Beinahe hätte ich den Peschkar und den Doktor in eine böse Ungelegenheit gebracht; denn mein Blut, so wenig ich davon noch hatte, kochte vor Wut. Aufgebracht ergriff ich ein Messer, das neben mir lag, und stürzte mich auf Nerba, den Schurken, der nach mir geschossen und mich an den Haaren gehalten hatte, als meine Augen vor der schließlich unterbliebenen Exekution geblendet wurden. Wilson und Charak Sing aber, die mich beobachtet hatten, packten mich und nahmen mir die Waffe fort. Eine allgemeine Flucht der tibetischen Offiziere folgte, und damit wurden unsere Zusammenkunft und die Unterhandlungen zu einem plötzlichen Ende gebracht. –

Hier erfuhr ich auch, auf welche Weise meine Befreiung zustande gekommen war. Als Dr. Wilson und der Peschkar die Nachricht erhalten hatten, meine Diener und ich seien enthauptet worden, waren sie über die Grenze gegangen, um Erkundigungen einzuziehen und womöglich meine Sachen wiederzuerlangen. Von Suna, dem Manne, den ich mit meiner Botschaft vom Mansarowar geschickt hatte, erfuhren sie, daß ich noch gefangen, mit Wunden bedeckt, zerlumpt und ausgehungert sei. Sie hatten nicht Leute genug, um sich ihren Weg in das Land zu erzwingen und mir entgegenzukommen, und überdies wurden sie von den Tibetern streng überwacht; in Gemeinschaft mit Pundit Gobaria machten sie aber dem Jong Pen in Taklakot ernsthafte Vorstellungen, und schließlich, als sie ihm mit dem Erscheinen eines Heeres gedroht hatten, wenn er mich nicht freiließe, hatte der widerstrebende »Herr der Festung« (tibetisch = Jong Pen) die Erlaubnis gegeben, daß ich nach Taklakot gebracht würde. Diese Erlaubnis wurde wieder zurückgezogen, durfte aber endlich doch ausgeführt werden. So habe ich es einzig den freundlichen Bemühungen und der Energie dieser beiden Herren zu verdanken, daß ich heute noch am Leben und munter, wenn auch noch nicht gesund bin.

Pundit Gobaria, der der einflußreichste Schokahändler in Bhot ist und mit den Tibetern auf sehr freundschaftlichem Fuße steht, war der Vermittler, durch den die Unterhandlungen über meine sofortige Freilassung geführt wurden; daß diese Unterhandlungen zu einem befriedigenden Ende führten, war hauptsächlich dem guten Rate zuzuschreiben, den er dem Jong Pen erteilt hatte. –

Nach einer kurzen Rast zur Wiedererlangung der nötigen Kräfte setzte ich meine Rückreise fort und befand mich, nachdem ich den Lippupaß (5115 Meter) überschritten hatte, endlich wieder auf britischem Boden. In langsamen Märschen gingen wir bis Gungi hinab, wo ich meines schwachen Zustandes wegen in Dr. Wilsons Apotheke haltmachen mußte.

Wilson hatte hier einen großen Teil meines Gepäcks aufbewahrt, den ich am Anfang meiner Reise bei ihm zurückgelassen hatte. So ließ ich denn von mir und meinen beiden Dienern photographische Aufnahmen machen, die unsere Wunden und unsern traurigen Zustand zeigten.

Ich gebe auf dem Titelbild zwei Aufnahmen von mir wieder neben den andern beiden, die vor meiner Abreise gemacht worden waren. In dem en face aufgenommenen Bilde sieht man die Verletzungen an meinem linken Auge, ebenso die Spuren des glühenden Eisens auf der Haut von Stirn und Nase.

Es war wirklich wunderbar, wie bald wir unter der guten Pflege Dr. Wilsons und infolge guter Ernährung und Kleidung uns wieder zu erholen begannen. Als ich mein gräßliches Gesicht zum erstenmal im Spiegel sah, fiel ich fast in Ohnmacht. Aber nachdem ich meinen seit mehrern Monaten nicht geschnittenen Bart rasiert hatte, kam ich mir wieder mehr wie ich selbst vor. Und nachdem der stets gefällige Wilson einen ganzen Nachmittag damit zugebracht hatte, mit einer stumpfen Schere als Friseur zu funktionieren, fing ich an, fast wieder zivilisiert auszusehen. Zuerst waren mir die Kleider außerordentlich lästig; aber ich gewöhnte mich bald wieder an sie.

Die Verletzungen an meinem Rückgrat waren sehr ernster Natur und machten mir viel zu schaffen. Manchmal war meine ganze linke Seite wie gelähmt. Überdies machte es mir die größte Schwierigkeit, mich zu setzen, wenn ich gestanden, und aufzustehen, wenn ich gesessen hatte. Infolge der großen Anspannung, die meine Gelenke hatten aushalten müssen, waren sie steif und geschwollen und blieben es noch monatelang. Mit dem rechten Auge konnte ich verhältnismäßig gut sehen, aber den Gebrauch des linken hatte ich gänzlich verloren.

Ich sehnte mich jetzt danach, sobald als möglich nach Europa zurückzukehren, und reiste in Begleitung des Peschkar Charak Sing nach Askot. Der Nerpanipfad war an zwei oder drei Stellen eingestürzt, und man hatte nun rohe, gebrechliche Brücken über die tiefen Abgründe gebaut.

Überall wurde uns eine herzliche Aufnahme zuteil. Besonders in Askot, wo ich als Gast des guten alten Rajiwar in seinem Garten mein Lager aufschlug, genoß ich jede nur denkbare Pflege und Aufmerksamkeit.