Man Sing und Tschanden Sing waren jetzt in einem furchtbaren Zustande; sie hatten ja kein solches Interesse, wie ich es an meiner Arbeit hatte, das ihren Mut aufrecht erhalten hätte. Erfroren, ermüdet und ausgehungert, hatten die armen Schelme kaum noch Kraft, auf den Füßen zu stehen, deren Sohlen bös zerschnitten und ganz wund gelaufen waren. Mir blutete wirklich das Herz, wenn ich diese beiden tapfern Burschen um meinetwillen so leiden sah. Und doch ließen sie kein Wort der Klage laut werden; nicht ein einziges Mal kam ein Vorwurf über ihre Lippen.

»Laß es dich nicht kümmern, wenn wir leiden oder selbst sterben,« sagten die armen Burschen, als ich ihnen mein Mitgefühl aussprach; »solange wir noch Kraft haben, uns zu bewegen, werden wir dir folgen, und wir werden zu dir stehen, was auch kommen möge.«

Ich mußte Tschanden Sing seine Flinte abnehmen, da er nicht mehr imstande war, sie zu tragen. Als die Tage hingingen und ich nichts zu essen hatte, fühlte ich mich selbst auch schwach und erschöpft. Ich kann nicht sagen, daß ich irgendeinen heftigen körperlichen Schmerz empfunden hätte. Wie ich glaube, war dies dem Umstande zuzuschreiben, daß ich infolge von Erschöpfung Fieber hatte. Indessen hatte ich ein eigentümliches Gefühl im Kopfe, als ob mein Verstand, der nie zu hell war, jetzt gänzlich stumpf geworden wäre. Auch mein Gehör nahm an Schärfe ab; ich fühlte, wie meine Kraft allmählich erlosch, der Flamme einer Lampe gleich, in der kein Öl mehr ist. Nur die Aufregung hielt mich aufrecht; ich ging mechanisch vorwärts.

Wir kamen an einen Lagerplatz von etwa achtzig schwarzen Zelten mit einem aus Lehm erbauten Wachthaus. Jetzt waren wir buchstäblich ausgehungert und am Ende unserer Kräfte. Der elende Zustand meiner beiden Leute machte es durchaus unmöglich, weiterzugeben. Sie baten mich, ihnen Pferde zum Reiten zu verschaffen, denn ihre Füße waren so wund, daß sie trotz ihres Verlangens, mir zu folgen, keinen Schritt mehr tun konnten.

Die Eingeborenen empfingen uns sehr freundlich und willigten, als ich darum bat, ein, mir Pferde, Kleider und Lebensmittel zu verkaufen. Wir schlugen ungefähr 4 Kilometer jenseits der Niederlassung unser Lager auf. Am Abend kamen mehrere Leute, uns in unserm Zelte zu besuchen, und brachten uns Geschenke an Mehl, Butter und Tsamba, denen Schleier der Freundschaft beigefügt waren. Ich ließ es mir stets angelegen sein, den Tibetern als Erwiderung für ihre Gaben eine Summe Silbergeld zu geben, die drei- oder viermal größer war als der Wert der uns geschenkten Gegenstände; sie gaben auch vor, sehr dankbar dafür zu sein. Ein Mann namens Ando, der sich für einen Gurkha ausgab, aber die Kleidung der Tibeter trug, besuchte uns in unserm Zelt und versprach, uns am nächsten Morgen mehrere Pferde zu verkaufen. Er übernahm es auch, mir eine hinreichende Menge Lebensmittel zu liefern, um damit nach Lhasa kommen zu können, und brachte, um seine Rechtschaffenheit zu zeigen, schon abends einen Teil der Vorräte, wobei er sagte, er würde uns den Rest am nächsten Morgen geben.

Danach empfingen wir den Besuch eines Lamas, der ebenso höflich wie intelligent zu sein schien und der uns mit etwas Butter und Käse beschenkte. Wie er uns erzählte, war er in Indien gereist und bis Kalkutta gekommen, und befand sich jetzt auf dem Wege von Gartok nach Lhasa, wo er in vier oder fünf Tagen anzukommen hoffte, da er ein vortreffliches Pferd hätte. Andere Lamas und Männer, die uns besuchten, gaben an, daß sie in derselben Zeit von Lhasa hierher gekommen seien, und ich glaube nicht, daß sie sich darin geirrt haben, da man die ganze Entfernung vom Lippupaß an der Grenze, in der Nähe von Garbyang, nach Lhasa zu Pferd in 16 Tagen zurücklegen kann.

Wie gewöhnlich zeigten sich die Eingeborenen sehr verschwiegen, wenn es sich darum handelte, den Namen des Lagerplatzes zu verraten; einige nannten ihn Toxem, andere Taddju.

Nördlich von der Stelle, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, befand sich ein niedriger Paß in dem Höhenzuge. Es war meine Absicht, wenn es mir gelänge, Proviant und Pferde zu kaufen, diesen Paß zu überschreiten und nach der heiligen Stadt vorzugehen, indem ich den Weg an der Nordseite des Gebirgszuges verfolgte; denn von den Tibetern hatte ich schon so viel gesehen, als ich wollte, und die Landstraße nach Lhasa wurde jetzt so dicht bevölkert, daß ich es für ratsam hielt, durch weniger bewohnte Gegenden zu reisen. Bis einige Meilen vor Lhasa gedachte ich als Engländer gekleidet zu bleiben. Dann wollte ich meine beiden Leute an irgendeinem abgelegenen Orte verborgen zurücklassen und selbst in einer Verkleidung während der Nacht allein in die Stadt eindringen.

Nerbas Mordanschlag.