Der Pombo war bleich und erschöpft. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, und sein Hut fiel ihm vom Kopfe, der glatt geschoren war, ein unverkennbares Zeichen, daß er ein Lama von hohem Range war.

Nach dieser religiösen Vorstellung wurden an alle anwesenden Tibeter Katas verteilt, die sie zusammenfalteten und in ihre Röcke steckten.

Als der Pombo aus seinem Prunkzelte herauskam, sagte ich ihm, daß der Tanz wunderschön sei, aber daß ich großen Hunger hätte. Er fragte mich, was ich essen wolle, und ich sagte, daß ich gern etwas Fleisch und Tee haben möchte.

Bald darauf wurde mir ein großes Gefäß mit köstlichem gedämpftem Jakfleisch und auch Tsamba im Überfluß gebracht. Aber trotzdem ich ganz ausgehungert war, hatte ich die größte Mühe, auch nur einige Bissen hinunterzuschlucken. Dies rührte, wie ich glaube, von den Verletzungen meines Rückgrats und von dem Absterben der Glieder her, das augenscheinlich meinen ganzen Organismus angegriffen hatte.

Als der Pombo sich zurückgezogen hatte und die Nacht herankam, wurde ich wieder an den Streckblock gebunden, diesmal aber mit nicht so weit auseinandergezerrten Gliedern. Auch meine Hände wurden wieder hinten an den Pfahl gebunden, doch ohne sie besonders anzuspannen.

Zweiundvierzigstes Kapitel.
Plötzliche Wendung meines Schicksals.

Spät am Abend kam ein halbes Dutzend Lamas aus dem Kloster mit einem Lichte und einer großen Messingschale, die, wie sie sagten, Tee enthielt. Unter ihnen war der verwundete Lama mit ganz verbundenem Kopfe. Er wünschte so dringend, daß ich etwas davon tränke, um mich während der kalten Nacht warm zu erhalten, daß ich mißtrauisch wurde. Als sie mir eine Schale mit dem Tranke an die Lippen brachten, nippte ich nur ein wenig davon und lehnte es ab, mehr zu trinken, wobei ich das, was sie mir in den Mund gezwungen hatten, ausspie. Ein paar Tropfen hatte ich hinuntergeschluckt, und nach wenigen Minuten empfand ich schneidende, qualvolle Schmerzen im Magen, die noch mehrere Tage danach anhielten. Ich kann daraus nur schließen, daß das dargebotene Getränk vergiftet gewesen sein muß.

Am folgenden Tage begann mein linker Fuß, der, seitdem ich zum erstenmal von der Streckfolter losgebunden worden, leblos geblieben war, sich zu bessern, und der Blutumlauf stellte sich allmählich wieder ein; die Schmerzen waren unerträglich.

Am Morgen schien Unentschiedenheit darüber zu herrschen, was mit uns geschehen sollte. Mehrere Lamas wünschten immer noch, daß wir enthauptet würden, der Pombo und die andern indessen hatten sich schon am vorigen Abend fest entschlossen, uns an die Grenze zurückzuschicken.