Ich war so erschöpft, daß ich mich nicht imstande fühlte, meine beiden Leute über den Fluß hinüberzubefördern; so verfiel ich auf ein anderes Auskunftsmittel. Ich nahm dem stärkern Jak seine Last ab und trieb ihn und seinen Genossen mit unendlicher Mühe wieder ins Wasser. Unbelastet trieben sie als gute Schwimmer mit der Strömung fort und fanden ihren Weg hinüber. Nun stiegen Tschanden Sing und Man Sing, ihre und meine Kleider in einem Bündel über die Schultern gehängt, auf den Rücken der Tiere und kamen nach einem etwas ängstlichen Übergang sicher auf meiner Seite an.

Wir lagerten auf dem linken Ufer des Flusses. Die ganze Nacht hindurch trauerten meine Leute über das verlorene Eigentum. Am nächsten Morgen machte ich neue Versuche, die Lasten wiederzufinden. Vergebens! Sie blieben für immer verloren. Unglücklicherweise hatten sie alle meine Büchsenkonserven und die wenigen andern Lebensmittel für meine Leute und mich enthalten. Überdies befanden sich in ihnen 800 Rupien in Silber, der größere Teil meiner Munition, Kleider zum Wechseln und drei Paar Schuhe, meine kupferne Sturmlaterne und verschiedene Rasier- und andere Messer. Den Packsattel fanden wir wieder. Er war ungefähr 600 Meter weiter abwärts an das Ufer des Flusses gespült worden.

Unsere Lage kann in wenigen Worten zusammengefaßt werden: Wir waren jetzt in der Mitte von Tibet, ohne jede Nahrung, ohne nennenswerte Kleidung, ohne Stiefel oder Schuhe, außer denen, die wir trugen und die schon in Stücke zerfielen. Auf die geringe Munition, die mir geblieben war, konnte ich nicht rechnen, da sie zu verschiedenen Malen naß geworden war. Rings um uns hatten wir nichts als Feinde; zwar feige Feinde, aber doch Feinde.

Was nützt es aber, sich mit Grübeleien über Ereignisse zu plagen, die man nicht vorhersehen oder vermeiden kann. Schließlich hatte bei all dem Mißgeschick doch ein glückbringender Stern über mir gewaltet, denn die wasserdichten Kisten mit meinen wissenschaftlichen Instrumenten, meinen Aufzeichnungen, Skizzen und Karten waren wenigstens gerettet, und sie waren mir mehr wert als alles andere, was ich besaß.

Hungrig, erschöpft, mit wunden Füßen gingen wir weiter; aber trotz alledem blieben wir guten Mutes. Wenn wir auch nichts anderes mehr besaßen, so hatten wir doch entschieden noch Sinn für Humor, der uns über vieles hinweghalf. Wir lachten über unsere Beschwerden; wir lachten über die Tibeter und ihre komischen Sitten, wir lachten über alles und alle, bis wir schließlich über uns selbst lachten.

Wenn man hungrig ist, scheint es einem, als ob die Sonne ihren täglichen Halbkreis von Osten nach Westen sehr langsam beschreibe. Und unfreiwilliges Fasten wird, wenn es einem auch zuerst einen heftigen Schmerz im Magen verursacht, doch erst nach mehreren Tagen vollständigen Nahrungsmangels unerträglich, falls man, wie wir es waren, an außerordentlich lange Pausen zwischen Mahlzeiten gewissermaßen gewöhnt ist. Als wir bei unserm dritten Fasttage anlangten, würden wir uns über eine Mahlzeit gefreut haben, in Wahrheit, wir sehnten uns nach einer; und da wir, ungefähr 7 Kilometer von unserm Weg, dicht am Abhang des Berges einige schwarze Zelte erblickten, gingen wir freudigen Herzens auf sie los. Wir kauften zwei Eimer voll Jakmilch, von denen ich einen auf der Stelle austrank, während der zweite zu gleichen Teilen meinen beiden Dienern verabfolgt wurde. Das war alles, was wir bekommen konnten; die Tibeter wollten uns durchaus nichts anderes verkaufen.

Eine gründliche Labung.

Hiernach gingen wir wieder weiter und kamen, stetig fortschreitend, im Hinblick auf die große Höhe, in der wir uns befanden, verhältnismäßig schnell vorwärts, wobei ich unsere Route aufzeichnete.

Wir begegneten angenehmen und auch einigen unangenehmen Leuten, aber ob ihr Betragen höflich war oder das Gegenteil, nirgends konnten wir für Geld und gute Worte Nahrungsmittel erhalten.