»Ngarang ne koroun. Lungba quorghen neh jelgun. Ich bin ein Pilger. Ich gehe, heilige Stätten anzusehen.«

»Gopria zaldo. Tschakzal wortzie. Tsamba middu. Bogpe middu, guram middu, diemiddu, kassur middu. Ich bin sehr arm. Bitte, höre mich. Ich habe keine Tsamba, kein Mehl, keinen süßen Honig, keinen Reis, keine getrockneten Früchte.«

Natürlich wußte ich, daß dies erlogen war; ich sagte daher ruhig, ich würde sitzenbleiben, wo ich sei, bis man mir Nahrungsmittel verkauft hätte. Indem ich dies sagte, brachte ich eine oder zwei Silbermünzen zum Vorschein, deren Anblick für den habgierigen Geist der Tibeter immer das Mittel war, eine geschäftliche Verhandlung zu beschleunigen. Meine Geduld wurde etwas auf die Probe gestellt, aber ich brachte es fertig, zwanzig Pfund Nahrungsmittel zu kaufen, immer eine kleine Handvoll nach der andern, nach deren jeder die Tibeter schwuren, daß sie nicht das geringste mehr zu verkaufen hätten. In dem Augenblick, als das Geld übergeben wurde, fingen sie untereinander einen Streit darüber an, und bei dieser Gelegenheit war es empörend zu sehen, wie habgierig die Tibeter jeder Klasse sind. Kein Tibeter irgendwelchen Ranges schämt sich, in der demütigsten Weise um die kleinste Silbermünze zu betteln, und wenn er etwas verkauft und die Bezahlung erhält, fleht er immer um eine, wenn auch noch so kleine Münze als Zugabe. Um dies zu erreichen, wird sogar ein Tibeter von gutem Stande sich so weit erniedrigen, jede entwürdigende Handlung zu begehen; er verliert dadurch nicht die Achtung seiner Stammesangehörigen, die ihrerseits immer bereit sind, dasselbe zu tun.

Die Tibeter, die mich umgaben, waren außerordentlich malerisch mit ihrem über die Schultern herabhängenden Haar und den langen, mit Stücken roten Tuches, Elfenbeinringen und Silbermünzen geschmückten Zöpfen. Fast alle trugen den üblichen Rock mit weiten, ganz über die Hände hängenden Ärmeln und an der Taille hochgezogen, um den ganzen Kram von Speiseschalen, Schnupftabaksdose usw. aufzunehmen, den sie im täglichen Leben brauchen. Die meisten von ihnen waren in Dunkelrot gekleidet und alle mit juwelenbesetzten Schwertern bewaffnet. Mit ihren platten, breiten Nasen und den geschlitzten, durchbohrenden Augen, vortretenden Backenknochen und einer Haut, die reichliche ölige Absonderungen hatte, standen diese Burschen wieder in respektvoller Entfernung, unsere Gesichter prüfend und unsere Bewegungen augenscheinlich mit großer Besorgnis beobachtend. Ich habe kaum jemals eine größere und einem Europäer fast unbegreiflich scheinende Feigheit und Furchtsamkeit gesehen als bei diesen kräftigen Burschen. Das bloße Aufschlagen der Augen genügte, um einen Mann erschreckt fortstürzen zu machen, und mit Ausnahme des Häuptlings, der Mut heuchelte, obgleich er vor Furcht zitterte, zeigten sie alle miteinander eine lächerliche Nervosität, sobald ich mich ihnen näherte, um ihre Kleider oder die Schmucksachen zu prüfen, die sie um den Hals trugen und unter denen die Amulettkapseln, die ihnen allen auf der Brust hingen, am hervorragendsten waren. Die größern dieser Amulette enthielten ein Bild Buddhas, die andern waren bloße Messing- oder Silberkapseln ohne jeden Inhalt.

Hier wie auch in andern Lagern fiel mir auf, wie geschickt die Tibeter in der Bearbeitung des Leders sind, das sie selbst gerben und zubereiten und dem sie oft eine schöne rote oder grüne Farbe geben. In der Regel lassen sie ihm jedoch die natürliche Färbung, besonders wenn es zu Gürteln, Kugel- und Pulvertaschen und zu Feuerstein- und Gewehrschloßbehältern gebraucht wird. Das Haar der Felle wird durch Ausreißen und Abschaben entfernt; besondere Vorliebe zeigt man für die Felle von Jaken, Antilopen und Kiang, aus denen jene Zierstücke gemacht werden. In der Kunst, die Felle zu behandeln, sind die Tibeter Meister; die Häute werden stark geschlagen, mit den Füßen getreten und mit den Händen bearbeitet, um sie weich zu machen. An einigen dieser Lederarbeiten waren einfache Verzierungen angebracht; in den meisten Fällen aber waren entweder metallene oder verschiedenfarbige Lederzieraten auf den Gürteln und Taschen befestigt; mit Silber eingelegtes Eisen war am meisten zur Verzierung benutzt worden, nach diesem vorzugsweise Silber.

Junger Tibeter.

Diese Metalle finden sich im Lande vor, und die Tibeter verstehen es, das Erz zu schmelzen und zu gießen, wenn sie für diesen Zweck hinreichendes Brennmaterial erlangen können. Zum Schmelzen der Metalle werden irdene Tiegel verwendet. Die flüssige Masse wird in Tonformen gegossen; dann kommen Hammer und Meißel an die Reihe, um die eingelegte Arbeit herzustellen, in der die Tibeter so Bedeutendes leisten. Auf den Scheiden der tibetischen Schwerter sieht man häufig eingelegte Arbeit, in der das Blattmuster und verschiedenartige Schnörkel und geometrische Figuren die am meisten verwendeten Ornamente sind.

Das Härten der Metalle ist in dem heiligen Lande der Lamas noch in seiner Kindheit. So sind die Klingen ihrer Schwerter, Messer und Dolche aus Schmiedeeisen, nicht aus Stahl. Es gelingt ihnen, dieselben zu einem erstaunlichen Grade von Schärfe zu bringen, aber die Elastizität unserer Stahlklingen fehlt ihnen natürlich gänzlich. In die Seiten der Dolche werden gewöhnlich Rinnen eingeschnitten, um in die Wunden Luft einzulassen und sie dadurch unheilbar zu machen; die Klingen der gewöhnlichen Schwerter jedoch sind vollständig glatt und haben nur eine Schneide. Diese Schwerter sind kaum dazu geeignet, den Anforderungen eines ernsten Kampfes zu genügen, da sie weder ein festes Anfassen erlauben noch irgendeinen Schutz für die Hand haben. An einigen der wertvollsten Schwerter sind die Scheiden und Griffe aus massivem Silber gemacht und mit Türkisen und Korallen eingelegt; andere sind von Silber mit goldenen Verzierungen. In Lhasa werden auf den besten Dolchen Verzierungen von Silberfiligran angebracht, eine ähnliche Kunst ist auch in Schigatse bekannt; sonst aber wird an keinem andern Orte Tibets diese schöne Metallarbeit geübt.

Aus diesen Bemerkungen darf nicht geschlossen werden, daß es in Tibet überhaupt keine Stahlschwerter gibt, denn man kann überall im Lande schöne Klingen aus vorzüglichem Stahl chinesischer Arbeit sehen, die im Besitze der reichern Beamten sind. Dazu kommen die ungeheuern zweihändigen Schwerter, wie sie die tibetischen Scharfrichter gebrauchen, die ebenfalls aus China eingeführt werden; diese sind zweischneidig.