Hierauf folgte eine sehr interessante Vorführung von Reiterkünsten. Hätte ich nicht während der ganzen Zeit unter qualvollen Schmerzen gelitten, so würde ich mehr Vergnügen daran gehabt haben, indessen trug das Schauspiel doch viel dazu bei, mich aufzuheitern. Zuerst fanden Wettrennen statt, bei denen nur je zwei Pferde zugelassen wurden; zuletzt rannten die beiden Gewinner der letzten Einzelrennen; dem Sieger wurde eine Kata überreicht. Dann ritt ein Reiter, der eine Kata in der Luft schwenkte, in tollem Galopp voran, während zwanzig andere dicht hinter ihm folgten. Er ließ die Kata aus der Hand fliegen, und als sie auf den Boden niedersank, folgten die Reiter dem ersten und ritten mit ihm eine kleine Strecke weit; dann galoppierten sie auf ein gegebenes Zeichen alle wieder stürmisch nach der Stelle zurück und versuchten, indem sie sich von den Pferden herabbogen, die Kata aufzunehmen, ohne vom Pferde zu steigen. Einige der jüngern Männer zeigten hierbei viel Geschick.
Eine andere Übung bestand darin, daß ein Reiter in vollem Galopp auf einen stillstehenden Fußsoldaten zuritt, ihn bei den Kleidern ergriff und in den Sattel emporhob.
Die Schaustellung interessierte mich sehr, und ich äußerte so große Bewunderung für die Pferde, daß der Pombo den Befehl gab, mir die besten vorzuführen, und daß er mich dann in eine sitzende Stellung aufrichten ließ, damit ich sie besser sehen könne. Der Pombo war jetzt sehr aufmerksam und höflich.
Es war mir eine große Erleichterung, denn ich litt mehr unter meiner demütigenden Lage als unter den Folterqualen selbst. Nun sagte mir der Pombo, daß ich nach dem Zelte blicken solle; dann stand er auf und ging auf dasselbe zu.
Die Öffnung des Zeltes war über 6 Meter breit. Damit ich alles sehen könne, was drinnen vor sich ging, kamen einige Soldaten und zogen mich dicht davor.
Zwei dicke Lamas traten mit dem Pombo in das Zelt; die andern Leute, die darin waren, wurden hinausgewiesen. Nachdem sie das Zelt für ein paar Minuten geschlossen hatten, öffneten sie es wieder. Inzwischen rief ein Gong die Lamas aus dem Kloster herab; es dauerte nur wenige Minuten, bis eine Schar von ihnen kam und ihre Plätze im Zelt einnahm.
In seinem gelben Rocke und ebensolchen Hosen, den spitzen Hut auf dem Kopfe, saß der Pombo auf einer Art von hochlehnigem Stuhl in der Mitte des Zeltes; neben ihm standen die beiden Lamas, die zuerst mit ihm eingetreten waren. Ohne Zweifel befand sich der Pombo in hypnotischer Verzückung. Er saß regungslos da, die Hände flach auf die Knie gelegt und den Kopf hoch aufgerichtet. Seine Augen starrten unbeweglich. Einige Minuten lang blieb er in diesem Zustand, und alle Soldaten und das Volk, die sich vor dem Zelte versammelt hatten, warfen sich auf die Knie, legten ihre Mützen auf die Erde und murmelten Gebete. Nun legte der eine der beiden Lamas, ein Bursche von anscheinend großer magnetischer Kraft, seine Hand auf die Schulter des Pombo, dessen Arme sich langsam mit ausgestreckten Händen erhoben und lange Zeit wie in einem kataleptischen Zustande so blieben, ohne sich auch nur um eines Zolles Breite zu rühren.
Darauf berührte der Lama den Hals des Pombo mit seinen Daumen und rief dadurch eine schnelle, von links nach rechts gehende kreisförmige Bewegung des Kopfes hervor.
Während der Hypnotiseur gewisse Beschwörungsformeln sprach, fing der Pombo an, die außerordentlichsten Gliederverrenkungen zu machen, indem er die Arme, den Kopf, den Rumpf und die Beine wie eine Schlange bewegte. Er arbeitete sich in eine Raserei hinein oder wurde vielmehr in diese hineingearbeitet, welcher Zustand einige Zeit dauerte. Die Menge der Gläubigen zog sich immer näher an den Pombo heran, wobei sie inbrünstig betete und tiefe Seufzer und Rufe der Bewunderung und fast des Schreckens bei einigen der unmöglichsten Verrenkungen ausstieß.
Dann und wann schloß diese unheimliche Art von Tanz mit einer seltsamen Stellung ab; der Pombo klappte dann so zusammen, daß sein Kopf fast den Boden berührte und sein langer Hut flach auf dem Boden ruhte. Wenn er sich in dieser Stellung befand, gingen die Zuschauer einer nach dem andern hin, berührten seine Füße mit den Fingern, warfen sich nieder und begrüßten ihn mit feierlichen Salaams. So ging es einige Zeit fort, bis schließlich der Hypnotiseur den Kopf des Pombo zwischen seine Hände nahm, ihm in die Augen starrte, seine Stirn rieb und ihn aus der Hypnose erweckte.