Es war Mitternacht, als wir in Tarbar ankamen, einem großen tibetischen Lagerplatze am Fuße des Höhenzuges. Der Lärm bei unserer Ankunft, der zuerst durch Dutzende zornig bellender Hunde und dann durch einen Eingeborenen hervorgerufen wurde, der es gewagt hatte, sein Zelt zu verlassen, um nach der Ursache der Störung zu sehen, erregte im Lager einen panischen Schrecken.

Alte Tibeterin.

»Gigri duk! Gigri duk! Jogpa, Jogpa! Gefahr, Gefahr! Hilfe Räuber, Räuber!« rief der Tibeter, der wie wahnsinnig aus seinem Zelte lief. Nach ein paar Sekunden wurden überall schwarze Gestalten sichtbar, die in großer Verwirrung in ihre Zelte hinein- und wieder herausstürzten.

Es muß hier bemerkt werden, daß man nach tibetischer Sitte die Zeit der Ankunft in einem Lagerplatze so wählen muß, daß man ihn vor Sonnenuntergang erreicht, wenn man nicht sein Kommen schon im voraus hat ankündigen lassen. Leuten, die mitten in der Nacht ankommen, traut man nie gute Absichten zu, und darum knüpfen sich an ihr Erscheinen alle möglichen schlimmen Vorstellungen von Mord, Raub und Erpressung. Ich versuchte, die Gemüter dieser guten Leute dadurch zu beruhigen, daß ich ihnen sagte, ich führte nichts Böses im Schilde; aber ihre Aufregung und Verwirrung war so groß, daß ich niemand dazu bekommen konnte, auf mich zu hören.

Jetzt kamen zwei alte Weiber mit einem Eimer Milch zu uns, stellten ihn mir vor die Füße und flehten mich an, ihr Leben zu schonen. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie, anstatt ermordet zu werden, eine Silberrupie als Bezahlung dafür erhielten! Dies war der erste Schritt zu einer friedlichen Beilegung des Aufruhrs.

Nach einiger Zeit war die Ruhe wiederhergestellt, und wenn man uns auch noch mit großem Mißtrauen ansah, wurden wir doch höflich behandelt. Leider war es uns jedoch auch hier nicht möglich, einen Vorrat von Tsamba, Mehl und Reis zu kaufen, da die Eingeborenen erklärten, daß sie nicht einmal für sich selbst genug hätten.

Nachdem wir uns an dem Schaf, das wir schlachteten, und an Jakmilch gütlich getan hatten, trafen wir in der Frühe des nächsten Morgens unsere Vorkehrungen, ein Lager aufzuschlagen. Die Eingeborenen zeigten wie gewöhnlich eine widerwärtige Gier nach Geld, für dessen Erlangung sie stets bereit waren, sich den erniedrigendsten Zumutungen zu fügen.

Nordwestlich von dem Lagerplatze strömte durch eine Schlucht ein breiter Fluß, der am Fuße der Berge entlang floß. Er wurde von Schnee gespeist, denn nachts war die Strömung stark und tief, während früh am Morgen der Wasserstand um etwa ein Meter niedriger war; doch war der Strom selbst dann noch bei Tarbar nicht zu durchwaten. Nachts fiel das Thermometer auf 3 Grad unter Null, und die Kälte war sehr groß. Wir kauften von den Eingeborenen etwas Dung und machten am Morgen ein schönes Feuer, und als wir nach mehrtägigen Entbehrungen ein gutes Mahl eingenommen hatten, fühlten wir uns glücklicher als je.

Nachdem wir Tarbar verlassen hatten, folgten wir eine Zeitlang dem Laufe des Flusses, und da es ein herrlicher Tag war, genossen wir das prachtvolle Panorama des mächtigen Gebirgszuges im Südwesten von uns. Fast alle höhern Gipfel waren von pyramidenförmiger Gestalt. In Südwesten bemerkte ich einen riesenhaften viereckigen Berg. Links neben ihm befand sich ein pyramidenförmiger Gipfel, der auch sehr hoch, aber weder an Höhe noch an Schönheit seinem Nachbar zu vergleichen war.