Achtundzwanzigstes Kapitel.
Ungebetene Gäste.
Wir hatten nicht viel Glück. Das Wetter blieb am Vormittag stürmisch, und am Nachmittag hatten wir wieder strömenden Regen. Über uninteressantes, einförmiges graues Land mit einer Kette von schneebedeckten Gipfeln, die sich von Südwest nach Nordost zog, gingen wir nach Ostnordost vorwärts. Wir durchwateten einen ziemlich tiefen und sehr kalten Fluß und stiegen dann zu einem Paß von 5320 Meter auf. Eine Anzahl Hunyas mit Herden von mehreren tausend Schafen kam uns zu Gesicht, aber wir wichen ihnen aus. Sie sahen uns nicht.
An dem Punkte, wo wir ihn überschritten, wendet sich der Hauptstrom in einem anmutigen Bogen nach Südosten. Über hügeliges, unfruchtbares Terrain stiegen wir zu einer Höhe von 5350 Meter auf, wo sich mehrere kleine Seen vorfanden. Nachdem wir 25 Kilometer in einem alles durchweichenden Regen marschiert waren, stiegen wir in ein weites Tal hinab. Hier hatten wir große Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, wo wir die Nacht über ruhen könnten. Die Ebene war geradezu ein Sumpf mit mehreren Seen und Teichen, und überall versanken wir in Schlamm und Wasser. All unser Bettzeug und die Kleider waren so durchweicht, daß es gleichgültig war, wo wir rasteten. So schlugen wir unser kleines Zelt an dem Ufer eines Flusses auf, der aus einem Tale im Norden kam, von dem eine Reihe pyramidenförmiger, mit Schnee bedeckter Berge, alle von fast gleicher Höhe und Basis, sich in östlicher Richtung hinzog. Nach Süden zu standen hohe, mit großen Schneemassen bedeckte Berge.
Abends goß der Regen wie mit Eimern herunter, und unser Zelt gewährte uns nur wenig Schutz. Wir lagen mitten im Wasser, und alle Gräben der Welt hätten es nicht am Hereinströmen verhindern können. Es ist in der Tat keine Übertreibung, wenn ich sage, daß das ganze Tal eine Wasserfläche von 5 bis 8 Zentimeter Tiefe war. Natürlich litten wir schwer unter der Kälte, da das Thermometer um 8 Uhr morgens, als ein rasender Südostwind wehte und der Regen eine Zeitlang mit Hagel untermischt fiel, um dann einem schweren Schneesturm Platz zu machen, bis 3 Grad unter Null herunterging. Wir hatten uns auf unserm Gepäck zusammengekauert, um nicht in dem eiskalten Wasser zu schlafen, und als wir am Morgen aufwachten, war unser Zelt durch die Last des auf ihm liegenden Schnees halb zusammengefallen. Während des Tages stieg die Temperatur, und der Regen fiel von neuem, so daß wir, als wir unsere Wanderung wieder begannen, mehrere Zentimeter tief in eine Mischung von Schlamm, Schnee und Wasser einsanken. Einen fast östlichen Kurs verfolgend, mußten wir drei Flüsse überschreiten und zogen an fünf Seen von verschiedener Größe vorbei.
Nach 12 Kilometer dieses trostlosen Marschierens hatten wir uns am Fuße eines kegelförmigen Hügels gelagert, wo die Wiederholung der Prüfungen der vergangenen Nacht stattfand. Das Thermometer war auf den Nullpunkt gefallen, aber zum Glück ließ der Wind um 8 Uhr abends nach. Das Glück wollte es, daß am nächsten Tage die Sonne herauskam und wir somit imstande waren, unsere Sachen zum Trocknen auszubreiten. Während dieses Prozesses mußten wir eine neue Erfahrung machen.
Unsere beiden Jake waren verschwunden. Ich kletterte zu dem Gipfel des Hügels über unserm Lager hinauf und durchforschte die Ebene mit dem Fernglas. Die beiden Tiere waren etwa 3 Kilometer weit fort und wurden von ungefähr zwölf berittenen Männern weggeführt, die eine Herde von fünfhundert Schafen vor sich her trieben. An ihren Kleidern erkannte ich, daß es Räuber waren. Natürlich machte ich mich eiligst auf, mein Eigentum wiederzuerlangen, und überließ Tschanden Sing und Man Sing die Aufsicht über das Lager. Ich erreichte die Räuber, da sie langsam gingen; als sie mich erblickten, eilten sie vorwärts und versuchten, davonzukommen. Dreimal rief ich ihnen zu, stillzustehen, aber sie kümmerten sich nicht um meine Worte, so daß ich meine Flinte abnahm und auf sie geschossen haben würde, wenn nicht die Drohung allein genügt hätte, sie zum Nachdenken zu bringen. Sie hielten an, und als ich nahe genug war, forderte ich meine beiden Jake zurück. Sie weigerten sich, sie zurückzugeben, und sagten, sie seien zwölf Mann und sie fürchteten sich nicht vor einem einzelnen. Dann stiegen sie von ihren Pferden und schienen bereit, zu kämpfen.
Als ich sie Feuerstein und Stahl herausnehmen sah, um den Zunder ihrer Luntenflinten in Brand zu setzen, dachte ich, daß ich zuerst dran wäre; ehe sie meine Absicht erraten konnten, führte ich mit dem Laufe meiner Büchse einen heftigen Schlag gegen den Bauch des mir zunächststehenden Mannes. Er sank zusammen, während ich einen neuen schallenden Schlag auf die rechte Schläfe eines andern Mannes fallen ließ, der seine Luntenflinte zwischen den Beinen hielt und im Begriff war, mit dem Stahl gegen den Stein zu schlagen, um den Zunder zum Glimmen zu bringen. Auch er wankte und fiel schwerfällig hin.
»Tschakzal, tschakzal! Tschakzal wortzie! Wir grüßen dich, wir grüßen dich! Bitte höre!« rief mit dem Ausdruck des Schreckens ein dritter Räuber und hielt die Daumen mit geschlossener Faust in die Höhe.
»Tschakzal!«, erwiderte ich, indem ich eine Patrone in den Mannlicher schob.
»Middu, middu. Nein, nein«, baten sie und legten schnell ihre Waffen nieder.