Man hatte die größte Furcht, sie könnten von selbst losgehen, und erst auf meine Versicherung – die unsere Besieger noch zehnmal vorsichtiger machte –, daß sie nicht geladen seien, nahmen sie sie endlich auf und verzeichneten sie in der Liste unsers konfiszierten Eigentums. Ich trug einen goldenen Ring, den mir meine Mutter geschenkt hatte, als ich noch ein Kind war. Ich bat um die Erlaubnis, ihn behalten zu dürfen; ihre abergläubische Natur brachte sie sofort auf den Gedanken, der Ring müsse verborgene Kräfte haben, wie etwa die Zauberstäbe, von denen man in den Feenmärchen liest.

Mein Ring wurde einem Manne namens Nerba anvertraut, der später noch eine wichtige Rolle in unsern Leiden spielen sollte, und es wurde ihm eingeschärft, mich den Ring nie wieder sehen zu lassen. Wie wir drei Gefangenen so dasaßen, gefesselt und von Wächtern niedergehalten, war es ein herzzerreißender Anblick! Es hatte aber auch wieder seine humoristische Seite, zu sehen, wie die Lamas und Offiziere alle unsere Sachen so plump anfaßten, daß sie fast alles verdarben, was sie berührten. Besonders ekelhaft war ihre Gier, als sie bei dem Durchsuchen der Taschen des Rockes, den ich täglich trug, aber an jenem Morgen nicht angezogen hatte, eine Summe in Silbermünzen, im ganzen etwa 800 Rupien, fanden. Lamas, Offiziere und Soldaten stürzten sich auf das Geld. Und als die Ordnung wiederhergestellt war, sah man da, wo die Summe gelegen hatte, nur noch ein paar Münzen. Dasselbe Schicksal hatten auch andere Geldbeträge, die sich in einer unserer Lasten fanden.

Unter den Gegenständen, die die größte Neugier erregten, befand sich ein voll aufgeblasenes Gummikissen. Die weiche, glatte Oberfläche des Gummis schien ihnen zu gefallen, und einer nach dem andern rieb seine Backen an dem Kissen, indem er dem Wohlgefallen an dem angenehmen Gefühl, das er dabei empfand, lauten Ausdruck gab. Als sie jedoch mit der Messingschraube spielten, die die Öffnung des Kissens verschloß, drehten sie daran, und die eingeschlossene Luft entwich mit zischendem Geräusch. Dies rief eine förmliche Panik unter den Tibetern hervor, und es fehlte nicht an vielen seltsamen Vermutungen, die sie in ihrem abergläubischen Sinne auf diesem einfachen, für sie jedoch unerklärlichen Vorgang aufbauten. Sie betrachteten ihn als ein böses Zeichen. Natürlich benutzte ich jeden kleinen Vorfall solcher Art, um auf ihren Aberglauben einzuwirken und sie soviel als möglich in Furcht zu versetzen.

Als die Tibeter alles bis auf meine wasserdichten Kisten mit den Instrumenten, photographischen Platten und Skizzen untersucht hatten, schienen sie über ein paar kleine Zwischenfälle und einige Bemerkungen, die ich machte, so außer Fassung zu geraten, daß sie eilig meinen ganzen Besitz in Säcke und Decken einschnürten und Befehl gaben, daß die Sachen auf Jake geladen und in das Wachthaus bei der Niederlassung gebracht würden. Nachdem dies geschehen war, befestigten sie die um unsern Hals geschlungenen Stricke an ihren Sattelknöpfen, machten unsere Füße los, sprangen dann auf ihre Reittiere und ritten unter Jubelrufen, Zischen und Siegesgeschrei davon, wobei sie ihre Luntenflinten in die Luft abschossen, während sie uns als Gefangene in die Ansiedelung hineinschleppten.

Bei unserer Ankunft im Lager waren die letzten Worte, die ich vor unserer Trennung an meine Leute richtete: »Was sie euch auch zufügen mögen, laßt sie nicht sehen, daß ihr leidet«, und sie versprachen mir, zu gehorchen. Dann wurden wir in verschiedene Zelte gebracht.

Mich schleppten sie in eins der größten Zelte, wo nicht nur draußen, sondern auch drinnen Soldaten als Wache aufgestellt wurden. Die in meiner Nähe Stehenden waren anfangs mürrisch und grob, aber ich ließ es mir angelegen sein, ihnen so ruhig und höflich zu antworten, als ich nur konnte. Ich hatte bei vielen früheren Gelegenheiten gefunden, daß im Verkehr mit Asiaten nichts förderlicher ist als ein ruhiges, kaltblütiges Verhalten; und so sah ich auch sofort ein, daß, wenn uns überhaupt etwas aus unserer jetzigen schlimmen Lage heraushelfen könne, dies nur dadurch geschehen würde, daß wir bei allem ein vollständig gleichgültiges Benehmen bewahrten.

Da das Zelt verschlossen gehalten wurde, wußte ich nicht, was draußen geschah. Nach dem Lärm, den ich vernahm und der durch das eilige Hin- und Herlaufen von Menschen, durch laute Befehlsrufe und daneben durch das beständige Geklingel der Glöckchen an den Pferden der vor dem Zelte vorbeigaloppierenden Soldaten verursacht wurde, schloß ich jedoch, daß das Lager sich in einem Zustande großer Aufregung befinden müsse.

Ich war ungefähr drei Stunden in dem Zelte, als ein Soldat eintrat, der den Befehl hatte, mich herauszubringen.

»Sie werden ihn enthaupten«, sagte er zu seinen Kameraden, und, indem er sich nach mir umwandte, machte er mit der Hand eine bezeichnende Bewegung über seinen Hals.

»Nikutza. Schon gut«, sagte ich trocken.