Die Hauptrichtung des Kurses, den ich verfolgte, war ostsüdöstlich. Der Fluß, an den wir uns mehr oder minder gehalten hatten, beschrieb jetzt einen so großen Bogen nach Südsüdost, daß ich beschloß, ihn zu überschreiten. Wir durchwateten ihn, wobei das Wasser uns bis an den Hals ging, und nun befanden wir uns wieder auf sumpfigem Terrain, wo sich unsere Erfahrungen vom vorigen Tage wiederholten.

Wir überschritten noch drei Nebenflüsse des großen Stromes, die alle ziemlich breit und tief waren; dann mußten wir noch einmal über den Hauptfluß gehen, der jetzt so tief und reißend war, daß er uns viel Beschwerde und nicht geringe Gefahr verursachte. Da der Fluß die Ebene im Zickzack durchströmt, war dies der einzige für uns mögliche Weg, wenn wir nicht seinen Ufern folgen und dadurch unsere Wanderung um das Doppelte und Dreifache verlängern wollten.

So stand uns in unserm Bemühen, in gerader Richtung vorzugehen, zum drittenmal dieser große Fluß feindlich entgegen, der jetzt, noch durch andere, vom Schnee gespeiste Flüsse angeschwollen, eine ungeheure Wassermenge führte. Es war überdies nachmittags, wo das Wasser am höchsten stieg.

Wir versuchten an verschiedenen Stellen den Übergang, fanden ihn aber überall unmöglich. So entschloß ich mich, bis zur Frühe des nächsten Morgens zu warten, ob sich mir bei niedrigerem Wasserstande eine günstigere Gelegenheit bieten würde.

Vierunddreißigstes Kapitel.
Ein harter Schlag.

Augenscheinlich war dieser Teil des Landes meinen Jaken wohlbekannt. Ich hatte bemerkt, daß, wenn ich einmal den Pfad verlor, ich nichts anderes zu tun hatte, als ihnen zu folgen, da sie mich immer wieder auf den Weg zurückbrachten. So zeigten sie auch, wenn ich sie von dem Pfade forttrieb, große Abneigung, vorwärts zu gehen, während sie munter dahinschritten, wenn wir auf der Straße waren. Diese ist aber keine eigentliche Straße in europäischem Sinne, denn nirgends ist ein Pfad zu sehen, außer hier und da, wo die letzten Reisenden mit ihren Schafen, Pferden und Jaken das Gras zertreten haben. In etwa ein Kilometer Entfernung befand sich auf der andern Seite des Flusses ein Lager von einigen fünfzig oder sechzig Zelten; Hunderte von Jaken und Schafen sah man daneben grasen.

An dieser Stelle nahmen meine beiden Jake, die munterer als gewöhnlich gegangen waren, plötzlich Reißaus, als ich Tschanden Sing und Man Sing eben anwies, die Lasten herabzunehmen, und gingen geradeswegs ins Wasser.

Bei dem Versuche, sie zum Umkehren zu veranlassen, warf Man Sing mit einem Stein nach ihnen, was sie nur um so schneller hineinlaufen ließ. Die Strömung war so stark und der Boden des Flusses so weich, daß sie beide sanken, und als sie wieder auf der Oberfläche erschienen, trieben sie reißend schnell stromabwärts. Wir beobachteten sie mit immer wachsender Besorgnis, denn sie schienen ganz hilflos. Keuchend rannten wir am Flußufer entlang und feuerten sie mit Zurufen an, um sie auf die andere Seite zu treiben. Aber in ihrem verzweifelten Bestreben, sich schwimmend zu erhalten, stießen die beiden Jake, ohnmächtig gegen die Strömung, in der Mitte des Stromes heftig zusammen; dieser Stoß brachte den Packsattel und die Lasten des kleinern Jaks zum Umkippen. Das so aus dem Gleichgewicht gebrachte Tier sank unter und erschien in seinem Kampfe um Luft und Leben noch zwei- oder dreimal auf der Oberfläche.

Es war ein furchtbarer Augenblick. Ich warf meine Kleider ab und sprang ins Wasser. Schnell schwamm ich auf das Tier zu und zog es mit nicht geringer Anstrengung etwa 200 Meter stromabwärts an das Ufer. Nun waren wir beide sicher, wenn auch atemlos; aber die Stricke, mit denen das Gepäck an dem Sattel befestigt war, hatten sich gelöst, und Sattel und Lasten blieben verschwunden. Dieses Unglück war ein entsetzlicher Schlag für uns. Ich bemühte mich, durch wiederholtes Tauchen in dem Flusse meine Habe wiederzuerlangen, bis ich fast erfroren war. Aber das Wasser war so tief, reißend und schlammig, daß es mir nicht gelang, sie zu finden oder auch nur die Stelle genau zu bestimmen, wo sie sein konnten. Da, wo ich sie vermutete, war das Wasser über 6 Meter tief und der Boden des Flusses weicher Schlamm, so daß die Lasten durch ihr Gewicht sinken und ganz mit Schlamm bedeckt werden mußten.

Das Tauchen in so hoch gelegenen Regionen verursacht ein eigentümliches, unangenehmes Gefühl. In dem Augenblick, als ich ganz unter Wasser kam, war mir, als ob ich unter einer furchtbaren Last zusammengepreßt würde, die mich zu zermalmen schien. Wäre die Flüssigkeit über mir und um mich Blei gewesen anstatt Wasser, sie könnte nicht schwerer auf mir gelastet haben. Dieses Gefühl machte sich besonders im Kopfe bemerkbar; denn mir war, als ob mein Schädel in einen Schraubstock gezwängt sei. Das Hämmern in meinen Schläfen war so stark, daß ich, trotzdem ich unter gewöhnlichen Umständen mehr als eine Minute unter Wasser bleiben kann, dort nicht länger als 15 bis 20 Sekunden aushalten konnte. Jedesmal, wenn ich nach Luft schnappend von unten heraufschoß, schlug mein Herz beängstigend heftig, und meine Lungen schienen bersten zu wollen.