünf nicht Platz genug war, suchten die beiden Schokas Schutz unter einem andern, etwas weiter abgelegenen Felsen. Dies war natürlich genug, und ebenso konnte es nicht unklug erscheinen, daß ich die Waffen und die wissenschaftlichen Instrumente unter meiner Obhut behielt, während sie die Säcke, die fast allen unsern Proviant mit Ausnahme des konservierten Fleisches enthielten, unter ihren schützenden Felsblock trugen. Der Regen prasselte während der ganzen Nacht herunter, der Wind heulte, und wieder konnten wir kein Feuer anzünden. Das Thermometer fiel nicht unter 3½ Grad, aber infolge unseres durchnäßten Zustandes schien die Kälte sehr stark. Wirklich waren wir so durchfroren, daß wir nicht zu essen wagten; wir kauerten uns auf dem kleinen trockenen Raume, der uns zur Verfügung stand, zusammen und schliefen zuletzt fest ein. Zum erstenmal, seitdem ich in Tibet war, schlief ich wirklich gut, und es war heller Tag, als ich erwachte. Aber ach! Eine neue Überraschung erwartete uns.

Nattu, der Mann aus Kuti, und Bijesing, der Johari, waren nicht mehr unter ihrem schützenden Felsen, ebensowenig die Lasten, die ich ihnen anvertraut hatte. Weder Menschen noch Lasten waren irgendwo zu finden. Ich entdeckte ihre halbverwaschenen Fußspuren, die nach der Richtung gingen, aus der wir am Abend vorher gekommen waren. Die Schurken waren ausgerissen. Es wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht den ganzen Vorrat an Proviant für meine beiden Hindudiener mitgenommen hätten, gar nicht zu gedenken einer Menge guter Stricke, Riemen und anderer Dinge, die alle von großem Nutzen für uns waren.

Ich konnte nicht umhin, über mein Geschick zu lächeln. Von dreißig auserlesenen Dienern, die mit mir ausgezogen waren, hatten schon achtundzwanzig mich verlassen. Nur zwei waren noch übrig: der treue Tschanden Sing und der arme Man Sing, der Aussätzige!

Das Wetter blieb schrecklich, dazu nichts mehr für meine Leute zu essen und keine Feuerung! Übermäßig glänzend waren unsere Aussichten nicht. Ich schlug den beiden übriggebliebenen Burschen vor, sie sollten auch zurückkehren; ich wollte allein weitergehen. Wieder stellte ich ihnen die Gefahren, mir weiter zu folgen, ausführlich vor, aber sie weigerten sich entschieden, mich zu verlassen.

»Sahib, wir sind keine Schokas,« sagten sie, »wenn du stirbst, wollen wir mit dir und für dich sterben. Wir fürchten den Tod nicht. Uns tut es leid, dich leiden zu sehen, Sahib; aber kümmere dich nicht um uns. Wir sind nur arme Leute, darum hat es nichts zu bedeuten.«