Da kam eines Tages Mr. J. Larkin an, den die indische Regierung eiligst abgesandt hatte, um die Untersuchung meiner Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Wenn ich auch noch viel Schmerzen zu leiden hatte, erbot ich mich doch, den Weg nach Tibet noch einmal zu machen und ihn bis an die Grenze zu begleiten. In schnellen Tagemärschen erreichten wir Garbyang.

Larkin war schon vorausgegangen, als eine Deputation von Schokas, die aus Tibet zurückgekommen waren, bei mir erschien. Unter ihnen bemerkte ich mehrere der Männer, die mich verraten hatten. Da ich erfahren hatte, daß es nicht möglich sei, sie für ihren Verrat zu bestrafen, nahm ich die Gerechtigkeit selbst in die Hand und war eben dabei, ihnen mit einem dicken Stock einen Begriff von dem beizubringen, was man Treue nennt, als das ganze Dorf herbeigelaufen kam und den Versuch machte, die Burschen aus meinen Klauen zu reißen. Durch die Tibeter ermutigt, machten die Schokas einige Bemerkungen über Engländer, die mir nicht gefielen; so wurde der Kampf allgemein, bis es mir, trotzdem ich krank und allein gegen hundertfünfzig Mann war, wirklich gelang, sie in die Flucht zu schlagen.

Bald hinter Garbyang holte ich Mr. Larkin ein, und wir stiegen langsam zu den Schneefeldern empor. Wir waren nur noch einen Tagemarsch von dem Lippupaß entfernt, über den wir nach Tibet gehen wollten, um dem Jong Pen Gelegenheit zu geben, sich befragen zu lassen. Er aber weigerte sich zu kommen.

Am nächsten Tage stiegen wir über den Lippupaß, um es den Tibetern leichter zu machen. Es hatte geschneit und war sehr kalt. Ein Schoka hatte sich wenige Tage vor uns beim Versuch, über den Paß zu gehen, im Schnee verirrt und war erfroren. Auf der tibetischen Seite angelangt, warteten wir ungeduldig auf den Jong Pen oder seine Abgesandten, die vorher durch Briefe aufgefordert worden waren, uns entgegenzukommen; aber sie erschienen nicht. So sagte ich denn am 12. Oktober Tibet, dem verbotenen Lande, endgültig Lebewohl. Wir kehrten nach unserm Lager zurück, das ungefähr 30 Meter tiefer als der Paß lag. Unsere Leute, die dort geblieben waren, hatten schwer von der Bergkrankheit zu leiden gehabt.

Nachdem unsere Aufgabe erfüllt war, kehrten Larkin und ich in Eilmärschen nach Almora zurück. Es war mir eine große Genugtuung, daß Larkin imstande war, da er die amtliche Untersuchung in einer öffentlichen Gerichtssitzung geführt hatte, ein reichliches Material von Zeugenaussagen über meine Behandlung durch Schokas und Tibeter zu erhalten, über das vorschriftsmäßig eingehend an die indische Regierung sowie auch an das Auswärtige und an das Indische Amt berichtet wurde.

In Askot erinnerte mich der alte Raot, der mir Unheil prophezeit hatte, als ich ihn in seiner Hütte besuchte, an seine Prophezeiung. »Ich habe dir gesagt, wer die Wohnstätten der Raot besucht, wird Unglück haben.« Ich photographierte den Schelm auf der Stelle mit einigen seiner Stammesgenossen, die befriedigt auf ihren Propheten hörten.

Ohne Verzug gingen wir nach Almora und von dort geradeswegs nach Naini Tal, der Sommerresidenz der Regierung der Nordwestprovinzen und von Oudh, wo der stellvertretende Gouverneur eine Konferenz über meine Angelegenheit abhielt. Nachdem ich dort die überaus liebenswürdige Gastfreundschaft des Obersten Grigg, des Kommissars von Kumaon, genossen hatte, lohnte ich meinen treuen Kuli Man Sing ab und verhalf ihm zu einer Lebensstellung. Er begleitete mich nach Kathgodam, der ersten Station der Eisenbahn, und bezeigte aufrichtige Trauer, als ich mit Tschanden Sing in den Zug stieg. Und als wir dann von der Station abdampften, machte mir der brave Kuli seine Salaams. Er hatte mich gebeten, ihn mitzunehmen, wenn ich je wieder nach Tibet zurückkehren sollte. Nur müsse er das nächste Mal auch eine Büchse bekommen. Dies war seine einzige Bedingung.

Tschanden Sing, der bis heute mein Diener geblieben ist, und ich reisten nach Bombay und von dort direkt nach Florenz, dem Wohnorte meiner Eltern, die um meinetwegen mehr Angst ausgestanden hatten als ich selbst – – auf verbotenen Wegen.

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