Nachdem sich der Rupun erhoben hatte, um zu sehen, ob die Wachen schliefen, legte er sich wieder dicht an mich heran und murmelte:
»Nelon, nelon; palado. Sie schlafen, geh!«
So verführerisch dieses Anerbieten auch war, zwang mich meine Pflicht doch, zu bleiben.
Da ich die Hände frei hatte, war es mir möglich, während der Nacht etwas zu schlafen; als der Morgen kam, steckte ich die Hände wieder in die Stricke hinein.
Scheinbar sehr enttäuscht, band der Rupun die Stricke um meine Handgelenke wieder fest, und obgleich er ziemlich ärgerlich schien, daß ich die Gelegenheit zur Flucht, die er mir gegeben, nicht benutzt hatte, behandelte er mich doch mit immer größerer Achtung und Ehrerbietung. Er brachte sogar sein Puku zum Vorschein, das er mit dampfendem Tee aus dem Raksang füllte, einem Gefäße, in dem der mit Butter und Salz gemischte Tee über dem Feuer im Kochen erhalten wird, und führte es mir an den Mund, um mich daraus trinken zu lassen.
Als er bemerkte, wie hungrig und durstig ich war, füllte der gute Mann die Schale nicht nur einmal nach dem andern, bis mein Durst gelöscht war, sondern er mischte noch Tsamba und Klümpchen Butter hinein, die er mir mit den Fingern in den Mund stopfte.
Es war in der Tat rührend zu sehen, wie die freundlicher gewordenen Soldaten seinem Beispiel folgten und einer nach dem andern Hände voll Tsamba und Tschura holten und mir in den Mund steckten. Zwar waren ihre Hände nicht übermäßig reinlich; aber bei solchen Gelegenheiten ist es nicht angebracht, es damit zu genau zu nehmen; auch war ich so hungrig, daß mir das Essen, das sie mir gaben, köstlich schien. Ich war zwei Nächte und einen Tag lang ohne Nahrung geblieben, und mein Appetit war durch die Anstrengung des Kampfes wie durch die verschiedenen Aufregungen, die ich durchgemacht hatte, sehr rege geworden.
Diese große Höflichkeit und die Teilnahme, mit der nicht nur der Rupun, sondern auch die Soldaten mich jetzt behandelten, ließen mich vermuten, daß in der Tat mein Ende nahe sei. Daß es mir nicht möglich war, Nachrichten über Tschanden Sing und Man Sing zu erhalten, betrübte mich sehr, und das Schweigen der Soldaten, wenn ich nach ihnen fragte, legte mir die Befürchtung nahe, daß etwas Schreckliches geschehen sein müsse. Indessen verriet ich keine Angst, trotzdem meine Wächter freundlich waren, sondern gab mir den Anschein, als ob ich alles, was geschähe, für etwas ganz Natürliches hielte. So verbrachte ich den ersten Teil des Tages in lebhafter Unterhaltung mit den Soldaten, bemüht, meine Kenntnisse im Tibetischen dadurch zu fördern.
Bald nach Mittag kam ein Soldat in das Zelt und schrie, indem er mich mit seiner schweren Hand auf die Schulter schlug:
»Ohe!« (Es ist dies ein tibetischer Ausruf, den die ungebildeten Volksklassen immer beim Anfang einer Unterhaltung gebrauchen. Er entspricht unserm »Hör’ mal!«)