Wir fragten natürlich sofort nach Dr. Wilson, und als wir ihn sahen, fanden wir, daß auch er uns kaum mehr erkannte, so verändert sahen wir aus. Er schien über unser Aussehen tief bewegt.

Als die Nachricht von unserer Ankunft sich im Lager verbreitete, wurde uns von allen, die nicht Tibeter waren, die größte Freundlichkeit erwiesen. In einer Ecke von Wilsons Zelt befand sich eine große Quantität Kandiszucker, mehrere Pfund; ich war so verhungert, daß ich davon große Stücke schnell verschlang. Später brachten meine Schokafreunde Geschenke aller Art in Gestalt von Eßwaren herbei, aus denen des Doktors Koch ein üppiges Mahl zu bereiten hatte.

Der politische Peschkar Charak Sing erschien schleunig mit einem Anzuge zum Wechseln für mich, und Dr. Wilson gab mir andere Kleidungsstücke. Mein eigener zerlumpter Anzug wimmelte buchstäblich von Läusen, denn unsere Wachen hatten uns nie erlaubt, die Kleider zu wechseln, noch je davon hören wollen, daß wir uns wüschen. Nur durch eine ganz besondere Gunst war uns damals gestattet worden, in dem heiligen Mansarowarsee zu baden.

Aquarellskizze von H. S. Landor.

F. A. Brockhaus, Leipzig.

DER TARJUM VON TOKTSCHIM.

Später am Tage untersuchte Dr. Wilson meine Wunden und Verletzungen und sandte darüber ausführliche Berichte direkt an die indische Regierung und an verschiedene Landesbehörden.

Von Wilson und Charak Sing sorglich gepflegt und durch reichlichen Genuß guter Speisen gestärkt, belebte sich wie durch Zauber wieder mein Mut, der schon ziemlich tief gesunken war, und so seltsam es klingen mag, nach ein paar Stunden des Glückes fing ich schon an, das Ungemach und die Leiden, die ich erduldet hatte, zu vergessen. Ich blieb drei Tage in Taklakot und erhielt in dieser Zeit einen Teil meines konfiszierten Gepäcks von den Tibetern zurückerstattet. Wie man sich wohl vorstellen kann, war ich überglücklich, als ich unter den wiedererlangten Sachen mein Tagebuch, meine Notizbücher, Karten und Skizzen entdeckte. Meine Feuerwaffen, etwas Geld, der Ring, den ich schon als Geschenk meiner Mutter erwähnt habe, mehrere mathematische Instrumente, Sammlungen, über 400 photographische Negative und verschiedene andere Gegenstände fehlten zunächst, aber ich war schon froh, so viel zurückzubekommen. Glücklicherweise erlangte die indische Regierung später einige der noch fehlenden Gegenstände.

In Dr. Wilsons Zelt erschienen auf dessen Wunsch der Tarjum von Toktschim, dessen Bildnis ich hier gebe, sein Privatsekretär Nerba, der eine wichtige Rolle bei meiner Folterung gespielt hatte, der Sekretär des Jong Pen und der alte Lapsang in einem schönen grünen Samtrock mit weiten Ärmeln. Die genannten tibetischen Beamten gaben vor dem politischen Peschkar, Dr. Wilson, Pundit Gobaria und vielen Schokas an, sie seien auf das, was sie getan hatten, stolz und sie gebrauchten Ausdrücke, die durchaus nicht schmeichelhaft für die britische Regierung waren, gegen die sie überdies eine absichtliche Verachtung zur Schau trugen.