Ohne jeden Verdacht falschen Spieles auf seiten der Tibeter und weil es auch unbequem gewesen wäre, die verschiedenen lebhaften Pferde mit umgehängter Flinte zu probieren, ging ich unbewaffnet nach dem ungefähr 100 Meter vor meinem Zelte entfernten Platze, wo das unruhige Tier am Zügel gehalten wurde, um von mir geprüft zu werden. Die Eingeborenen folgten mir; aber da das in jedem Lande üblich ist, wenn man öffentlich ein Pferd kauft, dachte ich mir nichts dabei. Ich erinnere mich wohl des Ausdruckes von Entzücken auf Tschanden Sings Gesicht, als ich so mit den Händen auf dem Rücken dastand und seine Wahl guthieß, während die Menge hinter mir, wie es bei solchen Gelegenheiten meist der Fall ist, ihre Meinung über die Vorzüglichkeit des gewählten Pferdes gratis im Chore äußerte.
Eben hatte ich mich gebückt, um die Vorderbeine des Pferdes zu besehen, als ich plötzlich von hinten von mehreren Personen ergriffen wurde, die mich am Halse, an den Handgelenken und Beinen packten und mit dem Gesicht auf die Erde warfen. Ich rang und kämpfte, bis ich einige meiner feigen Angreifer abschüttelte und wieder auf die Füße kam; aber nun stürzten andere heran, und ich wurde von einigen dreißig kräftigen Männern umringt, die mich von allen Seiten ergriffen und sich mit aller Macht an mich festklammerten, sobald es ihnen gelang, mich an den Armen, den Beinen und am Kopfe zu packen. Schwach wie ich war, wurde ich dreimal von ihnen niedergestoßen, und dreimal kam ich wieder auf die Füße. Jedesmal, wenn ich eine Hand oder ein Bein aus ihren Klauen freibekommen konnte, kämpfte ich mit Fäusten, Füßen, Kopf und Zähnen bis zum äußersten, rechts und links überallhin auf sie losschlagend, wo ich sie kampfunfähig machen konnte. Ihre Furchtsamkeit war, selbst wenn sie sich in solcher Übermacht befanden, wirklich unbeschreiblich, und lediglich ihr, nicht etwa meiner Kraft – denn die besaß ich ja kaum noch – war es zuzuschreiben, daß ich imstande war, mich etwa zwanzig Minuten lang gegen sie zu behaupten! Meine Kleider wurden bei dem Kampfe in Fetzen gerissen.
Die Tibeter gingen nach Verabredung zu Werke, und als ein gellender Pfiff als Signal ertönte, strömte von allen Seiten Hilfe herbei. Augenscheinlich waren wir in einen Hinterhalt gefallen. Jetzt nahmen die Tibeter ihre Zuflucht zu einer List.
Von allen Seiten wurden lange Stricke nach mir geworfen, bis ich so in diese verwickelt war, daß ich mich nicht bewegen konnte. Ein Strick, den sie mir um den Hals warfen und den sie geschickt herumdrehten, machte den Sieg vollständig. Sie zogen mit aller Macht an den beiden Enden, und während ich in der Anstrengung des Kampfes keuchte und nach Luft schnappte, rissen sie daran, um mich zu strangulieren, bis es mir schien, als sollten meine Augen aus ihren Höhlen treten und meine Lunge bersten!
Ich war dem Ersticken nahe. Die Augen wurden mir trübe. – Wie tapfer wurden die Tibeter, als ich ohnmächtig und hilflos in ihrer Gewalt war! Ich wurde zu Boden gerissen, und dann stampften, stießen und trampelten sie mit ihren schweren genagelten Stiefeln auf mir herum, bis sie glaubten, ich sei betäubt. Darauf banden sie mir die Handgelenke fest hinter dem Rücken zusammen, fesselten meine Ellenbogen, meine Brust, meinen Hals und meine Fußknöchel! Ich war ein Gefangener!
Gefangen!
Sie hoben mich auf und stellten mich aufrecht hin. Auch der tapfere Tschanden Sing hatte mit allen Kräften gegen fünfzehn oder zwanzig Feinde gekämpft und mehrere von ihnen kampfunfähig gemacht. Sie hatten sich in demselben Augenblick wie auf mich auch auf ihn gestürzt, und er hatte sich tapfer gewehrt, bis er gleich mir umgarnt, zu Boden geworfen und mit Stricken gefesselt worden war. Während meines Ringens hörte ich ihn mehrmals rufen: »Banduk, banduk, Man Sing, jaldi, banduk! Die Flinte, die Flinte, Man Sing, schnell die Flinte!« Aber ach, auf den armen aussätzigen Man Sing, den schwachen, entkräfteten Kuli, waren vier mächtige Tibeter losgesprungen, die ihn fest auf den Boden hinunterdrückten, als ob er der grimmigste Räuber wäre. Man Sing war ein Philosoph; er hatte sich die Mühe gespart, auch nur einen Versuch zum Widerstand zu machen; aber auch er wurde schlecht behandelt, geschlagen und festgebunden. Bei Beginn des Kampfes hatte ein schriller Pfiff bewaffnete Soldaten – nach den spätern Angaben der Lamas waren es nicht weniger als 400 – herbeigerufen, die hinter den zahllosen Sandhügeln und in den Bodensenkungen rings um uns im Hinterhalt gelegen hatten. Sie stellten sich in kriegerischer Ordnung um uns auf und richteten ihre Luntenflinten auf uns.
Nun war alles vorbei. Wie ein gefährlicher Verbrecher gefesselt, blickte ich um mich, um meinen Leuten mein Bedauern auszusprechen. Wir trugen unsere Bande mit Stolz und nicht mit Beschämung. Wenn ich bedachte, daß die Tibeter im ganzen – Lamas, Landleute und verkleidete Soldaten mit eingerechnet – 500 Mann dazu gebraucht hatten, einen verhungerten Europäer und seine beiden halbtoten Diener festzunehmen, und daß sie sogar unter diesen Umständen nicht gewagt hatten, offen vorzugehen, sondern ihre Zuflucht zu niedrigem Verrat hatten nehmen müssen; wenn diese Soldaten, wie sich später herausstellte, auserlesene Truppen aus Lhasa und Schigatse und zu dem Zwecke ausgesandt waren, unsern Weitermarsch aufzuhalten und uns gefangenzunehmen, – da konnte ich wirklich nur ein Lächeln der Verachtung für diejenigen haben, in deren Hände wir endlich gefallen waren.
Mein Blut kochte vor Empörung, als jetzt auf Befehl des Lamas, der am Abend zuvor sich für unsern Freund ausgegeben hatte, mehrere Männer vortraten und unsere Taschen durchsuchten. Sie raubten uns alles, was wir besaßen, und fingen an, unser Gepäck zu durchstöbern. Die Uhren und Chronometer wurden mißtrauisch angesehen, und ihr Ticken verursachte Angst und Neugierde zugleich. Wieder und wieder wurden sie im Kreise herumgegeben und unbarmherzig vom einen dem andern zugeworfen, bis sie stehenblieben. Dann wurden sie für »tot« erklärt. Die Kompasse und Aneroide, die sie von den Uhren nicht unterscheiden konnten, wurden bald beiseitegeworfen, da sie »kein Leben in sich hatten«. Aber bei der Berührung unserer Flinten, die, als das Zelt heruntergerissen worden war, auf unserm Bettzeug lagen, zeigten sie die äußerste Vorsicht.