Ich machte den Lamas klar, daß ich allein verantwortlich sei für die Karten und Skizzen sowie für die Auffindung des Wegs, der mich so weit ins Land geführt habe. Langsam und deutlich wiederholte ich mehrmals, daß mein Diener unschuldig sei und daß deshalb kein Grund vorliege, ihn zu strafen. Indem er mir nach Tibet folgte, habe er nur meinen Befehlen gehorcht; wenn irgend jemand strafbar wäre, müßte ich allein, nicht meine beiden Diener bestraft werden.

Die Lamas wurden hierüber zornig, und der eine von ihnen schlug mich mit dem dicken Ende seiner Reitpeitsche heftig auf den Kopf. Ich tat, als ob ich es nicht fühlte, trotzdem meine arme Kopfhaut noch lange davon schmerzte und brannte.

»Dann werden wir dich und deinen Diener schlagen, bis ihr aussagt, was wir wollen«, rief der Lama ärgerlich aus.

»Ihr könnt uns schlagen, wenn ihr wollt,« erwiderte ich dreist; »aber wenn ihr uns unrecht bestraft, wird es zu euerm Schaden sein. Ihr könnt uns die Haut herunterreißen, ihr könnt uns zu Tode bluten lassen, aber ihr könnt nicht machen, daß wir Schmerzen fühlen.«

Ando, der Verräter, der fließend Hindostanisch sprach, diente als Dolmetscher, wenn irgendein Hindernis in unserer tibetischen Unterhaltung eintrat; so wurde mit dem, was ich von der Sprache wußte, und mit Hilfe dieses Mannes den Tibetern alles so deutlich als möglich erklärt. Nichtsdestoweniger fuhren sie unbarmherzig fort, meinen armen Diener zu peitschen, der in seiner Todesangst in die Erde biß, wenn ein Schlag nach dem andern ihn traf und Stücke Haut und Fleisch abriß.

Tschanden Sing benahm sich heldenmütig. Kein Wort der Klage, keine Bitte um Gnade kam über seine Lippen. Er sagte, er habe die Wahrheit gesprochen und habe nichts weiter zu sagen. Von allen Lamas und Soldaten aufmerksam bewacht, saß ich mit erheucheltem Gleichmut vor diesem grausamen Schauspiel, bis sie, über mein Phlegma ärgerlich, den Soldaten Befehl gaben, mich wegzuschleppen. Wieder führten sie mich hinter das Lehmhaus, von wo ich deutlich das zornige Schreien der Lamas vernehmen konnte, die mit Tschanden Sing ein Kreuzverhör anstellten, und jenes furchtbare Klatschen der Peitschenhiebe, die ihm noch erteilt wurden.

Es fing an zu regnen, was ein Glück für uns war; denn ein Regenschauer übt in Tibet wie in China großen Einfluß auf das Volk aus, und man weiß, daß sogar Schlachten Einhalt getan worden ist, bis der Regen aufgehört hatte.

Dies war auch an jenem Tage der Fall. Sobald die ersten Tropfen fielen, stürzten die Soldaten und Lamas hier- und dorthin und in die Zelte hinein; ich wurde eilig in das entlegenste Zelt geschleppt, das bald vollgepfropft war von Wächtern, unter deren Aufsicht man mich gegeben hatte.

Im Hintergrunde des Zeltes saß mit untergeschlagenen Beinen ein Offizier von hohem Rang. Er trug ein schönes, rotes, mit Gold und Leopardenfell besetztes Gewand und an den Füßen hohe Stiefel chinesischer Form von schwarzem und rotem Leder. Durch den Gürtel hatte er ein prächtiges Schwert gesteckt, dessen massive Silberscheide mit großen Korallen- und Malachitstücken eingelegt war.

Dieser Mann, der ein Alter von fünfzig bis sechzig Jahren zu haben schien, hatte ein intelligentes, vornehmes, ehrliches und gutmütiges Gesicht. Ich fühlte denn auch beinahe vom ersten Augenblick an, als ich ihn sah, daß er mir ein Freund sein würde. Und in der Tat war es dieser Offizier allein, der, während die Lamas und Soldaten mich mit übermäßiger Härte behandelten und mich soviel sie konnten in gemeiner Weise ausbeuteten, mir etwas Ehrerbietung bewies und mein Benehmen zu würdigen schien. Er machte mir neben sich Platz und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich an seine Seite setzen solle.