Die Soldaten und Lamas traten zur Seite, und ich gewahrte meinen treuen Diener Tschanden Sing, der vor einer Reihe von Lamas und Militärpersonen mit dem Gesicht nach unten und von den Hüften abwärts gänzlich unbekleidet platt auf dem Boden lag. Nun begannen zwei starke Lamas, einer von jeder Seite, ihn von neuem mit geknoteten, mit Bleistücken besetzten Lederriemen zu züchtigen, indem sie ihn mit kräftigen Armen von der Taille bis zu den Füßen mit wuchtigen Hieben bearbeiteten. Er blutete jämmerlich.
Jedesmal, wenn ein Hieb auf seine zerrissene Haut niederfiel, war es mir, als würde mir ein Dolch in die Brust gestoßen; aber ich kannte die Orientalen zu gut, als daß ich mein Mitleid mit dem Manne gezeigt hätte, weil ihm dies nur eine noch härtere Strafe zugezogen haben würde. So sah ich seiner Tortur zu, wie man auf ein alltägliches Vorkommnis blickt. Die in meiner Nähe stehenden Lamas schüttelten ihre Fäuste vor meiner Nase und erklärten mir, daß ich gleich an die Reihe kommen würde, worauf ich lächelte und das gewöhnliche »Nikutza, nikutza« wiederholte.
Wie ich auf ihren Gesichtern deutlich sehen konnte, wußten der Pombo und seine Offiziere nicht, was sie aus mir machen sollten; je mehr ich bemerkte, wie gut mein Plan einschlug, desto höher schraubte ich meinen Mut, um meine Rolle so gut ich irgend konnte durchzuführen.
Wenigstens zwei Minuten lang saß der Pombo, ein weibischer, jugendlicher, hübscher Mensch von hysterischem Wesen, der wahrscheinlich ein vorzügliches Objekt für hypnotische Experimente abgegeben hätte, wie in einer Verzückung da, seine Augen fest auf die meinigen gerichtet.
Es war eine wunderbare, plötzliche Veränderung mit dem Manne vorgegangen, und seine vor wenigen Augenblicken noch so anmaßende und zornige Stimme klang jetzt sanft und gütig. Die Lamas, die ihn umgaben, waren augenscheinlich bestürzt, als sie ihren Herrn und Meister aus einem schäumenden Wüterich in das sanfteste Lamm verwandelt sahen. Sie ergriffen mich daher und brachten mich ihm aus den Augen, an die Stelle, wo Tschanden Sing gezüchtigt wurde. Hier konnten sie mich wieder nicht zum Niederknien zwingen, weshalb mir schließlich erlaubt wurde, mich vor den Offizieren des Pombo auf die Erde zu kauern.
Die beiden Lamas verließen Tschanden Sing und begannen, nachdem sie meine Notizbücher und Karten hervorgezogen hatten, mich scharf zu verhören, wobei sie sagten, daß ich verschont bleiben sollte, wenn ich die Wahrheit spräche; im andern Falle würde ich erst gepeitscht und dann enthauptet werden.
Ich antwortete, daß ich die Wahrheit sprechen würde, gleichviel, ob sie mich straften oder nicht.
Darauf sagte mir einer der Lamas, ein großer, dicker, roher Kerl, der mit einem prächtigen rotseidenen Rock mit Goldstickerei am Kragen aufgeputzt war und der sich an dem Durchpeitschen Tschanden Sings beteiligt hatte, ich solle aussagen, daß mein Diener mir den Weg durch Tibet gezeigt und daß er die Landkarten und Skizzen gemacht habe. Wenn ich dies sagen wollte, wären sie willens, mich freizugeben und mich mit dem Versprechen, mir kein weiteres Leid anzutun, an die Grenze zurückbefördern zu lassen. Sie wollten meinen Diener enthaupten: das wäre alles; mir persönlich sollte aber kein Schaden zugefügt werden.
Der Pombo.