»Ich bin ein Soldat«, sagte er in würdevollem Tone, »und kein Lama. Ich bin mit meinen Leuten von Lhasa gekommen, um dich festzunehmen, und jetzt bist du mein Gefangener. Doch du hast keine Furcht gezeigt, und ich achte dich.«

Indem er dies sagte, neigte er den Kopf, legte seine Stirn dicht an meine und streckte die Zunge heraus, um nach tibetischer Art große Betrübnis und Teilnahme auszudrücken. Dann machte er eine Gebärde, die andeutete, daß er noch mehr zu sagen wünschte, dies aber wegen der Gegenwart der Soldaten jetzt nicht tun könne.

Wir fingen nun eine sehr freundschaftliche Unterhaltung an, in deren Verlauf er mir sagte, er sei ein Rupun, nehme also den nächsten Rang nach einem General ein. Ich bemühte mich, ihn über englische Soldaten und Waffen aufzuklären; er zeigte auch das lebhafteste Interesse für alles, was ich ihm erzählte. Dafür gab er mir interessante Auskünfte über die tibetischen Soldaten. Jedermann in Tibet wird in Kriegszeiten oder wenn er zur Dienstleistung herangezogen wird, als Soldat betrachtet. Für das reguläre Heer können sich alle kräftigen, gesunden Burschen im Alter von über 17 Jahren anwerben lassen; die krüppelhaften oder schwächlichen werden als dienstuntauglich zurückgewiesen. Die bei den tibetischen Soldaten am meisten geschätzten Eigenschaften sind Geschicklichkeit im Reiten und unbegrenzter Gehorsam. Der Rupun schwur auf die tibetischen Luntenflinten, die er für die brauchbarsten Waffen der Welt hielt; denn seiner Meinung nach könne man, solange man genug Pulver habe, alles als Geschoß verwenden; Kieselsteine, Erde oder Nägel täten ebenso gute Dienste wie eine Bleikugel.

Wie er mir erzählte, würden in Lhasa und Schigatse große Mengen dieser Waffen hergestellt, von denen die meisten tibetischen Männer außerhalb der Stadt eine besäßen. Auch Schießpulver werde aus Salpeter und im Lande selbst gefundenem Schwefel gemacht.

Es machte dem Rupun, als er sah, wie behende ich im Aufschnappen von Worten war, ein besonderes Vergnügen, mir wie einem Kinde die Namen der verschiedenen Rangstufen in der tibetischen Armee beizubringen.

Der niedrigste Rang ist der des Tschupun, der nur zehn Mann unter sich hat; dann kommt der Kiatsambapun oder Kiapun, der Offizier, der hundert Mann befehligt, und der Tungpun oder Anführer von tausend Mann. Nur selten jedoch bekommen diese Offiziere die ihrem Range entsprechende volle Zahl von Mannschaften angewiesen, und sehr oft hat der »Befehlshaber von Tausend« höchstens drei- oder vierhundert Mann unter sich. Über dem Tungpun steht der Rupun, eine Art Generaladjutant; dann kommt der Dahpun oder Großoffizier; der höchste von allen ist der Magpun, der Obergeneral.

Einen dieser Generale hatten wir schon in Gyanema kennengelernt. Trotzdem mein Berichterstatter mir sagte, daß die Offiziere nach ihrer Tapferkeit im Kriege und ihrer Kraft und Geschicklichkeit im Sattel und mit der Waffe gewählt würden, wußte ich gut genug, daß dem nicht so war. Die Offiziersstellen werden hauptsächlich denjenigen gegeben, die dafür am meisten bezahlen können, und dann auch Leuten aus solchen Familien, die unter der besondern Protektion der Lamas stehen. In andern Fällen werden die Stellen auch tatsächlich öffentlich versteigert.

Die große Masse des tibetischen Volkes glaubt indessen, daß die von dem Rupun beschriebene Methode bei der Wahl von Offizieren wirklich befolgt werde.

Der Rupun besaß viel trockenen Humor, und als ich ihm erzählte, wie schnell die tibetischen Soldaten bei frühern Gelegenheiten davongelaufen seien, als ich ihnen mit meiner Flinte entgegentrat, konnte er ein herzliches, verständnisvolles Lachen, in das wir alle einstimmten, nicht unterdrücken. Er zeigte sich aber der Lage gewachsen und rief aus: »Ja, ich weiß, daß sie davonliefen, aber es geschah nicht aus Furcht. Sie liefen, weil sie dir kein Leid antun wollten.« Ich erwiderte, daß sie, wenn dies der Fall gewesen wäre, doch nicht so schnell hätten zu laufen brauchen!

Diese sarkastische Bemerkung belustigte den Rupun aufs höchste, und er mußte so darüber lachen, daß ihm die Tränen die Backen hinabliefen. Er klopfte mir auf den Rücken und meinte, ich hätte recht. Dann sagte er, es tue ihm leid, mich gefesselt zu sehen, er habe aber strengen Befehl erhalten, mir weder Nahrung zu geben noch meine Bande zu lösen.