Die Leute aus Gyanema fragten mich, ob ich sie im Falle eines Kampfes mit den Soldaten des Jong Pen anführen würde. Obgleich ich kein sehr großes Zutrauen zu ihrem Mut hatte, nahm ich doch den Posten als zeitweiliger Oberfeldherr an, wobei ich Tschanden Sing und Man Sing auf der Stelle zu meinen Adjutanten beförderte. Wir verbrachten den größten Teil der Nacht mit dem Ausbrüten unsers Angriffsplanes auf die Truppen des Jong Pen. Als alles in Ordnung war, überreichten mir die Tibeter zum Zeichen ihrer Dankbarkeit eine Hammelkeule, etwas Tsamba und zwei Stück Ziegeltee.
Der Morgen kam, und ich erhielt ein schönes Reitpferd; ebenso Tschanden Sing und Man Sing. Dann machten wir uns fröhlich auf den Weg nach Taklakot, gefolgt von meinen tibetischen Truppen, einer schönen Kavalkade. Wir hatten erfahren, daß der Jong Pen seine Leute an einem gewissen Punkte der Straße konzentrierte, um uns den Weg zu versperren, und diesen Punkt wollten wir mit Gewalt nehmen. Meine Tibeter sagten, sie haßten des Jong Pens Leute und sie würden sie alle niedermetzeln, wenn sie Widerstand leisteten.
»Aber sie sind solche Feiglinge,« erklärte einer der tibetischen Offiziere, »daß sie ausreißen werden.«
Alle diese Reden hörten plötzlich auf, als wir das ferne Geläute der Pferdeglocken unserer Feinde hörten. Obgleich ich meine Leute so gut ich konnte ermutigte, brach eine förmliche Panik unter ihnen aus. Die Mannschaften des Jong Pen kamen in Sicht, und gleich darauf wurde ich Zeuge des seltsamen Schauspiels von zwei einander gegenüberstehenden Armeen, von denen jede vor der andern Todesangst hatte.
Ungeachtet meiner Vorstellungen legten beide Parteien mit ängstlichem Eifer die Luntenflinten und Schwerter auf die Erde, um zu zeigen, daß sie nur friedliche Absichten hegten. Dann wurde eine stürmische Konferenz abgehalten, bei der jeder bereit schien, jedem gefällig zu sein, nur nicht mir.
Während dies noch vor sich ging, kam ein Reiter mit einer Botschaft von dem Jong Pen an, durch die uns endlich zu allgemeiner Befriedigung die Erlaubnis gegeben wurde, nach Taklakot weiterzuziehen.
Mein Heer ging seinen Weg wieder nach Nordwest zurück, und ich, von dem hohen militärischen Posten, den ich nur für wenige Stunden innegehabt, abgesetzt, wurde wieder ein Zivilist und Gefangener. Über kahle Felsen wurden wir auf einem steinigen Wege unter großer Eskorte am Gakkonflusse entlang geführt. Nachdem wir auf steilem Pfade hinabgestiegen waren, gelangten wir in einen dichtbevölkerten Distrikt, wo aus Stein gebaute Häuser über die ganze Landschaft verstreut waren. Zu unserer Linken sahen wir das große Kloster von Delaling, in einiger Ferne die Gomba von Sibling. Dann gingen wir in einem großen Bogen zwischen Steinen und Blöcken um den hohen, schön geformten Berg herum, auf dessen Gipfel die Festung und die Klöster von Taklakot standen.
An dieser Stelle angelangt, überfiel uns plötzlich so große Angst, daß abermals Zwischenfälle eintreten und wir wieder zurückgebracht werden könnten, daß Tschanden Sing und ich, sobald wir die hölzerne Brücke über den Gakkon glücklich passiert und das große Schokalager am Fuße des Hügels bemerkt hatten, unsern Pferden die Peitsche gaben und unsern Wachen entflohen. So schnell wir konnten, galoppierten wir an der hoben Wand entlang, wo Hunderte von Menschen in Lehmhöhlen wohnen, und – befanden uns endlich wieder unter Freunden!
Vierundvierzigstes Kapitel.
In die Heimat.
Die Schokas, die hierher zum Markte gekommen waren, um ihre Waren gegen tibetische einzutauschen, waren starr vor Staunen, als sie uns sahen, und sie erkannten uns kaum.