Das Tal war sehr eng und zog sich in beständigem Zickzack hin; aber obgleich die Höhe sehr groß war, gab es Gras im Überfluß, und das Grün war für die vom Schnee, den rötlichen kahlen Bergen und den wüstenartigen Strecken Landes ermüdeten Augen sehr wohltuend. Wir kamen an ein Becken, wo auf dem gegenüberliegenden Ufer des Flusses ein großer tibetischer Lagerplatz mit einer hohen Mauer von Steinen sich befand. Hinter ihr konnte ich Rauch aufsteigen sehen.

Unsere tibetischen Freunde baten mich, hier anzuhalten, um zu plaudern und Tee zu trinken. Ich sagte, daß ich von beiden genug gehabt hätte und weitergehen wolle.

»Wenn du weitergehst, werden wir dich töten«, sagte einer der Soldaten, der zornig wurde und unsere Höflichkeit gegen ihn und seine Genossen mißbrauchte.

»Nga samgi ganta indah. Wie du willst«, antwortete ich mit studierter Höflichkeit.

»Wenn du noch einen Schritt gehst, werden wir dir den Kopf abschneiden oder du mußt unsere abschneiden«, riefen zwei oder drei andere, indem sie mir ihre nackten Hälse entgegenstreckten.

»Taptih middu. Ich habe kein kleines Messer bei mir«, erwiderte ich ganz ernsthaft und mit erheucheltem Verdruß, während ich nach tibetischer Art meine Hand in der Luft herumwirbelte.

Die Tibeter wußten nicht, was sie aus mir machen sollten. Sie schienen ganz verblüfft, und als ich nach dem Passe, auf dem Hunderte von fliegenden Gebeten in der Luft flatterten, ging, nachdem ich ihnen in der anerkannt besten tibetischen Form mit ausgestreckter Zunge und vor der Stirn geschwenkten, die Flächen nach oben gerichteten Händen höflich Lebewohl gesagt hatte, nahmen sie ihre Mützen ab und grüßten uns, indem sie sich auf die Knie niederließen und die Köpfe dicht an den Boden brachten.

Wir überschritten die Ebene und stiegen langsam zum Passe hinauf. Nahe am Gipfel kamen wir an die Straße von Ladak nach Lhasa über Gartok, die an der nördlichen Seite des Rakastal-, des Mansarowar und des Gunkyosees entlang führt. Auf dem Passe selber waren Stangen aufgepflanzt, die durch Stricke miteinander verbunden waren, an denen fliegende Gebete lustig im Winde flatterten. Auch Obo oder Hügel von Steinen waren hier aufgerichtet. Sie waren gewöhnlich weiß und trugen vielfach die Inschrift »Om mani padme hum«. Neben diesen Obo waren Schädel und Hörner von Jaken sowie von Ziegen und Schafen niedergelegt, auf denen dieselben Worte in die Knochen eingegraben und mit dem Blute der getöteten Tiere rot gefärbt waren.

Diese Opfergaben werden von den Tibetern, wenn sie einen hohen Paß überschreiten, den Göttern dargebracht, namentlich wenn ein Lama dabei ist, der dieses Ereignis feiert. Das Fleisch des getöteten Tieres wird von den anwesenden Leuten gegessen, und wenn die Gesellschaft groß ist, folgen Tanz und Gesang auf das Mahl. Diese Obo finden sich über das ganze Land verstreut; sie bezeichnen die Pässe und die Berggipfel, und kein Tibeter geht an einem von ihnen, und wäre er noch so klein, vorbei, ohne einen weißen Stein auf ihm niederzulegen. Dadurch werden die Götter in freundlicher Stimmung erhalten, und es werden sich auf der Reise keine Unfälle ereignen.

Die Höhe des Maiumpasses beträgt 5335 Meter. Hier war ich schon weiter in das verbotene Land vorgedrungen, als irgendeinem andern Engländer von dem Punkte aus gelungen war, wo ich Tibet betreten hatte. Aber damit war ich noch nicht zufrieden. Der Maiumpaß ist eine wichtige Landmarke in Hundes; denn nicht nur entspringt auf seinen südöstlichen Abhängen eine der Quellen des großen Tsangpu oder Brahmaputra, sondern er trennt auch die ungeheuern Provinzen von Nari-Chorsum, die sich westlich von dem Maiumpasse ausdehnen und das gebirgige, seenreiche Gebiet bis Ladak hin umfassen, von Yu-tsang, der Zentralprovinz von Tibet, die sich östlich von dem Passe an dem Tale des Brahmaputra entlang erstreckt und Lhasa, die Hauptstadt des Landes, enthält.