An der Spitze dieser Gesellschaft waren der erste Minister, ein Mann namens Lapsang, und der Privatsekretär des Jong Pen. Ich ging auf sie zu, um ihnen die Hand zu geben, und hielt eine lange, stürmische Unterredung mit ihnen; sie blieben aber fest und bestanden darauf, daß wir jetzt, da wir kaum mehr als einen Steinwurf von der Grenze entfernt waren, wieder umkehren und über den hohen Lumpiyapaß gehen müßten. Dies sei der Befehl des Jong Pen, dem sie ebenso wie ich zu gehorchen hätten. Sie wollten uns weder Reittiere noch Kleider schenken oder verkaufen, wozu die kleine Geldsumme, die ich noch bei mir trug, genügt hätte: sie wollten uns nicht einmal das kleinste bißchen Proviant geben. Dagegen protestierten wir nachdrücklich, indem wir sagten, daß wir es vorzögen, zu sterben, wo wir seien. Wir forderten sie auf, uns gleich auf der Stelle zu töten, da wir nicht einen Schritt weiter nach Westen gehen würden.

Jetzt machten Lapsang und der Privatsekretär des Jong Pen den schlauen Vorschlag, ich solle ihnen die Namen der Schokas, die mich nach Tibet begleitet hatten, schriftlich geben; wahrscheinlich beabsichtigten sie, deren Land und fahrende Habe zu konfiszieren. Da ich sagte, ich könne nicht tibetisch oder hindostanisch schreiben, baten sie mich, englisch zu schreiben. Dies tat ich denn, setzte aber an Stelle der Namen meiner Leute höhnische Bemerkungen, die den Tibetern wohl einige Überraschung bereitet haben werden, als sie sich das Dokument übersetzen ließen.

Weil sie sich jedoch weigerten, uns auf der Stelle zu töten, und weil Lapsang sich uns gegenüber sehr höflich zeigte und es sich sogar als persönliche Gunst für sich ausbat, daß wir über den Lumpiyapaß gingen, beschloß ich nach einigem Widerstreben, doch lieber ihre Bedingungen anzunehmen, als jetzt, da wir dem britischen Boden so nahe waren, noch mehr Zeit zu verlieren. –

Wir waren unter der Eskorte dieser großen Streitmacht bis dicht vor Kardam gekommen, als ein Reiter in vollem Galopp auf uns zusprengte und unsere Gesellschaft anrief. Wir hielten an, der Mann holte uns ein und übergab Lapsang einen Brief. Dieser enthielt den Befehl, uns sogleich nach Taklakot zu bringen.

Nun gingen wir auf demselben Wege wieder zurück, überschritten das wellenförmige Plateau über dem Gakkonflusse und erreichten spät abends das Dorf Dagmar, eine eigentümliche Niederlassung. Die Eingeborenen wohnen in Höhlen, die in die hohen Lehmwände des engen Tales gegraben sind.

Nachdem Lapsang, der Privatsekretär des Jong Pen und der größere Teil ihrer Soldaten die Pferde gewechselt hatten, ritten sie nach Taklakot weiter. Wir aber mußten hier haltmachen, als ein neuer Brief vom Jong Pen kam, in dem er sagte, daß er sich anders besonnen habe und daß wir trotz alledem über den Lumpiyapaß gehen müßten!

Während der Nacht entstand in dem Orte eine große Aufregung; die Leute rannten schreiend hin und her, und eine große Menge Reiter kam an.

Das tibetische Land ist sozusagen an Beamte verpachtet, die allmählich kleine Lehnskönige geworden sind und gewöhnlich miteinander in Feindschaft leben. Dieser Eifersucht und gewissen Streitigkeiten über das Wegerecht hatten wir auch das nächtliche Erscheinen dieser neuen Armee zuzuschreiben.

Es waren im ganzen 150 Mann, alle mit Luntenflinten und Schwertern bewaffnet. Der Anführer der Bande kam mit acht oder zehn Offizieren zu mir und sprach so aufgeregt, daß ich befürchten mußte, es stünden uns Unannehmlichkeiten bevor. Dem war in der Tat so. Die neuen Ankömmlinge, Offiziere und Soldaten aus Gyanema, Kardam und Barka, brachten den strengen Befehl von dem Tarjum von Barka, daß wir unter keiner Bedingung durch seine Provinz oder über den Lumpiyapaß gehen dürften. Dies war spaßhaft und peinlich zugleich; denn nun war für uns gar kein Weg über die Grenze offen.

Als unsere Wachen und einige von den Leuten des Jong Pen, die zurückgeblieben waren, sahen, daß sie sich in der Minderheit befanden, hielten sie es für geraten, sich zu verziehen; ich aber, natürlich nur darauf bedacht, so schnell als möglich aus dem Lande zu kommen, stimmte allem bei, was die Leute von Gyanema sagten, und ermutigte sie sogar, für den Fall, daß der Jong Pen noch weiter darauf bestehen sollte, daß ich des Tarjums Provinz passieren müsse, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Alle Wege, die aus dem Lande führten, waren uns jetzt verschlossen, und ich sah ein, daß wir, wenn wir nicht unsere Zuflucht zur Gewalt nähmen, überhaupt nie entkommen würden.