»Du wirst sie nicht länger als einige Augenblicke zu tragen haben, während wir dich vor sein Angesicht führen. Dann wirst du frei sein. Bei der Sonne und bei Kontschok-sum schwören wir dir, daß wir dich freundlich behandeln werden.«

Ich versprach, mich nicht zu widersetzen; hauptsächlich, weil ich keine Möglichkeit hatte, es zu tun. Zur größern Sicherheit banden sie mir die Füße und legten mir eine Schlinge um den Hals; dann wurde ich ins Freie hinausgetragen, wo ein Kreis von Soldaten mit gezogenen Schwertern sich um mich stellte. Während ich mit dem Gesicht nach unten platt auf dem Boden lag, von vielen kräftigen Händen fest niedergehalten, wickelten sie die Stricke von meinen Handgelenken ab und ersetzten sie durch die kalten, eisernen, mit einer schweren Kette verbundenen Fesseln. Sie brauchten einige Zeit, um das plumpe Vorlegeschloß zu befestigen; dann, als alles fertig war, banden sie meine Beine los.

Nun stellten sie mich wieder auf die Füße, und da sie wußten, daß ich meine Hände unmöglich freibekommen konnte, fing das feige Pack an, mich mit Beleidigungen und Schimpfreden zu überhäufen, die nicht mir als Individuum, sondern als Engländer galten. Sie spien auf mich und warfen mit Kot nach mir. Schlimmer als alle andern benahmen sich die Lamas, und der eine, der mir geschworen hatte, daß ich in keiner Weise mißhandelt werden sollte, wenn ich mich ruhig der Anlegung von Handschellen unterwürfe, tat sich unter meinen Quälern am meisten hervor und feuerte die Menge am eifrigsten zu weiteren Roheiten an.

Die Aufmerksamkeit der Menge wurde jetzt durch den Rupun, der mit einer Anzahl von Soldaten und Offizieren näherkam, in Anspruch genommen. Er schien sehr niedergeschlagen, und sein Gesicht war von geisterhaft blasser Farbe. Mit zu Boden gerichteten Augen und sehr leiser Stimme gab er den Befehl, daß ich wieder in das Lehmhaus gebracht werden solle.

Einige Augenblicke darauf kam er herein und verschloß die Tür hinter sich, nachdem er zuvor alle Leute, die in dem Zimmer waren, hinausgewiesen hatte. Wie ich schon früher erwähnte, haben tibetische Gebäude dieser Art eine viereckige Öffnung in der Decke, durch die sie Luft und Licht erhalten.

Der Rupun legte zum Zeichen der Anteilnahme seine Stirn an meine und schüttelte dann traurig den Kopf.

»Es ist keine Hoffnung mehr«, flüsterte er. »Heute abend wirst du enthauptet werden. Die Lamas sind schlecht, und das Herz tut mir weh. Du bist wie mein Bruder, und ich bin betrübt.«

Der gute alte Mann wollte mich die Rührung, die ihn erfaßt hatte, nicht sehen lassen, und so gab er mir durch Zeichen zu verstehen, daß er nicht länger bleiben könne, damit er nicht etwa der Freundschaft für mich beschuldigt würde. Der Pöbel drang in das Zimmer ein, und wieder wurde ich von den Lamas und Soldaten ins Freie hinausgeschleppt. Es folgte nun eine längere Erörterung darüber, wer den Schlüssel zu meinen Handschellen verwahren solle; schließlich wurde er einem der Offiziere übergeben, der sein Pferd bestieg und spornstreichs in der Richtung nach Lhasa davonritt.

Achtunddreißigstes Kapitel.
Ein qualvoller Ritt.

In diesem Augenblick hörte ich die Stimme meines Dieners Tschanden Sing, der mit schwacher Stimme mir zurief: