Man darf nicht vergessen, daß, wenn einem Tibeter so schwerwiegende Worte gesagt werden, er gewöhnlich auf die Knie fällt und mit Tränen und Schluchzen und mit überreichlichen Bitten um sein Leben fleht. So kann es nicht überraschen, daß die Tibeter über meine Antwort einigermaßen erstaunt waren und nicht recht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls hatte sich der erste Eifer des Boten merklich abgekühlt, und ich wurde mit mehr Widerwillen als Entschiedenheit hinausgeführt.
Während ich eingeschlossen war, hatte man ein ungeheueres weißes Zelt mit blauen Verzierungen vor dem Lehmhause aufgeschlagen, das Hunderte von Soldaten und Dorfleuten umstanden. Es war ein äußerst malerischer Anblick.
Als ich näher herangeführt wurde, sah ich, daß die Vorderseite des Zeltes weit geöffnet war und daß eine große Anzahl roter Lamas mit kahl rasierten Köpfen und langen wollenen Tunikas drinnen stand. Ungefähr zwanzig Meter von dem Zelte hießen die Soldaten mich stillstehen. Die Stricke, die mir schon in Handgelenke, Ellenbogen und Brust einschnitten, wurden noch durch neue vermehrt und die erstern fester angezogen. Jetzt sah ich, wie Tschanden Sing vorgeführt wurde. Mich stieß man, anstatt mich vor die Lamas zu bringen, hinter das abgelegene Lehmhaus, um mich nicht zum Augenzeugen der folgenden Szene zu machen.
Ich hörte, daß Tschanden Sing in lautem, zornigem Tone ausgefragt und beschuldigt wurde, mein Führer gewesen zu sein. Darauf vernahm ich wildes Geschrei der Menge, dann folgte Totenstille. Ein paar Augenblicke danach brachte mir das Klatschen von Peitschenhieben, denen heiseres Stöhnen meines armen Trägers folgte, klar zum Bewußtsein, daß schwere Zeiten für uns gekommen waren!
Ich zählte die Streiche, deren widerlicher Ton noch heute fest in meinem Gedächtnis eingeprägt ist, wie sie einer nach dem andern regelmäßig und ununterbrochen niederfielen, bis zu zwanzig, dreißig, vierzig und fünfzig. Dann trat eine Pause ein.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Das Verhör.
Nun kam eine Abteilung Soldaten zu mir, und ich wurde zuerst langsam, dann unter heftigen Stößen vor das Tribunal geführt. Ich leistete keinen Widerstand.
Auf einem hohen Sitze in der Mitte des Zeltes saß ein Mann, der weite Hosen von schreiend gelber Farbe und einen kurzen gelben Rock mit lang herabhängenden Ärmeln trug. Auf dem Kopfe hatte er einen ungeheuern vierspitzigen, über und über vergoldeten Hut, auf den drei große Augen gemalt waren. Er sah jung aus; sein Kopf war glatt rasiert, da er ein Lama vom höchsten Range war, ein Groß-Lama und Pombo, d. h. der Gouverneur einer Provinz, mit Machtbefugnissen gleich einem Lehnskönig. Zu seiner Rechten stand ein dicker, kräftiger roter Lama, der ein gewaltiges zweihändiges Schwert hielt, und auf beiden Seiten waren zahlreiche andere Lamas, Offiziere und Soldaten. Als ich schweigend und hocherhobenen Hauptes vor ihm stand, stürzten zwei oder drei Lamas auf mich zu und befahlen mir, niederzuknien. Sie versuchten mich dazu zu zwingen, indem sie mich auf die Knie niederdrücken wollten, aber es gelang mir, meine aufrechte Stellung zu bewahren.
Der Pombo, der vor Wut buchstäblich schäumte, redete mich in Worten an, die sehr heftig klangen; aber da er klassisches Tibetisch sprach und ich nur die Umgangssprache, konnte ich kein Wort von dem, was er sagte, verstehen, und so bat ich ihn demütig, nicht so schöne Worte zu gebrauchen.
Dieses unerhörte Ersuchen machte den großen Mann ganz verdutzt, und mit drohender Miene gab er mir ein Zeichen, nach links zu blicken.